Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
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184 parallel dem Rabbi „Srolce" — Vater des jetzigen Rabbi von Sadegüra — seiner Zeit gewissermaßen eine chassidische Dynastie in Rußland begründet, und seine 10 Söhne als Apostel in die verschiedensten Gegenden Rußlands geschickt, wo sie dem Chassidismus zur Herrschaft verhelfen haben. Uebrigens hat dieser Rabbi, der jetzt unsere Stadt mit seiner Gegenwart beglückt, eine berühmte Vergangenheit. Es dürfte seine Geschichte vielleicht manchen Lesern dieser Zeitung bekannt sein. Er wurde durch seine 50,000, sage fünfzig Tausend Anhänger in Rußland derart übermüthig, daß er nach Höherem strebte. Er strebte nach der „weltlichen Herrschaft" und wollte Europa mit einem neuen Souverain bereichern. Ein moderner Sabatai Zewi! Er ließ sich von feinen Leuten zum König proclamiren, und in seinem silbernen Thronseffel war der berühmte Spruch th ’",n „David der König Israels lebt wieder" geprägt. Nun notificirte er seine Thronbesteigung zwar nicht den Höfen Europas, dafür bekam aber der Ortsgouverneur um so schwereres Geld, denn diesmal sollte Schweigen silberne Rubel bringen. Nach einigen Jahren kam aber die Affaire doch zu Ohren der Regierung. Er wurde nun so lange verfolgt, daß er sich endlich jetzt flüchten mußte. Jetzt wandert er herum, ein 70 jähriger Greis, und zieht mit einem Gefolge von beinahe 30 Personen jedesmal in eine andere Stadt Rumäniens ein, wo er gar manche seiner Anhänger, die während des Krieges hier weilen, trifft. Da wird ein Unfug getrieben, ein Schwindel, der beispiellos ist. Denn darin übertrifft unser Wunderrabbi alle seine Collegen, sogar den Rabbi von Sadegüra, der seine Sache wenigstens mit einem gewiffen Anstand betreibt. Es wäre unmöglich, den Lesern dieser Zeitung die Art und Weise zu schildern, wie dieser „König" den armen Leuten den schwer erworbenen letzten Groschen entzieht, um sich dann über sie lustig zu machen. Sie verpfänden das letzte HauSgeräth, um sich für den Erlös Zutritt beim Rabbi zu verschaffen, dort ihm ihr Unglück, ihre Armuth zu schildern und sich eine beffere Zukunft zu „erbeten", und mit welcher Verachtung und Geringschätzung werden sie in Folge ihrer Armuth, da sie dem Rabbi nicht so viel zu leisten vermögen, als er ihnen abfordert, behandelt. Seine Chassidim behaupten, daß darin sein Gottesdienst bestehe, daß der Rabbi durch das fleißige Geldpumpen mehr bei der Gottheit zu erwirken vermöge, als ganz Israel durch Beten und Fasten. Kein Wunder, daß er sein Handwerk so ungenirt und ohne jeglichen Anstand betreibt, in einer Weise, daß es die menschliche Vernunft empört, und würde ich es genau zu schildern versuchen, ich würde von Juden des Westens kaum verstanden werden. Denn man muß das mit eigenen Augen gesehen haben, um diesen schändlichen Auswuchs des Judenlhums in seiner vollen Häßlichkeit zu kennen und einzusehen, wie viel, sehr viel die Bildung in unserem Lande nachhelfen muß, um diesem traurigen Zustande ein Ende zu machen. Denn unsere Behörden, die sich sonst gegen Juden nicht allzusehr tolerant zeigen, benehmen sich dem gegenüber sehr indifferent, und sehen diesem unwürdigen Treiben ganz gleichgiltig zu, natürlich um sich dann über die Juden lustig machen zu können. Dem ist nicht anders abzuhelfen, als wenn immer mehr und mehr Terrain für die Intelligenz gewonnen wird, unv es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß Verbreitung der Bildung in Rumänien durch Gründung von Schulen und dergleichen von größerer Bedeutung ist, als in allen übrigen Ländern des europäischen Ostens. — Man kann bei uns noch fast alle Juden von den gefährlichen Schlingen des Chassidismus und des Aberglaubens retten. Denn es ist eine gewisse Eigenthümlichkeit mit den Juden Rumäniens. Mit Ausnahme der wenigen Gebildeten, die ihren Glaubensgenossen des Westens nicht nachstehen und zur Fahne der Bildung schwören, sind die übrigen Juden in ihren religiösen Ansichten nicht von bestimmter „Farbe". Der Culturschilderer dieser Gegenden möchte wirklich in Verlegenheit kommen, wenn er sie in eine bestimmte Claffe einreihen möchte. Sie sind Chassidim und auch dem Fortschritte nicht abhold. Auch die, welche man als ausgesprochene Chassidim ansehen möchte, sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, „Gelegenheitschassirim", ohne jede Tendenz und ohne jenen Fanatismus, welcher das Charakteristische eines Chassid von echtem Schlag ist. Es fehlen ihnen ein Mittelpunkt und geistige Oberhäupter, wie es in Galizien oder Rußland der Fall ist. Wenn in Galizien oder Rußland jeder Chassid seinen bestimmten Rabbi hat, den er verehrt und auf den er sein ganzes Vertrauen setzt, sind für unsere Chassidim alle Rabbis gleich gut, wenn man ihrer nöthig hat. Ist Jemand leidend oder ist seine Frau kinderlos, und haben der berühmte Wiener Professor und die Heilquellen Franzensbads nichts geholfen, so versucht er es einmal mit dem Rabbi, der sich ihm bietet. Kommt gar einmal ein „guter Jüd" hierher, so läßt er sich nicht nehmen, seine fernere Gesundheit und sein Wohlergehen durch einen „Pidjon" zu assecuriren. Dieser Zustand, wie bisher, wenn auch traurig, war doch harmlos genug, um nicht Besorgniß einzuflößen. Nun, da uns der jetzige Krieg auch russische Rabbis bescheerte, die unser Land gehörig auszubeuten und sich eine beständige Clientel zu verschaffen verstehen werden, muß man mit aller Entschiedenheit dagegen wirken. Denn diese „russisch-chassibischen Gäste" übertreffen an Unverschämtheit Alles, was man je im Leben von Dergleichen hört, und die Thatsache, daß der Rabbi, der jetzt in unfern Stadtmauern sich befindet, in acht Tagen, wie es heißt, bereits eine Summe von 2000 Dukaten zusammengebracht hat, und daß Bottuschan jetzt bei 1000 Fremde beherbergt, die aus der Umgegend zu ihm wallfahrten, um noch seinen Säckel mit manchem Dukaten zu füllen, wiegt zu schwer, als daß man sich apathisch dazu verhalten soll. Diese russischen Schwindler werden erkannt haben, daß Rumänien ein günstiger Platz für ihre Schwindeleien ist. — Es ist daher die moralische Pflicht der intelligenten Claffe durch Verbreitung der Bildung dem entgegenzuwirken; die Wissenschaft soll ihr verdammendes Urtheil über dieses unwürdige Treiben aussprechen. Leider