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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-05 · Heft 10 (5.3.1878) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 10 (5.3.1878)
Date
1878-03-05
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 ganzen Gesichtskreise geschwunden. Hatte doch der Mann nur noch eine kurze Weile mit der Veröffentlichung seines Artikels gewariet — bis der russisch-türkische Waffenstillstand und die Friedenspräliminarien in England bekannt geworden, bis die Verhandlungen im Parlamente die Opposition zu einem schmählichen Rückzuge nöthigten, bis die Abstimmung das Häuslein der Gladstoneaner zu einer so kleinen Minorität herabgebracht, bis in Meetings, Adressen, Ovationen die Nation der Regierung ihre Zustimmung ausgesprochen und Herrn Gladstone das Gegenrheil fühlbar gemacht hatte — dann hätte wohl selbst Herr Goldwin Smith nicht die Verwegenheit gehabt, denjenigen den Patriotismus abzusprechen, welche von Beginn des Conflicts an den wahren Patriotismus mitten in der eigenen Partei, der Verblendung des Fanatismus gegenüber, zu bethätigen gewagt harten. Herr Goldwin Smith hat also auf dem Felde der Thatfachen entschieden Unglück gehabt, von denen er in dem Augenblicke, in welchem sein Aufsatz erschien, bereits glänzend dementirt war. Sehen wir nun zu, ob er in seinen Ansichten und deren Ausdrucksweise glücklicher gewesen. (Fortsetzung folgt.) Cassel, 2<>. Februar. Die Verketzerung -es Maimonides. Ein Vortrag von Landrabbiner ll>. Adler. II. Der Rambam selbst konnte sehr wohl und ruhig über diese und ähnliche Conspirationen sich hinwegsetzen, denn sein Ansehen, sein Ruf und seine Stellung waren der Art, wie er selbst es wohl schwerlich zu hoffen gewagt hatte. Die Gemeinde zu Kosira hatte ihn zum Rabbiner gewählt und befolgte mit Freuden Alles, was er anordnete; Sultan Saladin hatte ihn zu seinem Leibärzte ernannt und seine Praxis sich ebenfalls weit ausgedehnt; aber sein Ruf ging über die Grenzen des Landes, des Orients hinaus; es gab für diesen so zu sagen keine Grenze mehr. Aus den größten Gemeinden, den entferntesten Ländern, von den angesehensten Gelehrten gingen ihm Anfragen zu, theils um Aufschluß über Stellen in seinem Codex, theils übev Fälle, die noch nicht in letzterem erwähnt sind u. s. w., die er stets bald sehr kurz, bald auch recht ausführlich, aber immer bescheiden und liebevoll beantwortete. Bei so vielen Arbeiten, die seine Berufsthätigkeit erforderte, fand er, dieser außerordentliche Geist, noch die Zeit, ein Buch zu schreiben, welches für das Judenthum fast noch von größerer Bedeutung war als der Codex Jad Chasaka; welches nebst der Autorität in der Halacha, die er durch letztere geworden war, in der nichtjüdischen Gelehrtenpublik, eben so sehr wie in den jüdischen Gemeinden als Denker und Philosoph seinen Namen unsterblich machte. das Buch, welches unter dem Titel More Nebuchim oder Führer der Verirrten bekannt ist. In diesem Buche, das er arabisch schrieb, stellte rer Verfasser sich die Aufgabe, das Judenthum als mit den Resultaten der Philosophie übereinstimmend darzustellen. Durch die Araber, welche rie Werke rer hervorragendsten griechischen Philosophen wie Plato, Aristoteles u. A. in's Arabische übersetzten, waren auch rie Juden, unter den Arabern lebend und ihre Sprache redend, mit diesen Schriften bekannt geworden, und es hatten vor Maimonides schon mehrere jüdische Gelehrte wie Saaria, Abraham ben Dios, Jehura Halevi u. A. religions-philosophische Schriften geschrieben, gleichfalls in arabischer Sprache. Die Bekanntschaft mit der grieck. Literatur förderte die Bildung und rief bei den Juden unter den Arabern das Denken in einem viel höheren Grade hervor, als es in anderen Ländern und unter den in der Bildung noch überaus tiefstehenden Christen der Fall war. Sc sehr aber auch die genannten Gelehrten und noch viele Andere sich bemühten, durch ihre religions-philosophischen Schriften das Judenthum zu befestigen, es war dennoch gefährdet, weil man immer mehr zu glauben anfing, die Resultate der Philosophie stünden so sehr im Widerspruche mit den Lehren der Bibel und des Talmuds d. h. mit dem Judenthume, daß der wirkliche Philosoph kein Jude sein könne, der echte Jude von der Philosophie lworunter damals auch die Naturwiffenschaften u. s. w. verstanden wurden) besonders der griechischen sich fern halten müßte. In dieser Annahme lag für das Judenthum eine große Gefahr. Das Erstere führte zum Abfalle, das Letztere zur Stagnation und Versumpfung des Judenthums. Beides zu verhüten, gab es nur einen Weg und den hat Maimonides eingeschlagen. Er hatte nicht blos philosophische Schriften gelesen, sondern war Philosoph im eminentesten Sinne des Wortes. Die größten Philosophen seiner Zeit, unter ihnen der berühmte Averroes (Jbn Roschd), der Uebersetzer des Aristoteles in's Arabische, waren seine Lehrer. Wie er selbst im strengsten Sinne des Wortes der jütischen Religion anhing und gleichwohl die aristotelische Philosophie sich aneignen konnte, d. h. mit den Grundprincipien des Judenthums in Uebereinstimmung, so hat er auch durch seinen Moreh, nicht wie seine Vorgänger, das Judenthum gegen die Philosophie vertheidigen, sondern als mit ihren Resultaten übereinstimmend Nachweisen, d. h. seine Zeitgenossen belehren wollen, daß der Philosoph auch durch und durch Jude sein könne, der wahre Jude nicht nur die Philosophie nicht zu scheuen oder als verpönt anzusehen habe, sondern mit ihr sich beschäftigen müsie, weil Religion und Philosophie, Thora und Chachma sich einander nicht entbehren können. Der „Führer der Verirrten" war für die damaligen Zeitgenoffen und auch für das Judenthum überhaupt von noch viel größerer Bedeutung als der Codex, was weiter auszuführen hier der Ort nicht ist. Aus diesem Wenigen wird klar sein, daß die

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