Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227190--36107-3306122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 unermüdet verkündend, wieder erstehen, sich aufrichten und durch Gott zu Höhe und Glanz erhoben werden, so daß an diesen Geschicken Israels die Völker sowohl das göttliche Strafgericht als auch die Vergeltung und Belohnung einsehen und erkennen würden, wie nur für sie Israel dieses traurige Schicksal getragen, für sie gelitten habe und es darum dereinst nur um so mehr verehren würden. Jedermann sind die merkwürdigen Stellen bekannt, in welchen der Prophet diese Idee zum Ausdruck bringt, und die durchaus einfach und klar sind, die aber hinterdrein eine tendenziöse Interpretation verdunkelt und zur Unterlage einer Geschichte gemacht hat die darum, weil sie Len einzelnen Ausdrücken und Piuselstrichen des Propheten sich anschmiegt, um so weniger Glaubwürdigkeit besitzt. Vielmehr wird es aus diesem Jveengange des Propheten einsichtllch und erwiesen, daß er von einem persönlichen Messias gar nicht reden konnte, da ihm sonst die zur Rückkehr nach Jerusalem Ausgefordenen sofort geantwortet hätten: Soll ein persönlicher Messias Israel befreien und wieder ausrichten, so müssen wir das Erscheinen dieses Messias abwarten. Unsrem Propheten hingegen galt das Volk Israel selbst als „Diener des Ewigen", als Messias der Menschheit. Darum konnte er von diesem Israel verlangen, im Dienste des Ewigen sich zu sammeln und aus Babel auszubrechen, um von Neuem die Stätte der Gottesanbelung zu errichten. Aus diesem Mittelpunkte der prophetischen Gedanken des Jesajas ll gestaltet sich seine Moral in eigenthümlicher Weise. Zu dieser gelangen wir jetzt. (Schluß folgt.) Analeklen. I. Der Pessimismus und die Juden. In der Lieferung der „Revue des deux Mondes“ vom 15. November v. I. beginnt der französische Akademiker E. Earo eine Abhandlung unter dem Titel „Die Krankheit des Pessimismus im l 9. Jahrhundert". Der Dersaffer betrachtet den Pessimismus als eine wesentlich moderne Krankheit, die niemals in Europa mehr als eine Ausnahmsphilosophie sein werde, da die civilisirte Menschheit der tödtlichen Verführung dieser Prediger der Verzweiflung und des Nichts sich nie überlasten werde. Allerdings habe sich eine ähnliche Gesühlsweise, ein gleicher Stimmungsacl in allen Zeiten und bei allen Völkern einmal kundgegeben. Er erinnert an Hiob und Kohelet, an Hesiod, Sophokles, Lucrez und Virgil; aber es sind immer Gedanken, welche ihre Quelle in einem besonderen Unglück des Schriftstellers oder der in Scene gefetzten Person findet. Der Grundzug des antiken Glaubens ist, daß der Mensch geboren ist, um glücklich zu sein. Nach dem Vorgang Hartmanns giebt der Versaster folgende Charakteristik: „Der Jude verknüpft mit den Segnungen des Herrn einen zeitlichen Sinn: das Glück für ihn besteht in Scheuern, gefüllt mit Getreide und in Keltern, überfließend von Wein. Seine Vorstellungen vom Leben haben nichts Transcenventales und um ihn zu dieser höheren Ordnung von Gedanken und Hoffnungen zu bringen, muß Jehova zu ihm sprechen durch seine Propheten oder durch Züchtigungen ihm davon Kenntniß geben. Das griechische Bewußtsein, nachdem es den edlen Rausch des Heldenthums erschöpft har, sucht die Befriedigung dieses Verlangens nach Glück in den Genüsten der Kunst und der Wissenschaft und gefällt sich in einer ästhetischen Theorie des Lebens. Die römische Republik führt ein oder entwickelt ein neues Element; sie bildet den Egoismus des Einzelnen zum Egoismus der Race um; sie veredelt den Wunsch nach Glück zum Glück des Staates, zur Macht des Vaterlandes. In diesen verschiedenen Culturen gab es für die Einfälle des Pessimismus nur einen zufälligen Raum. Die männliche Gluth im Kampf des Lebens in Liesen energischen und neuen Racen, die Leidenschaft nach großen Dingen, die Gewalt und keusche Reinheit der großen Hoffnungen, welche die Erfahrung noch nicht geknickt harte, das Gefühl einer Kraft, die ihre Grenzen noch nicht kannte, das ganze frische Bewußtsein, welches die Menschheit in der neuen Geschichte der Welt von sich faßte, alles dieses erklärt den tiefen Glauben der Alten an die Möglichkeit, hinieden die größte Summe von Glück zu verwirklichen. Diesem gegenüber scheint die Theorie des allgemeinen und unhaltbaren Schmerzes der traurige Theil einer gealterten Menschheit zu sein." Im Ganzen können wir dieser Ansicht Caro's nach den Bildern, die Harlmann über die antike Welt zeichnet, beistimmen. Unsre Leser werden sich erinnern, daß wir dsn Pessimismus als eine Stimmungstheorie in den Individuen, wie in manchem Zeitalter, charakterisirten (siehe Jahrgang 1876, S. 412 :c.), was mit dem Obigen so ziemlich auf Eines hinausläuft, denn eine Stimmung ist nur das Product psychologischer Zustände, die an sich die objective Wahrheit nicht enthalten, sondern subjectiv aus Zeit und Persönlichkeit entstehen. Wird der Pessimismus als eine krankhafte Stimmung angesehen, desto bester. Allein womit wir nicht zufrieden sein können, ist das, was über den „Juden" gesagt wird. Richtig ist es, daß in der Thora die Segnungen Gottes in der Befriedigung der irdischen Bedürfnisse bestehend geschildert werden, doch nicht blos in gefüllten Scheuern und Keltern — von Reichthum an Gold, Aeckern :c. ist niemals die Rede, wobei also, nebenbei bemerkt, dieser Segen die Arbeit des fleißigen Landmanns voraussetzt, Etwas, was sehr wesentlich in der Theorie des menschlichen Glückes ist — sondern auch in der Verlängerung des Lebens, in der Freiheit von Krankheit, in einer zahlreichen Nachkommenschaft, also im Famii lienglück, in welchem unter der elterlichen Autorität Liebe und , Eintracht alle Glieder verbinden. Hierbei läßt jedoch Harlmann und nach ihm Caro den wesentlichsten Untergrund weg, nämlich daß, wie zahllose Stellen der Thora erweisen, diese Segnungen 12*