Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1878)
- Date
- 1878-03-12
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Auf dieser Grundlage kann man sich leicht denken, wie sich Goldwin Smith über die fernere Geschichte der Juden äußert. Daß sie in der Treue zum reinen Monotheismus das Christenthum nicht annehmen konnten, wie wir Juden es noch heule nicht können, begreift er nicht. Es ist ihm auch dies nur Racenhaß, ohne in seiner Leichtfertigkeit zu bedenken, daß die Apostel und ersten Christen Juden waren, das Christenthum längere Zeit nur unter den Juden bestand, also von einem Racenhaß gegen diese nicht die Rede sein kann. Bemerkenswerther ist es, daß er nicht einmal den Kampf der Juden gegen die Römer zu begreifen vermag. Die Römer sind ihm schuldlose Kinder, die der Racenhaß der Juden bekämpft, der darum ihrerseits den Haß hervorruft. Daß die Römer in Judäa sich einschlichen, die Nation ihrer Freiheit und Selbstständigkeit beraubten, sie auf's Furchtbarste drückten, bei dem geringsten Anlaß Tausende niedermetzelten, und endlich die Bildsäulen ihrer wahnwitzigen Cäsaren im Tempel zu Jerusalem zur Anbetung aufstellen wollten, und daß hiergegen die Juden mit heroischer Tapferkeit zu einer Zeit aufstanden, wo alle anderen Völker die Füße der Römer leckten, das weiß Goldwin Smith nicht oder will es nicht wissen! Er sieht nichts als Racenhaß, als Schuld der jüdischen Race. Wir können bei ihm selbst nur diesen Haß finden, und wenn er sonst mit Phrasen von Humanität überstießt, so verleugnet er dieselben alsbald und sie verdecken uns die traurige Leidenschaftlichkeit seines Herzens nicht. Wir haben weder Lust für unseren Theil, noch Raum in diesem Blatte, ihm in alle Schlupfwinkel zu folgen, aus denen, wie aus der Höhle des Aeolus, der Sturmwind seines Grimmes fahrt. Wir bekennen nur, daß wir bei einem Engländer solche schiefe Ansichten über Handel und Verkehr zu finden nicht erwartet haben, während doch seine Nation einen großen Theil ihrer Kräfte auf denselben verwendet und den Welthandel als ihre Domäne in Anspruch nimmt. Treiben die Juden Handel, so schwingen sie doch weder Szepter noch Schwert über ganze Welttheile, binden keine nach Selbstständigkeit ringenden Völker vor die Mündungen der Kanonen, und verschachern keine Waffen an die Feinde, die sich zum Kampfe gegen sie rüsten. Wir schätzen die Britten sehr hoch und feiern gern die großen Vorzüge und Verdienste des englischen Volkes. Schwächen aber haben alle Nationen, und bethätigen diese im Laufe der Geschichte nur allzu oft. Diese schwarzen Flecken allein in's Auge zu fassen und darum eine welthistorische Erscheinung in den finstersten Farben zu malen, ist die Sache nur eines beschränkten Kopfes und eines engen Herzens. Herr Goldwin Smith verschuldet es selbst, wenn wir ihn für einen solchen Menschen erklären müssen. Glücklicherweise dementiren nicht bloß in England, sondern in allen Staaten die thatsächlichen Erscheinungen jeden Tag die Voraussetzungen des Verfassers, und bekunden die aufrichtige Theilnahme der Juden am politischen und nationalen Leben und ihren echten Patriotismus. Der letztere aber unterscheidet sich wesentlich von jedem blinden Parteigeist, der um der Parteizwecke willen das Wohl des Vaterlandes auf's Spiel setzt und die Grundsätze der Liebe und des Rechts, also der wahren Humanität verletzt. Dies spiegelt sich denn auch in dem ganzen Auffatze des Herrn Goldwin Smith ab, und Alles läuft bei ihm darauf hinaus, daß die Juden entweder sich taufen lassen oder nach Palästina zurückkehren sollen. Der Contemporary Review gereicht es aber wenig zur Ehre, einem solchen Produkte die Spalten einer vielgelesenen Zeitschrift geöffnet zu haben. 6 WyOccfetxcß teit. Deutschland. Berlin, 1. März. Die Alterversorgungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde versendet jetzt ihren 49. Jahresbericht. Wir entnehmen demselben, daß sich im Jahre 1877 durchschnittlich 79 Hospitaliten in der Anstalt befanden und einen Kostenaufwand von 47,188 Mk. 19 Pf. erforderten. Nach Eintritt der neuerdings Aufgenommenen werden sich bald 86 Hospitaliten in der Anstalt befinden und gewährt dieselbe dann nur noch Raum für 9 Hospitaliten. Wenn die Einnahmen der Anstalt im Verhältniß der früheren Jahre wachsen, so dürften bei dem im nächsten Jahre stattfindenden fünfzigjährigen Jubiläum sämmtliche Räume der Anstalt belegt sein und die Nothwendigkeit an den Vorstand herantreten, für Beschaffung neuer Räumlichkeiten zur Unterbringung von Hospitaliten Sorge zu tragen. — Hoffentlich wird er in diesem Vorhaben durch reichliche Zuwendungen von Legaten und Stiftungen unterstützt werden. —. Ein Berliner Israelit schreibt der „Germania": „Folgende Begebenheiten aus dem Leben Pius' IX. will ich der Geschichte nicht vorenthalten, die mir von meinem Freunde M. als ganz wahrheitsgetreu mitgetheilt wurden, und welche sich vor circa zehn Jahren zutruzen. Ich fuhr, so erzählte mein Freund, nach Königsberg und machte im Coup6 die Bekanntschaft mit einem bejahrten Herrn. Im Laufe unserer Unterredung erzählte mir der alte Herr: „Ich bin in meiner Jugend ausgewandert und ging bis nach Californien. Ich habe einst drei Missionare vom Tode gerettet, welche gehenkt werden sollten, und durch meinen Einfluß und Gelccpfer ist es mir geglückt, dieselben zu befreien. Diese Thal ist dem Papst nicht unbekannt geblieben, und durch den Erzbischof, welcher in demselben Lande residirte, ist mir dann auch die Auszeichnung eines päpstlichen Ordens zu Theil geworden, den ich Ihnen hier zeigen kann. Mit dem