Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Pera, 19. Februar. Ter „K. Ztg." wird von hier geschrieben: „Das internationale Comitö sorgt jetzt für den Unterhalt von 18,000 Personen, worunter sich 14,000 Türken, 1700 Christen und 2300 Juden befinden. Wie ich es aus sicherster Quelle erfuhr, belaufen sich seine Ausgaben auf 25,000 Pfund wöchentlich; leider entspricht denselben die Höhe der Einnahmen nicht in genügender Weise, obwohl von Europa viele Geldsendungen eingehen. Die Untercomitüs von Besek und Kadiköi versorgen 1500 Christen und 500 Juden. Achmet Rassim Pascha, der Präfect von Pera, hat sich mit dem internationalen Comitü in Verbindung gesetzt und demselben mitgetheilt, er habe für 150,000 Flüchtlinge zu sorgen und wisie nicht, wo aus noch ein". — Diese internationale und interconfessionelle Wohlthätigkeit, auf reiner Humanität beruhend, ist ein Lichtblick in der erschreckend finstern Nacht dieses ganzen Bildes. Wie sollen diese vielen Flüchtlinge wieder zu einer Wohnstätte und einem Erwerbe gelangen?! Die größere Zahl derselben ist dem Untergänge geweiht. Konstavtiuopel, 5. Marz. lPrivatmitth.) Das große welthistorische Ereigniß ist vollbracht — die Türkei hat aufgehört, ein einflußreicher, ja selbst nur ein lebensfähiger Staat in Europa zu sein. Wie weit die drei Großmächte Rußland, Oesterreich und England, die an der Orientfrage participiren, in politischer Beziehung sich vergleichen, wie lange noch Bosnien und Herzegowina einerseits, Macedonien, Epirus, Thessalien andrerseits der Türkei unterworfen bleiben werden, sind Fragen, welche in näherer oder weiterer Zeit zur Lösung gelangen werden, uns aber an dieser Stelle nicht interessiren. Nahe hingegen liegt uns das Schicksal unserer Glaubensgenossen in dem neugeschaffenen Staate Bulgarien. Wir können es als ein großes Glück betrachten, daß Salonichi und Adrianopel im Besitze der Türkei geblieben sind, das erstere mit seiner überaus großen, das zweite mit seiner zahlreichen jüdischen Gemeinde. Denn sei es die angeborene, noch nicht gezähmte Wildheit der Bulgaren, sei es die in ihnen durch Aufstand und Krieg entflammte Wulh derselben, vas Schicksal, das sie den Mohammedanern und Juden aus der Bulgarei bereitet haben und ferner bereiten werven, ist das denkbar Schrecklichste. Bekunden doch neueste Nachrichten, daß die Bulgaren in den letzten Tagen um Acrianopel alle Mohammedaner niedergemetzelt haben, auf welche sie stießen. Und dies geschieht, während die Ruffen noch die Herrschaft im Lande führen. Welche Aussichten, wenn dieses Volk erst ganz autonom und mit der eigenen Miliz im Lande herrschen wird! An eine Aussöhnung, an ein Ende dieser Feindseligkeit ist nicht zu denken. Dies beweist der jetzt bekannt gewordene Friedensvertrag selbst, der die Vertreibung der Mohammedaner dadurch sanctionirt, daß er ihnen eine zweijährige Frist zur Geltendmachung ihrer Ansprüche auf ihre unbeweglichen Güter vor einer zu ernennenden Commission bewilligt. Die Juden in Kasanlik und anderen bulgarischen Ortschaften sind die traurigen Beweise, daß das Geschick der Juden kein anderes sein wird als das der Mohammedaner, und daß auch für sie Nichts rathsamer sei, als aus der Mitte des barbarischen Volkes zu fliehen, was sie denn auch mit geringer Ausnahme bereits gethan. Daß von dem in Aussicht stehenden Congreffe der europäischen Signatarmächte etwas Wesentliches für das Geschick der unglücklichen Nichtchristen geschehen werde, dieser Hoffnung leben wir nicht. Frühere Beispiele flößen uns dergleichen nicht ein. Und was Helsen auch einige Worte auf dem Papiere? Die bulgarische Raub- und Mordgier würde durch sie nicht beschworen werden und spätere Klagen bei den einzelnen Cabinetten finden keine nachhaltige Abhülfe, wie wir dies hinlänglich in Rumänien erlebt haben. Paris, im März. . Das Februarbulletin der Alliance isr. »niv. enthält eine Reihe von Depeschen und Briefen über die israelitischen Flüchtlinge, die in Konstantinopel anlangten. Diese Mittheilungen gehen aber nur bis zum 8. Februar, und geben somit für den gegenwärtigen Zustand keinen rechten Maßstab mehr ab. Am 8. Februar betrugen die israel. Flüchtlinge 438 Familien mit 2302 Personen. Das Elend ist groß. Dennoch aber geht auch aus dieser Zahl hervor, daß die jüd. Bevölkerung in Bulgarien eine verhältnißmäßig nur schwache ist, und daß wir es als ein Glück anzusehen haben, daß der Friedensvertrag die großen Gemeinden von Salonichi und Avrianopel bei der Türkei beläßt. Die Sammlung der Alliance betrug am 3. Mär; 253,281 Francs. Rumänien. Bottuschan, im März. (Privatmitth.) Mitten in der Zeit, welche für uns, die Bewohner Rumäniens, recht peinlich ist, da wir zwischen Furcht und Hoffnung schweben, ob uns die nächsten Tage den Frieden oder den Krieg bringen werden, der besonders für uns sehr verhängnißvoll werden kann, erlebt unsere Stadt ein Schauspiel, welches tragikomischer Natur, nur den Abscheu und Widerwillen aller Gebildeten Hervorrufen kann und um so geeigneter ist, in dieser kritischen Zeit unser Gemürh zu verdüstern und uns traurig zu stimmen. Wir beherbergen in unserem Lande umher nicht nur russische Generäle und Feldmarschälle, es haust seit einiger Zeit auch — ein Ungeheuer, das, aus Rußland gekommen, allen intelligenten Menschen zum Hohne sein fürchterliches Unwesen treibt. Es ist das der berüchtigte Wunderrabbi David von Tolna in Rußland, Wunderrabbi ersten Ranges, der zwar nur wegen „Familienangelegenheiten" nach Rumänien gekommen, es aber doch nicht unterläßt, seinen Säckel mit dem Gelde der gläubigen Menge zu füllen, die sich in dem fleißigen Einzahlen von Peterspfennigen überbietet, um ja nur seine „Fingerspitze" zu berühren oder des Blickes seiner Augen gewürdigt zu werden. Er ist der Sohn jenes berüchtigten, auch von Grätz in seiner Geschichte des Judenthums (XIII. Band) namhaft gemachten Wunderrabbis Motil von Czernoble, der