Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Ausgaben zu? Warum werden nicht beide Punkte, die er angiebt, von den 2000 st. Ueberschuß ausgeführt? Wir meinen, daß, so lange der Borfianv einen so großen Ueberschuß über die Ausgaben erzielt, die Spenden nicht reichlicher fließen werden, da sich Jedermann sagt, die Einnahmen seien größer als der Bedarf. Erst wenn man sieht, Laß der Mangel an genügenden Mitteln der Wirksamkeit des Vereins entschiedene Grenzen setzt, werden sich die Herzen von Neuem erwärmen und die Beutel sich öffnen. Großbritannien. London, 7. März. »Privatmitlh.) Unsre Leser werden es nicht für unangemesien finden, wenn wir auf denselben Gegenstand wiederholt zurückkommen, der an und für sich bereits als abgethan angesehen werden kann. Aber die feindselige Art, mit welcher Gladstone und seine Anhänger die Juden fortgesetzt in der öffentlichen Meinung herunterzusetzen suchen, und hierzu durch ihre eigene Niederlage und Jsolirung nur um so mehr sich angereizt fühlen, macht es nölhig, diese jetzt so geringzählige Partei ihrem ganzen Charakter nach der öffentlichen Meinung zu zeichnen. Die von einer Parteileidenschaft gegen Gladstone gewiß völlig freie „Kölnische Zeitung" hat in einem jüngsten Leitartikel aus den Thatsachen heraus unter Anderem gesagt, daß „Gladstone mit seinen Brandreisen von Ort zu Ort geradezu wahnwitzig erscheine". Es gehört demnach zu diesem Wahnwitz, die engl. Juden, insbesondere deren Spitzen, des Mangels an Patriotismus zu beschuldigen, weil sie von Anfang an in dem eben vollendeten Kriege sowohl in den Motiven, als in den Resultaten ganz etwas Anderes erkannten, als die sanatisirten Gladstoneaner. Im Gegentheil ließ ihr Patriotismus sie sofort einsehen, daß die Jntereffen Englands auf eine sehr entschiedene Weise gefährdet seien, und diese Erkenntniß hat sich denn auch mitten durch die Dunstwolken, die der Fanatismus ausgebreitet hatte, Bahn gebrochen. Man wird nun fragen, wenn bas letztere vollständig vor sich gegangen, warum müsien wir als Juden noch immer daraus zurückkommen? sind wir nicht thatsächlich bereits vollständig gerechtfertigt? Allein man weiß, daß nichts schneller Feuer sängt, als der Zunder des Juvenhaffes und der Borurtheile gegen die Juden, und daß dieser noch lange nicht erloschen ist, wenn der allgemeine Brand völlig unterdrückt worden. Und dann verstehen es auch die dem Expremier zu Gebote stehenden Federn den eigentlichen Thatbestanv zu verdunkeln, und ohne auf Liesen zurückzukommen, die Jnvectiven gegen uns in das Allgemeine hinüber zu spielen, durch allgemeine Behauptungen, geschichtliche Verdrehungen und populäre Schlagwörter die öffentliche Meinung zu bestricken. Unsre Aufgabe ist es deshalb, die Herren Gladstoneaner immer wieder aus ihr eigenes Niveau zurückzubringen und ihr trügerisches Gewebe aus Fanatismus und Oppositionshaß in Leffen wirkliche Bestandtheile aufzulösen. Türkei. Adrianopel, 14. Februar. Unter diesem Datum enthält die „Köln. Ztg." eine Schilderung der gegenwärtigen Verhältnisse in dieser Stadt, der wir folgende Stelle über die Juden entnehmen, wobei nicht zu vergesien ist, daß es eben nur die augenblickliche Lage ist, welche hier gezeichnet wird. Denn soweit die Friedensbedingungen bekannt geworden, wird Adrianopel bei der Türkei verbleiben. Es he»ßt daselbst: „Daß übrigens die Bevölkerung selbst das russische Regime als ein mildes auffaßte, beweist die Schnelligkeit, mit der sie sich unter demselben heimisch fühlen. Ich meine besonders die Türken und die Juden, erstere als erklärte und offene Feinde der Ruffen, letztere als der Türken geheime BundeSgenoffen. Die Juden haben stets zu den Türken gehalten; nicht nur aus Anerkennung der gegen sie geübten Duldsamkeit, sondern auch aus Eigennutz. Sie sahen bald ein, daß sie im Weltlauf mit den christlichen Nationen ohne Anlehnung an ein stärkeres Element nicht Schritt halten konnten. Der Druck der türkischen Herrschaft-hat bei Griechen, Armeniern und Bulgaren dieselben Eigenschaften erzeugt, die wir in Europa bei den Juden gezüchtet, und zwar im verstärkten Maßstabe. Auch ist bis zur Stunde die materielle Lage der Juden keine so glänzende im osmanischen Reiche; man schaue sich nur den Babat, Hasköi, Cuskundju an; vor Allem aber die Judenstadt Saloniki, vor deren Straßen die frühere Judengaffe in Frankfurt mir wie ein Boulevard vorkam. Wenn man also die Grausamkeiten der Bulgaren gegen die Juden in Kasanlyk verstehen will, darf man nur die obigen Beweggründe in Rechnung ziehen. Die Juden stellten sich im Konak und vor dem Kadi stets auf Seiten der Türken; und als auf die Siege der Türken bei Kasanlyk die Schreckensherrschaft in Thracien gegen die Bulgaren eingeleitet ward, sollen sie der Regierung hülfreiche Spiondienste geleistet haben. Hier in Avrianopel war ihr Leumund kaum bester, und wenn nicht das Consulncomito hier trefflich Ordnung gehalten hätte, wäre es ihnen schlecht ergangen. Jetzt haben die Juden mit der ihnen eigenthümlichen Beweglichkeit sich schon die gewöhnlichen Phrasen rer russischen Umgangssprache zu eigen gemacht, wisten ihre Waare russisch anzupreisen, laufen die Officierswohnungen ab und sind am Ende noch die ersten, welche aus der russischen Occupation einen reellen Gewinn zogen. Der Türke freilich verschmäht es in seiner Nobleste, den Rüsten seine Dienste anzubielen. Aber wenn er auch dem Treiben schweigend und ernst zusieht, so hat er sich doch schon mit der Thatsache der russischen Herrschaft ausgesöhnt und täglich mehrt sich die Zahl der Jslamiten männlichen und weiblichen Geschlechts in den Straßen. (Wir lassen diese Schilderung als aus der Beobachtung „auf den Straßen" gelten. Wollen aber Reisende, die eben an einem Platze angelangt sind, über Gesinnung, Wünsche und Bedürfnisse ganzer Schichten der Bevölkerung urtheilen, so kann man ihnen nur eine geringe Autorität einräumen. Red.)