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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-12 · Heft 11 (12.3.1878) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 11 (12.3.1878)
Date
1878-03-12
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 zwischen den Gläubigen und Ungläubigen einen klaffenden Unterschied mache. Nun, der Fatalismus hat als „Prädestination" auch im Christenthume eine große Rolle gespielt, und die eine Hälfte der Mohammedaner, die Schiiten, verstehen sie nur als Präscienz «Borauswifsen Gottes», nicht aber als eine Vorherbestimmung mit unbedingtem Einfluß auf alle menschlichen Handlungen (s. Weil, Einleitung in den Koran S. 107, Tornauw, das moslemische Recht S. 12) — und was die Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen betrifft, so erscheint doch auch nach dem christlichen Dogma „der Vater Aller" in dem eigenthümlichen Lichte, einen Theil seiner Menschheit zur Seligkeit , den anderen, bedeutend größeren, zur ewigen Verdammniß verurtheilt zu haben, indem er die größere Maffe des Menschenvolkes gar nicht in den Stand gesetzt hat, etwas von den christlichen Dogmen zu wiffen. Beides nun konnte selbst Smith dem Judenthume nicht vorwerfen; er fängt es daher anders an: der jüdische Gott ist zwar einzig, aber nur die Gottheit seiner auserwählten Race! Smith mag zusehen, wie er mit dem Widerspruche, der in dem einzigen Gotte, der doch nur die Gottheit eines kleinen Völkchens sei, fettig werde. Wie man aber von einer Religion, deren erstes Wort ist: Gott schuf Himmel uno Erde, deren zweites: Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde, einen Mann und ein Weib, von welchen alle Völker der Erde abstammen, deren älteste Urkunde in einer genealogischen Tabelle die Verwandtschaft aller Völker nachweist <1 Mos. 10) und zeigt, aus welchem dieser Aeste sich das abrahamitische Geschlecht abzweigte, die schon in ihren ersten Erzählungen Gott als „den Richter der ganzen Erde" preist (1 Mos. 18, 25), ihn „Gott aller Geister in allem Fleische" (4 Mos. 16, 22. 27, 16) nennt, eine Religion, welche als erste Offenbarung durch ihren eigentlichen Gesetzgeber Gott als „das ewige, unveränderliche Sein" definirt (2 Mos. 3, 14), und als die wesentlichste Bezeichnung Gottes mrr „der Ewigseienre" feststellt — wie man von dieser Religion sagen kann, daß sie Gott nur als „die Gottheit seiner auserwählten Race" begreift, ist nur von völliger Unwiffenheit, verbunden mit glühendem Haffe, verständlich. Wir, die wir überall die geschichtlichen Thalsachen, nicht wie Goldwin Smith verwerfen, sondern als eigentlichen Prüfstein in's Auge faffen, fragen, wie es überhaupt möglich ist, den Juden die Beschränktheit eines Nationalgottes vorzuwerfen? Schon am Fuße des Sinai fielen die Israeliten in egyptischen Götzendienst zurück — sie müssen also nicht viel von ihrem „Nationalgott" gewußt haben. Von der Eroberung Kanaans an gesellen sie sich bald rechts, bald links zum Götzendienst der Nachbarvölker, obschon sie doch als Nation bestanden und sich als solche fühlten. Kaum hatten sie sich ein Konigthum eingesetzt, als zehn von den zwölf Stämmen sich losriffen und von Bethel bis Dan den gröbsten Götzendienst einsetzten. Aber auch die Könige von Juda, obschon sie Jerusalem und den Tempel besaßen, waren mit geringer Ausnahme götzendienerisch. Wo ist da überall auch nur die geringste Auffassung eines „Nationalgottes!" Wir übergehen zahlreiche ähnliche Beweise. Nur mit den größten Anstrengungen vermochten die Propheten eine Schaar Gottgetreuer zu erhallen, und so kostete es einen tausendjährigen Kampf zwischen dem reinen Monotheismus und dem Heidenthume im Schooße Israels, bis der erstere den vollständigen Sieg, doch nur innerhalb eines verhältnißmäßig kleinen Theiles des Volkes erstritten hatte, einen Kampf, der nur verständlich ist, weil das noch intellectuell ungebildete Volk den Begriff eines einzigen Weltgottes noch nicht zu fassen und festzuhalten vermochte, der ihm aber erspart geblieben wäre, wenn ihm wirklich ein „Nationalgott" gelehrt worden wäre. Wenn daher Gott als „Gott Israels" bezeichnet wird, so heißt dies nicht der Nationalgott Israels, sondern der Einig-Einzige, der Gott des ganzen Weltalls, den Israel erkannte und anbetete, während die übrigen Völker noch der Vielgötterei und dem Götzendienste angehörten. Man kömmt wirklich auf die Frage: was nützen doch die Millionen Bibeln, welche die englische Bibelgesellschaft mit so freigebiger Hand vertheilt — wenn wir sehen, wie selbst hervorragende Wortführer in England jeder Kenntniß der Bibel entbehren. Denn nur hieraus ist es erklärlich, wenn der Verfasser fortfährt: „Die Moral, welche in der mosaischen Gesetzgebung verkörpert ist, beschränkt sich streng auf den Stamm und macht einen Unterschied im Verfahren gegen einen Hebräer und gegen einen Fremden." Notorisch findet das Gegentheil statt. Die mosaische Gesetzgebung beschränkte sich nicht blos auf Allgemeinsätze, wie „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", dem sie, um jeden Zweifel zu beseitigen, hinzufügte: „Liebe den Fremdling wie Dich selbst" und, um auch dies unzweideutig zu machen: „Du warst selbst Fremdling in Egypten" (3 Mos. 19, 18. 34) — wo die Israeliten nicht blos als Race, sondern auch in Religion und Sitte den Egyptern fremd waren (2 Mos. 8, 22); sondern sie schärft wiederholt ein, daß „ein Gesetz und ein Recht für den Fremden wie für den Einheimischen" bestehe und streng geübt werde, und in mannichfaltigen einzelnen Vorschriften, in Rechtssachen wie bei allen wohlthätigen Werken hebt sie hervor, daß dem Fremdling ein völlig gleiches Recht zustehe, wie dem Einheimischen, z. B. wie der Wittwe, der Waise und dem Leviten. Jede Bedrückung, jede Ausschließung eines Fremdlings wird verpönt und mit der Strafe Gottes bedroht. Schreibt doch selbst noch der Prophet Ezechiel im Exil vor, daß nach der Wiedereinnahme des h. Landes bei der neuen Vertheilung des Bodens den Fremdlingen ein gleicher Antheil gewährt werde (47, 22). Muß man sich nicht wahrhaft schämen im Sinne unsrer Zeit, daß Männer, die in der Oeffentlichkeit das große Wort führen, sich aus Parteihaß zu solchen Behauptungen Hinreißen lassen und ihr Publikum für so unwissend halten, ihre nichtswürdigen Expectorationen als wahr und richtig anzunehmen. Allerdings bringt denn auch Smith nicht einen einzigen Beleg bei, und rechnet fo auf die Leichtgläubigkeit seiner Leser.

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