Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-12 · Heft 11 (12.3.1878) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 11 (12.3.1878)
Date
1878-03-12
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227189--36089-3306103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

162 sind ihn? nichts als „Räubereien unter der Maske der Schein- Heiligkeit". Dies waren sie aber an sich nicht. Ihr Zweck, die Eroberung des h. Grabes und die Vernichtung der „Ungläubigen", ras Kreuz an der Brust rer Kreuzfahrer, das Losungswort „Gott will es" und die Männer, welche die Kreuzzüge predigten, bezeugen hinlänglich, daß sie aus christlichem Fanatismus hervorgingen und in diesem ihr eigentliches Motiv halten. Nichts ist auch leichter, als zu sagen, wie Smith thut: „Es war nicht das Christenthum, welches unter Torquemada verfolgte, sondern eine organisirte Kirche, welche für ihren Wohlstand zitterte." Nun war es aber doch Torquemada nicht allein, welcher „verfolgte". Die Geschichte der Religionsversolgungen beginnt mit dem Augenblicke, wo dem Christenthume die weltliche Macht sich zu Gebote stellte, von Konstantin d. Gr. an und ergoß sich seitdem durch alle Jahrhunderte hindurch, von der Vernichtung der Arrianer bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges, und auch da noch weiter bis zu unsren Tagen, aus welchen Beispiele anzuführen Smith uns erlassen wird. Der Engländer braucht doch nur mit der Geschichte seines eigenen Vaterlandes vertraut zu sein, um zu wissen, daß z. B. Nordamerika seine Bevölkerung Religionsverfolgungen zu danken hat, den Verfolgungen gegen die Puritaner und Quäker. Die Kirchen und Seelen sind der geschichtliche Bestand und die geschichtliche Verkörperung des Christenthums und schieben wir sie bei Seite, so haben wir auch kein Christenthum vor uns. Herr Smith macht aus dem mächtigen, welthistorischen Schiff des Christenthums nichts als einen schwachen, schwankenden Nacken, der auf dem kleinen See Liberias umhersährt. Doch besehen wir uns selbst dieses kleine Fahrzeug näher. Erjagt: „Seine sociale Idee ist industriell, nicht raubsüchtig oder militärisch. Wenn sich aristokratischer Müssiggang in das Christenthum eingeschlichen hat, so ist dies ebenso antichristlich wie antiindustriell. Kein Christ, der das Evangelium kennt, kann glauben, daß es ihm gestattet, nutzlos Lurch den Schweiß von der Stirn eines Anderen zu leben." Immer dieselbe Art, sich die Sache leicht zu machen. Wenn eine große Institution, die aus dem Boden des Christenthums erwachsen ist und die größten Theile der Christenheit noch heute beherrscht, den radikalen Ansichten des Herrn Smith nicht entspricht, so wirft er sie mit einer Handbewegung in das Nichts: sie ist antichristlich. Aber noch weiter. „Wer das Evangelium kennt" — Herr Smith scheint es nicht zu kennen. Jesus sagt (Matth. 6, 26 rc.): „Sehet die Vögel des Himmels an. wie sie nicht säen, noch ernten, noch einsammeln in Speicher; und Euer himmlischer Vater nähret sie doch. Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, und spinnen nicht. So sorget nun nicht und saget: „Was sollen wir essen oder was trinken, oder was anziehen? u. s. w." Daß dies Worte Jesu seien, wird sich Herr Smith überzeugen, wenn er dieselben auch Luk. 12, 22 rc. lie... Ist dies eine sociale industrielle Idee? Nicht zu arbeiten, nicht für die Bedürfnisse zu sorgen, sondern den Bedarf vom Himmel zu erwarten. Meint nicht selbst Herr Smith, daß diese industrielle Idee doch ganz anders 2 Mos. 20, 9 ausgedrückt ist: „Sechs Tage sollst du arbeiten und all' dein Werk verrichten, aber am siebenten Tage sei Ruhe rc."; und wenn auf diese sociale Institution sechstagiger Arbeit und der Heiligung des siebenten Tages durch Ruhe die ganze israelitische Gesellschaft aufgebaut ist: auch dies ist eine religiöse Institution, freilich eine mosaisch-jüdische, durch welche die Arbeit Pflicht und sanctionirt wird, und in die sich „kein aristokratischer Müssiggang einschleichen konnte." — Er sagt ferner: „Das Christenthum ist auch eine Religion der moralischen Ueberzeugung und entgegengesetzt dem militärischen Propagandismus, von dem sich nicht der kleinste Wink in seinem Neuen Testamente sindet." Wir müssen wirklich Herrn Smith bitten, das Neue Testament noch einmal zu lesen, da wird er z. B. Matth. 10, 34 finden: „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Friede zu bringen auf die Erde: ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert!" Und da füge er B. 21, 35 rc. hinzu, wo dieser Krieg selbst mitten in die Familien hineingetragen wird, daß der Bruder den Bruder, der Vater das Kind, die Kinder die Eltern „znm Tode bringen". Und auch hier kann er sich überzeugen, daß dies Worte Jesu seien, denn sie werden wiederholt Luk. 12, öl rc. und V. 49 heißt es: „Feuer kam ich auf die Erde zu bringen, und wünsche ich, daß es schon entzündet wäre!" Schwert und Feuer, dem Frieden gegenüber, sind doch wohl keine Bezeichnung der „blos moralischen Ueberzeugung!" Und die geschichtlichen Thatsachen sprechen eine sehr deutliche Sprache. Niemand kann leugnen, daß das Christenthum, nicht blos um sich zu vertheidigen, sondern auch um sich zu verbreiten, in Europa, Asien und Amerika das Schwert oft sehr nachdrücklich geführt hat, Niemand, außer Herrn Smith und Genossen, welche alle aus dem Christenthume erwachsenen Facten mit der Bezeichnung „antichristlich" hinwegfegen wollen. Wenn irgend eine Religion und eine Religionsgenossenschaft von allen Religionskriegen — es sei denn zur Bertheidigung frei geblieben, so ist dies — den Buddhismus ausgenommen — die mosaischjüdische Religion und die israelitische Religionsgenoffenschaft. Weder Moses noch ein Prophet, noch irgend ein Lehrer des Jurenthums, weist das Volk auf die Verbreitung der Gotteslehre durch „Feuer und Schwert" hin, noch hat Israel jemals solches unternommen. Wo die Propheten von der Ausbreitung des Monotheismus über alle Menschenvölker sprechen, wird diese niemals durch die Gewalt der Waffen, sondern durch die göttliche Fügung und das Beispiel Israels geschehend verkündet, so z. B. Jesaias 42, 1—4. Ebenso begegnen uns in der viertehalb Tausendjährigen Geschichte des Judenthums nur überaus wenige Beispiele von Religionsverfolgungen ^und Verketzerungen, und diese waren nicht gegen ganze Völker und Confessionen, sondern gegen diesen und jenen Einzelnen gerichtet, und waren schnell vorübergehend. Die Eroberung Kanaans gehört gar nicht hierher, denn eS galt, für das umherwandernde Volk einen festen Sitz zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.