Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 GotteS, also dieses irdische Glück an die Bedingung geknüpft sind, daß der Israelit in der Liebe zu Gott, in der Ehrfurcht vor Gott, im Wandel nach Gott, das ist in wahrhafter seelischer Heiligung die Gebote des Rechts und der Liebe, wie sie ihm als Ausfluß des göttlichen Willens kundgegebeu worden, erfülle, von dem Streben nach dieser Erfüllung durchdrungen sei. Man ersieht hieraus leicht, daß die „jüv. Begriffe vom Leben" „des Transcendentalen" durchaus nicht ermangeln, va dessen eigentliches Motiv in die Erkenntnis Gottes und seines Willens, in die Liebe zu und in die Ehrfurcht vor Gott gelegt ist, daß mit der Arbeit wie mit dem Genuß der Gedanke an Gott, an den Zusammenhang des Menschen mit Gott auf's Engste verbunden sein muß, um das Glück zu bewirken, das nur äußerlich in der Fülle der Scheuern und Keller u. s. w. sich darstelll. Aus diesem Gesichtspunkte erscheint die jüdische Auffassung vom Erdenleben doch ganz anders, als es den genannten Autoren, zwar kurz und prägnant, aber einseitig und darum irrig darzustellen beliebte. — Jedenfalls sehen wir, daß unsere Zeit wenigstens darin einen Fortschritt gemacht, daß sie in der Betrachtung der antiken Welt das alte Israel neben Griechenland und Rom mit gleicher Würdigung stellt, was im vorigen Jahrhundert noch als abstrus zurückgewiesen worden wäre. Freilich hätten wir an der obigen Charakteristik noch Mancherlei auszusetzen. Das Schematisiren ist eben dem vollen geschichtlichen Leben gegenüber immer eine mißliche Sache. Die Anschauung, daß das Individuum in den Staat aufzugehen habe, ist nicht blos römisch, sondern beherrschte den hellenischen Geist schon vollständig, und die Slaatstheorien der griechischen Denker standen völlig aus diesem Boden. Wer genauer prüft, findet aber auch dieselbe Idee im alten Israel, jedoch in der viel richtigeren Fassung, daß das Glück des Individuums nicht ohne das Glück des ganzen Volkes und ebenso wenig das Glück des Volkes ohne das Glück der Individuen gedacht werden könne. Der einzelne Israelit wird stets als Glied des Ganzen betrachtet, und bei der völligen Gleichheit aller Volksglierer, richtet sich das Gebot an das ganze Israel, d. h. an alle Glieder der Gesammtheir, jedes Interesse ist das der Gesammtheit, d. h. aller Glieder, jede Segnung, sowie jede Strafandrohung richtet sich an das Ganze, d. h. an alle Glieder. So ist ein Unterschied zwischen dem Volke und dem Individuum gar nicht denkbar, und indem das letztere das göttliche Gebot erfüllt, handelt es für sich und für das Ganze zugleich. Es ist also die Gesammtheit gerade ebenso in Betracht gezogen, wie das Individuum. — Nicht minder einseitig ist es, das Leben der Griechen auf Kunst und Wissenschaft, ihre Vorstellung von Glück auf eine ästhetische Theorie zu beschränken, da das politische Leben ein mindestens ebenso bedeutsames Element des griechischen Daseins ausmachte. — Nun noch eine Bemerkung. Der Optimismus des jüdischen Geistes blieb sich auch in den späteren Zeiten gleich, obschon er in den furchtbaren Verfolgungen des Mittelalters eine Feuerprobe zu bestehen hatte. Unter dem gewaltigen Drucke seiner Lage gab der Jude niemals seine Zuversicht aus die göttliche Vorsehung auf den Beistand und die Rettung, die ihm Gott gewähren werde, auf. Nicht der furchtbarste Schmerz machte lhn darin wankend, machte ihn an Gott und der Weltordnung zweifelnd. Er hatte sich für sein Unglück die besondere Vorstellung gebildet: „dafür sind wir im Golus (mbs)." Es ist das Loos der Verbannten, zu leiden; dieses Leiden aber geht nach der Bestimmung Gottes vor sich und wird zur rechten Zeit sein Ende haben, seinen Lohn finden. Dies ist der rechte Optimismus, der nicht wie die Stoiker den Schmerz leugnet, sondern ihn als nothwendig, als wohlthärig, als zu einem höheren Ziele führend, erkennt. 2be&bau/£j 6u<xc&xÄc&leii. Deutschland. Brandenburg an der Havel, 4. März. (Privatmitth.) Sie haben mit Recht schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, daß es rathsam sei, wenn in der Lccalpreffe eine Unduldsamkeit oder eine Feindseligkeit gegen unsre Glaubensgenossenschaft zum Vorschein kommt, sie sofort da zu bekämpfen, wo dies eben geschehen ist. Je mehr wir in hiesiger Stadt den humanen Geist unsrer christlichen Mitbürger zu rühmen haben, der sich schon durch die Thatsache bekundet, daß in unsrer gegen 30,000 Einwohner zählenden Commune seit einer Reihe von Jahren drei Stadtverordnete jüdischer Religion sungiren, destomehr scheint es geboten, jeder Kundgebung der Intoleranz alsbald entgegen zu treten, damit die herrschende Duldsamkeit, namentlich bei dem Landvolk nicht geschädigt werde. Dies rhut denn auch unser Rabbiner, Herr Dr. Kroner, in wackerer Weise, sowohl in Vorträgen, die er in öffentlichen Vereinen hält, als auch in dem hier stark gelesenen „Brandenburger Anzeiger" (vgl. Jahrgang 1877, S. 105). Jüngst fand er abermals eine Veranlassung darin, daß in dem Bericht über ein Criminalversahren an einer recht in's Auge fallenden Stelle dem Angeklagten, wahrscheinlich weil er den Namen Salomon führte, der Beisatz „mosaischen Glaubens" hinzugefügt war. Der Fall lag um so günstiger, als dieser Salomon ein evangelischer Christ war — in Norddeutschland kommt der Name Salomon auch in christl. Familien bisweilen vor. Herr Kroner nahm die Gelegenheit wahr, sich über dieses Verfahren überhaupt auszulassen, in einzelnen Fällen