Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-05 · Heft 10 (5.3.1878) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 10 (5.3.1878)
Date
1878-03-05
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227188--36072-3306085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 untereinander ist bekanntlich ver elftere ein eifriger Hochkirchler, und der andere hat sich erst recht als chrifil. Fanatiker entpuppt. Mit dem fanatischen Auftreten des Ultramontanismus im sg. Culturkampfe nämlich, regte sich in Gladstone der theologische Dilettant. Er fühlte sich berufen, jenen zu bekämpfen. Seine Schriftstücke auf diesem Felde gewannen, so einseitig und oberflächlich sie auch waren, aus Len Umständen und dem Gewicht seines Namens heraus großen Beifall in England und auf dem Continente. Jetzt war für ihn der Damm gebrochen. Er hielt sich für einen großen, berufenen theologischen Kämpen und nicht lange, so veröffentlichte er seine Theorien über Religion und Glauben überhaupt, wobei er in seiner Berurtheilung des Katholicismus auch nicht unterließ, auf das Judenthum Bemerkungen und Urtheile zu schleudern, die ebenso falsch wie oberstächlich waren. Wir verweisen auf unsren Artikel „Gladstone und das Judenthum" vom 14. Juni 1876 (Nr. 25). Mit der Eröffnung der diplomatischen Verhandlungen über die orientalische Frage, der Conferenz zu Konstantinopel und des russisch-türkischen Krieges wurde es noch ärger. Gladstone sah hier einen Triumph des Christenthums über den Islam, er glaubte mit dem Siege der russischen Waffen eine Vernichtung des Islam nahe, und der Theologaster war durch die voraufgegangenen Streithändel mit dem Ultramontanismus in ihm so stark, daß er den Engländer vergaß, die Suprematie Rußlands im Occident wie im Orient zu furchten aufhörte und die nationalen britischen Interessen preisgab. Aber je weiter der Krieg auf der Balkanhalbinsel sortschrilt, desto mehr wurde sich die englische liberale Partei selbst des großen Jrrthums bewußt, den ihr Führer sie, von nationalem wie europäischem Standpunkte aus, hatte begehen lassen. Sie sing an, sich zu spalten, und der Fall Plcwna's entnüchterte zugleich den größten Theil des britischen Volkes. So streng auch im Ganzen die Parteidisciplin in England ist, die Aufgabe, Gladstone Lurch alle diese Irrfahrten Heerfolge zu leisten, war selbst der Partei zu stark. Hierzu kam, daß die Greuel des Krieges, namentlich die von den Bulgaren verübten Gräßlichkeiten, jenen so oft vorgeschützten Grund der Menschlichkeit völlig als eitel erwiesen. Das englische Unterhaus zählt auch einige wenige Mitglieder jüdischer Religion, die sämmtlich der liberalen Partei angehören. Diese mußten vom religiösen Fanatismus frei und in. der Kenntniß des Culturzustanres und des sittlichen Charakters sowohl auf Seilen der Rumänen, Serben, Monlenegriner, Bulgaren als auch der Türken aus der anderen Seite und in der Erwägung, daß die Türkei Len Weg der Staatsreform wirklich beschrilten und die Aussicht auf deren Censvlidirung und Weiterentwickelung eröffnet hatte, vom Beginn res Conflictes an klarer sehen und sich die eigentliche brtilische Politik nicht verschleiern lassen. Sie gerielhen in die peinliche Lage, welche stets Männern bereitet wird, wenn sie aufrichtig ihrer Partei angehören, diese aber gefährliche Irrwege einschlagen sehen. Sie mochten wohl ihre abweichenden Ansichten offen darlegen, und dies erregte schon den Zorn Gladstone's und seiner Anhänger. Als nun aber die liberale Partei sich zu spalten anfing, Gladstone die Führerschaft verlor und die Politik Beaconsfield's im britischen Volke immer größeren Anklang fand, und die jüd. Liberalen zu denen gehörten, welche sich von Gladstone abgewandt — da war die Feindschaft des letzteren und der Gladstoneaner nicht blos gegen die jüdischen Parlamentsmitglieder, sondern, wie dies immer geschieht, gegen alle Juden entschieden. Wir halten bereits im vorigen Jahrg. (Nr. 23) die leidige Veranlassung, einige Beispiele der gehässigen Jnvectiven zu bekämpfen, welche die Gladstoneaner gegen die Juden veröffentlichten. Aber die Verhältnisse entwickelten sich immer schlimmer für Gladstone. Das Parlament wurde zusammenberufen, die Thronrede sprach sich in entschiedener Weise aus, die Regierung forderte einen bedeutenden Credit, und — die Mehrheit der Nation und des Parlaments, ja sogar ein beträchtlicher Theil der liberalen Partei sprach laut für die Regierung. In diesem Zeitpunkte machten die Gladstoneaner noch einmal den Versuch, das Feuer des religiösen Fanatismus wieder anzufachen, das vor dem kalten Hauche der wieder erwachten nationalen Politik zu erlöschen begonnen. Man wollte mit Gewalt die liberale Partei Zusammenhalten, energische Opposition machen, oder doch wenigstens den Schein retten. Als ein Specimen dieser Art liegt uns ein Artikel im eben erschienenen Februarhefte der Oonwmporary Review vor unter dem Titel: England's Abandonnu-ni of the Proiectorate of Turkey („England giebt den Schutz der Türkei aus"), verfaßt von Goldwin Smith, der zu den englischen Radikalen gehört. Der politische Theil dieses Aufsatzes braucht von uns nicht berücksichtigt zu werden. Wir verdenken Niemandem seine politischen Ansichten und haben uns um Richtigkeit oder Jrrthum auf diesem Gebiete nicht zu kümmern. Aber die Expectorationen des Herrn Smith laufen nicht blos auf eine Glorification des Christenthums, sondern zugleich auf eine so gehässige Verketzerung des Islam, des Judenthums und besonders der Juden hinaus, daß wir insbesondere die letztere in einem so geachteten und verbreiteten englischen Journal nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen. Goldwin Smith erfrecht sich sogar, den Juden allen Patriotismus, ja selbst die Möglichkeit des Patriotismus abzusprechen! Und dies wagte er in eineur Augenblicke, wo die ganze englische Nation die Herren Glacstoneaner als Unpatrioten brandmarkte, wo diese ihrem religiösen Fanatismus den Patriotismus zum Opfer gebracht hatten, wo sie die ganze Machtstellung, das ganze Ansehen und allen Einfluß Großbritanniens für vaS, was sie für Religion ausgaben, als nichtig hinwarfen! Fürwahr, das ist eine Verwechselung von Patriotismus und Parteigängergeist, eine Verwechselung, wie sie bei Parteigängern gewöhnlich vorkomnu, denn darin besteht eben ihre Verblendung, daß sie selbst die unpatriotischeste Parleiansicht für ein Product der echten Vaterlandsliebe ansehen. Uno doch ist solchen das Vaterland und dessen wahrer Nutzen aus ihrem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.