Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 186 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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186 behandeln. — Es giebt keinen Menschen, an welchem nicht Licht- und Schattenseiten sich vorfinden. Nicht minder ist dies bei den Völkern der Fall. Ware dies nicht so, gebe es Nationen, die in völliger Roheit, ganz und gar in Bestialität versunken wären: so müßte man sich ernstlich fragen, wie ist es möglich, daß sie existiren, daß sie zu bestehen fortfahren? Die letztere Frage drängte sich uns in der That auf, als wir in den letzten Jahren die Schilderungen mehrerer Schriftsteller lasen, die in strenger oder belletristischer Form das Leben, die Sitten und Culturzustände aus jenen Ländern, welche sie „Halbasien" nennen, uns vorführen. Es war nichts als Schatten, finstere Nacht. Aber eS kommt bei dem Entwerfen solcher Bilder auf den Standpunkt an, von welchem der Autor ausgeht, auf die Gesinnung, die er milbringt. Wer bloß von den Forderungen der reinen Humanität und der höchsten Civilisation ausgeht, stößt jenseits der Weichsel und der Karpathen leicht nur auf Dinge und Vorgänge, welche ihm barbarisch erscheinen, wie denn im Gegentheil dem naturwüchsigen Beobachter viele Seiten der höchst civilisirten Nationen verkehrt und dunkel vor die Augen treten müffen. Wenn man die Uriheile vieler christlicher Beobachter über die mohammedanischen Völker liest, so hält man diese für unter das Niveau jeder Cultur gesunken. Gäbe es aber mohammedanische Sittenschilderer über die christlichen Völker, so würden sie sich nicht minder hart über die letzteren auslassen können; sie brauchten z. B. nur die Branntweinpest zu beachten, welche so viele sittliche und materielle Verwüstung anrichtet. Viel mustergültiger ist z. B. noch immer der Römer Tacitus, der an den wilden und rohen Germanen so viele Tugenden hervorzuheben und zu rühmen verstand, allerdings mit der wahrscheinlichen Absicht, seinen Römern ein Spiegelbilv vorzuhalten. Wie überaus verschieden waren und sind die Schilderungen, die uns von den amerikanischen Rothhäuten entworfen wurden und werden! Nein, unsre Ueberzeugung ist, daß die Menschennatur so reich und so zähe ist, daß sie unter allen Umständen und auf allen Culturstufen, auch unter den ungünstigsten Einflüssen noch große Tugenden, noch Helle Lichtpartien, noch gemächliches und heiteres Leben zu entwickeln vermag. Auch unter der Schneehütte des Eskimo, unter der Schlammhütte des Fellah vermag sich der Mensch das Dasein erträglich zu machen, und dies ist nur durch gute und liebenswerthe Eigenschaften möglich. Der Misanthrop findet Alles verwerflich, der Menschenfreund sucht überall einen Lichtblick im Volks- und Menschenleben auf. Diese Gedanken finden ihre Anwendung besonders auf die polnisch-russischen Juden. Seit der Selbstbiographie Salomon Maimon's besitzen wir eine ganze kleine Literatur über die Zustände, Eigenschaften und Lebensart dieses großen Zweiges unsrer Glrubensgenosienschast. Männer, die aus der untersten Schicht jener Masse mitten in das Culturleben hineivgelangt sind, nach harten Kämpfen und nachdem sie den Wermuthsbecher bis auf den Gund ausgetrunken, eignen sich selbstverständlich nur dazu, Wesen und Leben dieser Bolksmaffe mit den dunkelsten Farben zu malen, oft noch dazu angespornt durch das Streben, recht pikant und ergreifend zu sein, oder, wenn es ihrer eigenen Person gilt, sich recht heroisch zu zeigen und von dem rabenschwarzen Hintergründe sich abzuheben. Wer sich in das intimste Familienleben, in die geheimsten Triebfedern und Entfaltungen ihres GemütheS versenkt, findet auch da noch Erfreuliches, ja Erhebendes. Eines vor Allem muß man sich klar machen, daß man nicht glauben dürfe, durch harte Urtheile, abstoßende Schilderungen, gravirende Behauptungen eine Beffergestaltung hervorzurufen. Diejenigen, welche jene eigentlich betreffen, erhalten gar keine Kunde davon; hingegen wird der Riß zwischen dem kleinen gebildeteren Theile und der großen rohen Masse in jenen Gegenden dadurch nur erweiterter und Zwietracht und Mißachtung nur noch mehr ausgestreut. Wir entnahmen dies unmittelbar aus Correspondenzen, die uns aus jenen Ländern betreffs der „halbasiatischen" Schriften jüngsten Datums zugekommen. Sie haben sehr erbittert und nicht das Geringste geholfen. Einen anderen Weg vermeint der Verfasser folgender Schrift eingeschlagen zu haben: „Polnische Juden. Geschichten und Bilder von LeoHerzberg-Fränkel. Zweite vermehrte Auflage. Stuttgart, Carl Grüninger. 187 8." Der Verfasser sagt hierüber in seinem Vorwort: „Und doch giebt eS in dem lichtlosen Sein des polnischen Juden, in seinem stillen Heim, in seinem decenten und bescheidenen Familienleben Momente, welche der Menschenfreund und Menschenforscher bewundern müffen, begegnen uns im Dunkel bemitleidenswerther Existenzen lichte Punkte — wie zuweilen aus bewölktem Nachthimmel hier und da ein Stern bricht — und diese Punkte aus dem Leben, Streben und Glauben des polnischen Juden waren es, die der Verfasser dem Leser vorführen wollte, und zwar in erster Linie dem nicht jüdischen Leser." Wir haben diese Stelle citirt, um der Unparteilichkeit zu genügen. Ob der Verfasser seinen Zweck erreicht hat? Wir lesen die beiden ersten Geschichten, „der Klausner", „Heirathen". Wir finden in ihnen nichts vom „Stern", sondern nur „bewölkten Nachthimmel", derselbe finstere Aberglaube, dem das Menschenglück zum Opfer fällt, das längst bekannte Cheder, die welke Jugend, das frühe Heirathen, dieser Moloch der polnischen Juden, der Wunderrabbi, die zänkischen Frauen u. s. w., alles Dies schon in den beiden ersten Geschichten! Man sage uns nicht, in anderen Theilen dieses Buches komme es anders. Möglich, aber Jedermann hat nur ein bestimmtes Maß von Ausdauer und dies war für uns bereits erschöpft. — Alexander Weill. „ LAtheisme d6racine de la science et de la democratie. Paris, Dem«. 1878.“ Herr Alexander Weill will also in diesem Schriftchen (132 S.) erweisen, daß der Atheismus weder in der Wissenschaft noch in der Demokratie eine Wurzel hat, also auch umgekehrt für sie kein Fundament hergiebt. Er thut dies in Form einer Disputation zwischen sich und einem Atheisten. Herr Weill ist ein Schriftsteller, wenn man so sagen darf, ganz apart. Er ist ein aufgeklärter Geist, ausgerüstet mit scharfsinnigem