Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 185 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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185 fehlt es noch in den meisten, sogar größten Gemeinden unseres Landes an gehörigen Bildungsanstalten für die Jugend und ist es jetzt die höchste Zeit, daß die Gemeinden aus ihrer bisherigen Lethargie sich aufraffen, um Erziehungsanstalten zu gründen. Denn nur durch die Intelligenz werden wir unfern christlichen Mitbürgern Achtung einflößen und sie günstig für uns stimmen. Und es muß dies um so mehr betont werden, als wir jetzt Beweise erhalten haben, daß Mangel an Bildung den schädlichsten Einfluß auf ein Volk ausüben muß, und da uns, wenn der „fanatische^' Chasstdismus sich einzuschmuggeln beginnt, ein größerer Feind droht, als wir ihn bisher hatten. Ich will mit diesen wenigen Worten das Meinige gethan haben und hoffe, daß Gesinnungsgenoffen in diesem Sinne weiter wirken werden. Adolf Wahrmann. Egypten. Kairo, l. Februar. Die Arcli. isr. enthalten einen Bericht von hier, aus welchem wir das Thatsächliche hervorheben. Die hiesige israelitische Gemeinde macht rasche Fortschritte auf dem Wege der Civilisation. Am meisten trägt hierzu die seit längerer Zeit gegründete Schule Talmud Thora bei, welche von ungefähr 400 Zöglingen beiderlei Geschlechts besucht wirb, und in welcher Hebräisch, Italienisch, Arabisch, Französisch, Rechnen, Geschichte und Geographie von sehr tüchtigen Lehrern unterrichtet wird. In gleichem Emporblühen befindet sich das Hospital, das in Reinlichkeit, in Sorgfalt für die Leidenden und in Pflege der Pensionäre mit den besten derartigen Anstalten wetteifert. Es kann dreißig Kranke, im Nothfall noch mehr, aufnehmen. Außerdem verdient auch die Chebrath Bethuloth Anerkennung, welche unter dem Protectorat der hochgestelltesten Damen für die Berheirathung und Ausstattung junger Mädchen sorgt. Einen sehr günstigen Eindruck machte eine Trauerfeier für den König Victor Emanuel in der Synagoge Misriim, welcher außer der Maffe der Israeliten auch der Herr von Leffeps, Riza-Pascha, der Polizeimeister, der Generalconsul von Italien, der griechische Consul, Deputationen der Vereine aller europäischen Colonien von Kairo mit ihren Fahnen beiwohnten. Eine hebräische Trauerrede vom Rabbiner Jomtob Israel, darauf in italienischer Sprache vorgetragen, sowie Reben des Abvocaten Dr. Rossi Bey, Sohn des Rabbiners und des H. Lusena brachten nebst den Gesängen von Psalmen die ergreifendste Wirkung auf die Zuhörer hervor, und man erkennt allseitig das Streben der Israeliten an, sich der europäischen Cultur zu nähern. Bonn, 3. März. (Notizen.) Man schreibt uns: Der Lehrer Herr Blumen au in Bielefeld ist in den geschaftssührenden Ausschuß des „Landesvereins preußischer Volksschullehrer" gewählt worden, eine Auszeichnung, die dem verdienten Manne einen weitern Wirkungskreis eröffnet. — Wir erhalten on Coblenz die Berichtigung, daß die Wahl eines Rabbinen noch nicht getroffen, also Herr llr. Lew in in Kozmin noch nicht gewählt worden ist. Bonn, IO. März. (Notizen.) Man schreibt aus Berlin: Die Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde erhielt dieser Tage ein Geschenk Ihrer Majestät der Kaiserin von 300 Mark. — Es liegen uns die Nummern 53—55 des „Schweidnitzer Stadtblattes" vor. Von dem dortigen katholischen Stadtpfarrer, Hugo Simon, ist unter dem Titel „Mirabilia" eine Schrift erschienen, welche die äußerste Erbitterung gegen Staat, Presse, Protestantenvereinler, Reformjuben, Freimaurer u. s. w. bekundet. Sie ist eine „Gefängnißstudie", denn der Bersaffer ist wegen Preßvergehen zu Gesängnißhaft verurtheilt gewesen. In den gedachten Nummern wird dem extravaganten Verfasser in durchaus würdiger Weise auf die Finger geklopft. Da das Buch, wie wir aus der letzten Nummer ersehen, confiscirt worden, so können wir unsrerseits eine nähere Notiz nicht davon nehmen. — Vor Kurzem hielt der Großrabbiner Herr Astruc eine Vorlesung im Cercle artistique über „Die spanischen Juden unter arabischer Herrschaft." Die Verhältnisse, Bestrebungen und Erfolge der spanischen Juden in gedachtem Zeiträume, insbesondere das Leben und Wirken deS Maimonides bildeten den Gegenstand des Vortrages, und schloß der Redner damit, daß er einige Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt des Judenthums warf. Hr. Astruc erwarb vielen Beifall und brachte die ludepeudaoce beige vom 9. d. eine anerkennende Analyse. — Aus Stuttgart theilt man uns mit, daß am 3. d. die israelitische Armen- und Krankenunterstützungscasse ihren 25jährigen Bestand und zugleich die 25-jährige Verwaltung durch ihren Begründer, den Hofralh, Israel. Oberkirchenvorsteher und Gemeinderarh Adolph Levi gefeiert hat. Bei dem Festessen wurde dem Jubilar als Andenken die Philippson-Dorö'sche Prachtbibel überreicht. Bonn, 10. März. (Literarische Notizen.) Wir machen auf einen Aufsatz des Prof. Vr. Schiller-Szinessy in der „Academy“ (einer in London erscheinenden literarischen Wochenschrift) vom 23. Februar (No. 303, p. 170 ir.) aufmerksam. Derselbe ist eine Kritik der besonders für den Text wichtigen Ausgabe der Pirke Aboth von Charles Taylor (Cambridge 1877) und enthält zugleich sehr zu beachtende Bemerkungen über den Talmud Jeruschalmi, indem er schlagende Gründe für die Ansicht heranbringt, daß dieser Talmud einst über die ganze Mischnah existirte. Der Verfasser giebt sich der Hoffnung hin, daß derselbe noch irgendwo in Manuscripl aufgefunben werden wird. Da er beabsichtigt, eine kritische Ausgabe des Jeruschalmi zu bewerkstelligen, zu der er dann eine Einleitung abfassen wird, so gedenkt er diesen Gegenstand ausführlich zu 12