Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1878)
- Date
- 1878-03-12
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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163 gewinnen, wie dies alle christlichen und unchristlichen Völker gethan haben und thun mußten. Herr Golvwin Smith war also bis dahin in seiner Beweisführung für die Vorzüge des Christenthums sehr unglücklich. Denn obschon er es aller Dogmen und seiner ganzen historischen Erscheinung entkleidete, fanden sich selbst im Neuen Testamente die ihm widersprechenden Aeußerungen, und konnten wir dieselben Vorzüge, mit Schriftstellen und Thalsachen in der Hand, an dem so hart von ihm beschuldigten Jubenthume Nachweisen. Es bleibt ihm daher nur folgender Satz übrig: „Des Christenthums Gott ist der Vater von Allen; eS betrachtet alle Nationen „von einem Blute", alle Menschen sind gleich mächtige Mitglieder der Kirche und Gegenstände der Liebe und Barmherzigkeit für seine Mitglieder." Hierauf erwidern wir einfach: die Lehre von der einheitlichen Abstammung aller Menschen, die Lehre von dem einzigen Gott und Vater aller Wesen, woher hat sie das Christenrhum? Woher hatten sie JesuS und die Apostel? Doch nur vom Judenthume. Zweifelt Herr Goldwin Smith hieran? Er lese, wenn nicht das Alte, doch wenigstens das Neue Testament — was wir ihm, sollte er ferner über die Religionen schreiben wollen, dringend empfehlen müssen. Merkwürdig bleibt es nur, daß er sofort die „Gleichmächtigkeil", sowie „die Liebe und Barmherzigkeit" aus „die Mitglieder der Kirche" beschränkt. Mit einem Male ist auch für ihn die „Kirche" da, die er so sehr perhorrescirt hatte, „Mitglieder" der christlichen Kirche, die doch ohne das Bekenntniß der Dogmen nicht gedacht werden kann. Hiezu muß ihn wohl unbewußt ein zweifacher Jnstinct getrieben haben: zuerst daß jener Allgemeinsatz von Gott, dem Vater aller Menschen, durch die Ausschließung Aller, welche den Glauben an den „Erlöser" und sein Werk nicht hegen, vom Himmelreiche außerordentlich beeinträchtigt wird, welcher Ausschließung vom Himmelreiche anderthalb Jahrtausende hindurch auch die Ausschließung aus der irdischen Gesellschaft folgte: alsdann daß die allgemeine Liebe und Barmherzigkeit wenig mit dem Kreuzzuge stimmt, den er im politischen Theile seiner Abhandlung gegen die Mohammedaner predigt. Das Juventhum hingegen weiß von einer solchen Beschränkung nichts. Sein Grundgesetz schärft wiederholt ein, dasselbe Recht und dieselbe Liebe und Barmherzigkeit gegen den „Fremden" wie gegen den „Einheimischen" zu üben, (3 Mos. 19, 33. 34. 5 Mos. 10, 17. 3 Mos. 15, 15. 16 unv an vielen Orten, namentlich auch bei allen Vorschriften über Wohlthätigkeit); und seine talmudische Lehre schließt auch die Gerechten aller Völker von der ewigen Seligkeit nicht aus. Dies ist es, was Herr Goldwin Smith über das Christenthum sagt. Wir haben Alles genau angeführt, und fordern ihn hiermit öffentlich aus, das zu widerlegen, was wir ihm entgegnet haben. Doch kommt es uns hierauf noch viel weniger an; vielmehr sind uns seine Jnvectiven gegen das Judenthum die Hauptsache und auf diese wollen wir jetzt näher eingehen. III. Wir wollen die -politischen Albernheiten übergehen, welche Herr Goldwin Smith da, wo er von den Juden zu reden beginnt, zum Besten giebt. Er meint, die Juden hätten England in einen Krieg hineinziehen wollen, um ihren Sympathien und Antipathien zu genügen; deshalb verurtheilt er die ganze bürgerliche Gleichstellung der Juden, und bezeichnet sie als „ein östliches Element". Als ob irgend eine der europäischen Nationen weniger „ein östliches Element" wären, als die Juden, welche in Europa länger ansäßig sind als die Stämme, die durch die Völkerwanderung nach Westen getrieben worden. Er sagt zuerst: „Das Judenthum ist, wie der ganze Kreis der primitiven Religionen, die es allein überlebt hat, eine Racenreligion, in der die Ausschließlichkeit der Race mit der Religion eng verknüpft ist." In dieser Behauptung giebt sich schon die völlige Unkenntniß kund, welche der Verfasser auch in allen seinen weiteren Auslassungen bewährt. Das Juventhum war nie ausschließlich; niemals machte es den Eintritt von der Abstammung abhängig. Schon bei seinem ersten Gesetze, dem über das Peßach (2 Mos. 12) wurde es ausdrücklich jedem „Fremden" freigestellt, dasselbe mit zu begehen, sobald er sich zur Religion Israels bekannte, unv noch heute, aus welchem Volke Jemand zum Judenthume Übertritt, steht seiner Verehelichung mit einer Jüdin resp. einem Juden nichts im Wege. In den geschichtlichen Umständen lag es, daß die Gotteslehre ihre Heimath in dem israelitischen Volksstamm fand; aber schon die alten Propheten verkündeten ihre Ausbreitung über alle Menschenvölker, und Jesaias ll z. B. läßt alle Völker gleichberechtigt am Cultus des einzigen Gottes, auch als Priester theilnehmen (56, 6). Auch gab es Zeiten, wo z. B. in Rom sich bedeutende Massen zum Judenthume bekannten, wie dies auch das Volk der Chazaren rhat. Nirgends war die Race eine Bedingung, waren die Wahrheiten und Segnungen der Religion Israels auf die Abstammung von diesem beschränkt. — Aber Goldwin Smith geht noch weiter. Er erdreistet sich zu sagen: „Der Monotheismus der Juden ist gleich dem des Islam unwahr. Der jüdische Gott, obgleich einzig, ist doch nicht Aller Vater, sondern die Gottheit seiner erwählten Race". Stellen wir uns zuerst auf die andere Seite. Jetzt wird es uns klar, warum Smith von den Dogmen des Christenthums „absehen" wollte. Was hätte er sonst vom Monotheismus des Christenthums sagen müssen? So weit der christliche Monotheismus ein solcker ist, ist er dem Judenthume entnommen; sobald er aber, und dies muß er vom christlichen Standpunkte aus, zum Dogma der Trinität geworden, hörte er auf, wirklicher Monotheismus zu sein. Der Herr Smith wollte dies nicht sagen, unv schwieg darüber. Dem Islam und Judenthume aber gegenüber fühlte er sich nicht gebunden, eine Schmähung, und wäre sie noch so unbegründet, denselben zu ersparen. Der Monotheismus des Islam soll „un- I wahr" sein, weil der Islam zugleich den Fatalismus lehre und 11*