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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-05 · Heft 10 (5.3.1878) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 10 (5.3.1878)
Date
1878-03-05
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 zu beschwichtigen! er würde ja getödtet werden und um sein Leben der Gefahr nicht auszusetzen, warum nicht ein Band zerreißen? warum nicht 10, sage zehn Stämme, zur Abtrünnigkeit veranlassen? Ist nicht Jeder sich der Nächste? Wenn alle Welt für sich sorgt, sollen die Separatkönige "dhn *,873» nicht auch an ihre Zukunft denken? Ohne Gehalt kein Brod, ohne Brod kein Leben. Es handelt sich um urv: Lebensrettung , dachte der Separatist Jerobeam, also — Trennung! Aber wodurch eine Trennung bewirken? Einen zweiten Tempel ausbauen, hob daS ganze Religionsgesetz auf, welches eben dadurch feinen Monotheismus erhalten wollte, baß es nur einen Ort als erwählt, nur einen Opferaltar als gestattet, einen Hohenpriester als fungirend bestimmte! Was war da zu thun? Jerobeam verfuhr zwar gewissenlos, aber — klug! Es ist — wiederhole ich — nicht Scherz, es ist voller Ernst! Er erklärte den Tempel mit seiner ganzen Cultuseinrichtung als — Reform und nahm ihm gegenüber die Stellung eines echt „Orthodoxen", eines alten „Glaubenstreuen" ein! Und in der Thal, waren denn die Gebete, die Lieder, die Instrumente, war der Bau eines Tempels aus Steinen, war die Pracht, der Glanz des Tempels, war das Alles, was David und Salomon anordneten (und selbst nach dem Talmud haben sie Neues angeordnet), war daS Alles nicht Reform? Der orthodoxe Jerobeam erklärt einfach David und Salomon für Reformen und — findet Anklang! Man darf hierbei nämlich nicht außer Acht lasten, daß die damaligen Zeitgenoffen sowenig die Bibel kannten (sie war noch nicht verbreitet) als die heutigen Orthodoxen in den Gemeinden, die der Trennung sich anschließen, den Talmud kennen. Jene, wie diese, glaubten oder glauben ihren Führern und — werden irregefuhrt! Ob es aber dem Jerobeam durch eine Verdammung der eingeführten, obgleich sehr heilsamen, aber doch immer der Orthodoxie verhaßten Reformen gelungen wäre, die Trennung herbeizuführen, ist immerhin sehr zweifelhaft, wenn andere Motive nicht vorhanden waren. Sie waren aber vorhanden und ein vorzügliches — Geldersparmß! Man höre nur! Der Stamm Levi, der für den Tempeldienst bestimmt war, hatte keinen Antheil bei Bertheilung des Landes (nbm pbn i? z-rr). Für ihn war durch Abgaben gesorgt, welche von den zwölf Stammen entrichtet werden müßten. Hörte die Wallfahrt nach Jerusalem auf, die Verbindung mit dem dortigen Tempel, so hörten auch die Abgaben an die Priester und Leviten auf! welches horrente Ersparniß! Daß hiedurch Taufende von Menschen in der ungerechtesten Weise beeinträchtigt würden, denn die zwei Stämme tonnten doch unmöglich leisten, wozu zwölf die Verpflichtung hatten, konnte nicht in Betracht kommen, denn — „Reformer sind schlimmer als Götzendiener", „einem Reformer ein Almosen geben, ist für den strenggläubigen Orthodoxen ein Capitalverbrechen", sagt der Schulchan- Aruch des — Jerobeam. Du fragst vielleicht, unparteiischer Leser, in Deinem Gerechtigkeitsgefühle, da die Orthodoxie des Jerobeam die Mehrheit bildete, so hatten die Leviten sich dieser doch anfchließen können, um ihres Einkommens theilhaftig zu bleiben? Gemach, mein Lieber! Da der Dienst, wie das Einkommen der echten Priester, erblich war, so brauchten sie dem Könige nicht zu schmeicheln und hatten ihn auch nicht zu fürchten. Sie konnten als unabhängige Männer unparteiisch und wahrhaftig sich benehmen! Das aber paßte dem Jerobeam nicht! Also fort das erbliche Priesterlhum; fort der erbliche Levitenvienst, fort das erbliche Einkommen! Es müssen die Cultusdiener in den Händen des Oberhauptes sein! Er muß ein- und absetzen können! Durch feinen Einfluß als Oberpriester hatte Jerobeam in den von ihm eingesetzten Unterpriestern gefügige Werkzeuge. Sie mußten ihn loben, mußten schon auS eigenem Interesse das Volk für ihn gewinnen! Wären die wirklichen Leviteu und Priester auch so charakterlos gewesen, zur Jerobeamischen Orthodoxie sich zu bekennen — er hätte sie nicht in seinem Dienste brauchen können! Mit unabhängigen Leuten ist ein selbstsüchtiges Ziel nicht zu erreichen. Dazu bedarf es der Personen, die selbst auch, weil sie von dem selbstsüchtigen Streben Vortheile ziehen, in ihrer Selbstsucht gegen das allgemeine Beste gleichgiltig sind. Wenn der Weinreisende durch die Bescheinigung eines Trennungsrabbiners im Voraus weiß, er werde sein Geschäft ausdehnen, so willigt er um so mehr ein, sich auch zu trennen, je weniger sein Verhalten von der Gewissenhaftigkeit bestimmmt wird; ebenso der Bäcker des Koscherbrodes; der Käseverkäuser, der Metzger, der Verkäufer der Peßachwaaren. Aber ich rede ja nicht von der Gegenwart, sondern von dem Separatisten Jerobeam. Sein SeparatiSnius war verhängnißvoll für ihn, für sein Haus, für das Reich Israel und für das israelitische Volt. Davids und Salomons Reformen bestehen heute noch! Das Reich Juda ging zwar politisch auch unter, aber die Bekenner des Glaubens, der die Reform zuließ, haben sich erhalten — wohin sind aber die separatistischen io Stämme gekommen? Vermischte e. Eine Proclamation Napoleon l. Die Proclamationen und Bulletins Napoleon I. hatten bekanntlich stets viele Eigenthümlichkeiten, großen Schwung, oft Schwulst. Sie sind wichtige historische Documente, welche zwar nicht immer der Wahrheit entsprachen, doch aber die Stimmung des Augenblickes und die Ansichten und Gesinnungen bezeugen, welche Napoleon zur Zeit in seinen Lesern wecken und verbreiten wollte. Am 28. Juni 1798 war das Expeditionsgeschwaver, das ihn und eine auserlesene französische Armee nach Egypten 10*

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