Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
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178 ras Werk des gottbegeisterten Propheten zu Ende. Sein Name ist vergessen; er mußte es sich gefallen lassen, daß seine Reden dem erhabenen Vorgänger zugeschrieben wurden; von seiner Persönlichkeit, seiner Stellung, seinem Ende, -lieb keine Spur übrig; es ist sogar unbekannt, ob er Antheil an dem großen Ereignisse nahm, das zu bewerkstelligen er jedenfalls mächtig beigetragen hatte. Aber was thut dies? Die Schriftrolle, die er uns hinterlassen, ist eines der edelsten Kleinodien, welche unsere Väter uns und der ganzen Menschenwelt überliefert haben, bildet einen Theil der heiligen Schrift, der zu den unentbehrlichsten gehört, und der von der tiefgehendsten Wirksamkeit für alle Geschlechter war und sein wird. Diese völlig verschiedene Stellung, dieser ganz anders geartete bestimmte Zweck bedingten auch einen anderen Inhalt dieser prophetischen Reden. Während sein Vorgänger vor Allem gegen die sittliche Entartung der Gesellschaft, des Volkes in allen seinen Schichten anzukämpfen hatte, mußte der Prophet des Exils ganz besonders die Gotteslehre, die Lehre von einzigen Gotte als Standarte erheben. Nur die tiefste Ueberzeugung von dem, durch Israel zu bekennenden einzigen Gotte im schroffsten Gegensätze zu der bunten Vielgötterei und Götzenbildnerei aller anderen Völker vermochte die Exulanten, sich zu dem gefahrvollen Rückzüge in das trümmerreiche Land der Väter zu bestimmen und zu sammeln. Denn soweit die Nachrichten über die Lage der Juden im babylonischen Exil gehen, fand für sie nicht jener Sklavendruck wie einst in Egypten statt, welche für die Maffe der stärkste Hebel zum Auszuge aus dem feindseligen Lande wurde. Hier konnte nur das religiöse Bewußtsein und der ihm entspringende Eifer wirksam sein. Die Lehre von Gott nimmt daher bei Jesaias II den breitesten Vordergrund ein. Nicht allein negativ wird der bitterste Spott, wie wir ihn kaum noch in einigen Psalmen wieder finden, über die Götzenbilder und die in ihnen angebeteten Götter ausgegcffen, nicht allein wird positiv das Dasein eines einzigen Gottes immer wieder betont und auf die Natur als defien Schöpfung gestützt, sondern auch nach allen Richtungen hin seine Allheiligkeit, seine Allmacht und Allgüte seine Vorsehung, seine gerechte Vergeltung und seine Barmherzig keit und Versöhnlichkeit gelehrt und ausgeführt. Unsre Reden sind daher eine besondere Fundgrube für die reine Gotteslehre wie sie dem Judenthume bis zum heutigen Tage verblieben ist Diese Gotteslehre mußte vom Propheten als der eigentliche Lebens inhalt des israelitischen Volkes von jeher und für alle Zukunft anerkannt und verkündet werden. Das Volk Israel mußte den Dienst derselben gestellt sein; hierin mußte es den Zweck seines Daseins, seinen ganzen Beruf erblicken, denn für diesen Zweck und Beruf sollte es sich aus der Verbannung loslösen von seinen gegenwärtigen Verhältnissen trennen und nach Zion zurückkehren. Von den Erzvätern, vom Auszüge aus Egypten an — kies mußten Triebfeder machen — und geleitete Volk gewesen; durch den Abfall von der Gotteslehre sei es gestürzt und in seine jetzige Erniedrigung gerathen; um dieses höheren Zweckes willen habe Gott den Rest erhalten; von Gott sei Kyros berufen, gleichsam „gesalbt", um die Feffeln, die ihm Babel auferlegt, zu zerbrechen, und die Freiheit zur Rückkehr zu gestatten. — Hier aber mußte der Prophet auf zwei Schwierigkeiten stoßen. Zunächst mußte die Frage sich aufvrängen: wie stimmt es mit diesem einzigen Weltengotte, „der die Himmel ausgespannt und die Erbe gegründet, und den Geist gab allen darauf Wandelnden", daß seine Erkenntniß, seine Lehre und sein Gesetz nur in einem kleinen Volke vorhanden sind, wahrend doch alle Menschenvölker Ihn erkennen, vor Ihm anbetend das Knie beugen müßten? Der Prophet antwortete hierauf, daß von Israel die Wahrheit und das Recht ausgehen und auf alle Nationen der Erde sich ausbreiten werden, so daß dereinst alle Menschenstämme den Gott Israels erkennen und an dem Cultus teffelben theilnehmen werden. Diesen Gedanken, daß Israel nur der Träger der reinen Gotteslehre, und diese für das gesammte Menschengeschlecht bestimmt sei, tritt daher bei unsren Propheten mit einer Klarheit und einer so lebendigen Fülle hervor, daß er in diesem Punkte alle übrigen Propheten hinter sich läßt. Wir brauchen es nicht erst nachzuweisen, daß dieser Glaubenssatz bereits von den früheren Propheten ausgesprochen, ja sogar in Prophetensprüchen, die älter waren als die Propheten, von denen wir Schriften besitzen, niedergelegt war, weshalb z. B. JesajaS I und Micha einen solchen alteren Ausspruch, beide in etwas verschiedener Faffung citiren (Jes. 2, 2—4, Micha 4, 1—4). Aber in solcher Entschiedenheit und als einen vorwiegenden Gedanken der israelitischen Prophetie hatte vor Jesajas II diese Anschauung Keiner entwickelt. — Hieran knüpfte sich aber alsbald eine zweite Frage: wie sollte gerade aus diesem kleinen, von aller Welt verachteten und niedergelretenen, besiegten und zerstreutem Volke eine Lehre auszehen, welche die mächtigen Völker und die gewaltigen Herrscher überwinden sollte? Die Beantwortung dieser Frage^ weil sie zugleich die israelitischen Hörer völlig Lurchdringen und überzeugen mußte, wird vom Propheten wiederholt gegeben und in plastischen Zügen prägnant ausgeführt. Voran die Lehre, daß Israel das erwählte Werkzeug, rer Diener Gottes ('71 iar) zum gedachten Zwecke sei, cer Erkorene, welcher durch Wort und That der Lehrmeister des Rechtes und der Wahrheit für alle Zeit sein sollte; alsdann, daß Wahrheit und Recht nicht durch äußere, durch Waffengewalt und menschliche Herrschaft, welche ja in sich den Gegensatz zum Rechte bilden, über die Völker sich ausbreiten würden, sondern durch ihre eigene innere Kraft und durch die göttliche Wallung. Hierzu werde aber am meisten das Beispiel beilragen, welches die Nationen an Israel erlebten. Angefeindet um der Gotteslehre willen von den Völkern, in die tiefste Erniedrigung und zur bittersten Schmach gebracht, geschlagen, niederdie Exulanten begreifen und in sich zur! getreten, bis zum Tode gequält und unter die Verbrecher geworfen, sei Israel das von Gott hierzu auserwählte! würde Israel, seinem Gotte getreu und Wahrheit und Recht