Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1878)
- Date
- 1878-03-05
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
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151 Unwissenden gebracht und ihrem blinden Eifer zur Entscheidung übergeben werden. 8) Für das Unlautere, sowie Unmoralische der Verketzerung spricht ein Umstand, welcher, wie bei der von uns geschilderten, sich säst immer wiederfindet, nämlich a, der Charakter des Verketzernden ist stets ein gehässiger, der deS Verketzerten ein sanfter und gevuldiger; 1>) dem Verketzernden lasten sich für seinen Eifer persönlicher Vortheil oder die Besorgniß eines persönlichen Nachtheils Nachweisen, während von den Verketzerten Opfer gebracht und Unannehmlichkeiten ertragen werden müsten, und e) übt der Verketzernde gegen den denkenden Menschengeist überhaupt einen Act der Gewaltthätigkeit, während dieser für sich das Recht freier Meinungsäußerung zu wahren sucht, Verketzerung und was damit zusammenhängt erduldet, und so selbst seinen Gegnern unv persönlichen Widersachern einen Dienst leistet. 0) Die Consequenz nöthigt nach und nach den Verketzernden zu den härtesten Grausamkeiten, selbst zu verbrecherischen Handlungen. Er steht mit seinem Bestreben außerhalb des Moralgesetzes; für ihn giebl es überhaupt seinem Gegner gegenüber kein Recht und Gesetz. Gegen denKetzer ist entweder Alles oder nichts erlaubt. Kein Mensch, der auf Menschlichkeit etwas hält, sollte diese schreckliche aber unzweifelhaft richtige Consequenz außer Acht lasten, denn wer nur einer ketzerischen Meinung halber verfolgt wirr, der wird es als ein Unschuldiger, selbst wenn rer Jrrlhum auf seiner Seite ist. Umgekehrt wird ein wegen seiner freieren Richtung Verketzerter, dem es in Wahrheit um rie Wahrheit zu thun ist, von seiner Consequenz abgehalten, selbst zu feinem Schutze solche Mittel anzuwenden, die moralisch verwerflich sine. Und endlich 10) Daß in eben riesen Consequenzen die Bürgschaft für den Verketzerten liegt, daß, was er selbst auch zu leiden habe, wie sehr auch durch gewaltsame Mittel sein Streben gehemmt werde, einst diesem schon als einem wohlgemeinten die Anerkennung und Würdigung nicht fehlen werde. Denn für sene giebt es eine Grenze rer Endlichkeit. Ihr Wesen ist Verfinsterung, Unterdrückung des Nichts oder wenn auch nur in einem Theile der Zeitgenossen, Verlängerung der Nacht. Aber rie Finsterniß war, ehe Gott ras Licht erschuf. Jene Finsterniß ist vorüber. Es giebt ein Licht und Licht läßt sich nimmermehr absperren. Wenn irgendwo, so gilt hier die Verheißung des Propheten: Sei Vertreter des Lichts und dann -pix -irvjjs *'“3' trotz aller Verdunkelung: dein Licht bricht hervor, gleich rer Morgenrölhe nach finsterer flacht. — Deutschland. Berlin, IS. Februar. (Privatmitlh.) In unsren Tagen sieht man oft genug während eines kurzen Zeitraumes Parteien entstehen und wieder verschwinden. Es zeigt sich da, daß selbst Entschiedenheit, Schroffheit, Charakter Eigenschaften sind, die Privatpersonen Nutzen schaffen, jedoch für Parteien, wenn sie sonst keine Lebenselemente in sich tragen, den Mißerfolg aufzuhalten, nicht vermögen. Soeben tagt hier rie Generalversammlung der sg. Agrarier, trübselig und ihrer Auflösung gewiß, da ihre Partei nach oben, unten, rechts und links nichts als Fiascos zu verzeichnen hat; insbesondere fiel sie bei den Wahlen gänzlich durch. Man erinnert sich, mit welcher Wuth die Agrarier auch auf die Juten losgesahren, und auf früheren Kreistagen und in landwirthschaftlichen Vereinen Schmähreden gegen sie schleuderten. Auch dies verfing nicht; denn die Parteien, welche ebenfalls der Judenhetzen bedürfen, meinen, daß sie dieselben selbst besorgen können, und daß am Ende ein Libell gegen die Juden dem anderen doch nur gleich aussehe. Jetzt stimmen die Agrarier ihren Grabgesang selbst an. Königsberg i. Pr., im Februar. iPrivatmitth.) Der eben erschienene 17. Jahresbericht des hiesigen israel. Waisenteßixcßfceii. Hauses bringt sehr erfreuliche Mittheilungen über das weitere Erblühen und die Fortentwickelung dieser Anstalt, für deren Pflege sehr angesehene Männer und Frauen, an ihrer Spitze der für die wohlthätigen Anstalten der Gemeinde segensreich wirkende Rabbiner l»r. Bamberger, unermüdlich thätig sind. So hat z. B. die Anstalt den Uebcrgang zur Selbslbeschafsung rer Kost für ihre Zögling in günstigster Weise vollzogen und rie leibliche wie geistige Pflege derselben zeigt die besten Erfolge. Deshalb hat auch die bisherige Waiscnanstalt für Ostpreußen in Schippenbeil, da sie ihre Existenz nicht sortzusetzen vermochte, ihre Waisenkinder der hiesigen Anstalt übergeben. In einer Generalversammlung wurden unsre Statuten dahin verändert, daß jenes Waisenhaus in das unsrige ganz ausgchen könne, und liegen dieselben jetzt zur Sanction der Slaatsregierung vor. Im verflossenen Jahre verließen vier Zöglinge die Anstalt und traten in die Lehre, 7 wurden ausgenommen und ist die gegenwärtige Zahl 24, 17 Knaben und 7 Mädchen. Die Einnahmen betrugen 10,-140 Mark, die Ausgaben 13,614. Die Mehreinnahme 2706 M.; wodurch das Baarvermkgen aus So,142 M. stieg, außer welchem die Anstalt auch ein Grundstück im Werlhe! von 50,.'>63 Mark besitzt. Wenn man die Extraausgaben für i das Grundstück von obiger Ausgabesumme abzieht, so bleiben die 1 etgentlt^en Ausgaben auf 10,700 Mark übrig, was bei 24 Zog-