Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1878)
- Date
- 1878-02-26
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
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138 ohne irgend welches Bedenken: so dürfen sie jetzt nicht klagen, wenn Rußland gegen denselben Vertrag das Land wieder haben will, bas es ihnen abtreten mußte. Es ist, wenn auch nicht moralische, doch politische Eonsequenz, daß, wenn Rußland die Schutzherrlichkeit über alle Donauländer unv die Balkanhalbinsel auszuüben hat, es die Rumänen nicht ausnehmen werde. Die Rumänen haben also mit ihrem Blute und Gelde nichts weiter erkauft, als den Herrn gewechselt zu haben, und da sie einmal in den Kampf getreten waren, mußten sie sich eine strenge Behandlung in beiden Fällen, in dem des Sieges wie der Niederlage Voraussagen. Die Leidenschaftlichkeit und die Kurzsichtigkeit der rumänischen Politiker, sowie deren Mangel an Rechtssinn, Eigenschaften, die sie so oft in ihrem Verfahren gegen die Juden bewiesen Habens erhalten also jetzt ihren naturgemäßen Lohn. Sie treten jetzt in die Rolle ein, welche sie die Juden so oft haben spielen lasien: Senat und Deputirtenkammer können noch so viele Bitten und Proteste von sich geben, sie werden an der Sache nichts ändern, und die Thränen, die der Minister Cogalniceano in der Senatsversammlung vergoß, werden gerade so viel bewirken, wie die zahllosen Thränen der Juden bei den Regierungsmännern und Politikern Rumäniens vermochten, während doch — dafür hatten die letzteren gesorgt — die Thränen der Juden die unzweifelhafte Aufrichligkeit für sich hatten. Jetzt gehen die Rumänen bei den Großmächten klagen — aber als dieselben Großmächte die Judenveifolgungen in Rumänien verurcheilten und Einwände dagegen erhoben, wurden sie bei den Rumänen nur verlacht. Sie können daher auf Sympathie nicht rechnen. Sollte es kommen, daß die bisherige liberale Verfasiung Rumäniens, gerade wie besten Besitzstand, geändert werden müßte, so gehörte auch solches in das Reich der Vergeltung, da die Männer dieser Verfaffung sie nur benutzten, um einen Theil der Bevölkerung, 250,000 Juden, in der Rechts- und Schutzlosigkeit zu erhalten. Wir machen diese Bemerkungen wahrlich nicht mit frohem Herzen; jeder Vorgang in der Welt, der nicht dem Rechte und der Humanität entspricht und nichts als die Herrschaft der Gewalt zum Ausdruck bringt, schmerzt uns tief. Auch haben wir Juden eine bessere Behandlung nicht von einem Sieger von heule als von einem Sieger von gestern zu erwarten, sondern nur da, wo die innere Entwickelung aus den Grundsätzen des Rechts stetig und ungestört vor sich geht. Aber man muß es doch der Welt zum Bewußtsein bringen, daß eine göttliche Vergeltung durch die Völkergeschichte geht, und aus gutem wie bösem Saamen, der von Menschenhand ausgestreul ist, die entsprechenden Saaten und Früchte erwachsen läßt. Es bedarf nichts weiter als der Zeit, sei sie kurz oder lang bemeffen, um sie zur Reife zu bringen. Türkei. Canea. (auf der Insel Kreta), 20. Januar. (Arch. isr.) Die Insel Kreta macht jetzt eine der kritischesten Phasen durch. Eine Menge Christen haben sich unter die revolutionäre Fahne geschaart, und es ist möglich, daß die christliche Bevölkerung jeden Augenblick die Annexion der Insel zu Griechenland fordert. Unter diesen so ernsten Verhältnissen beklagen sich weder die Türken noch die Christen über die Israeliten, denn diese mischen sich durchaus nicht in die Politik. — Man bemerkt mit Befriedigung, daß die griechischen Bauern, deren Töchter bei den Türken als Mägde dienen, sie mit Eifer zu den Juden bringen, wo man re mit Recht für sicher hält, besonders wenn man diese Thatjache mit dem vergleicht, was im Jahre 1866 während der Jnürrection geschah: zu jener Zeit wurden alle Mägde, die in der Stadt Canea waren, auf die hohen Berge im Innern gebracht. — Durch das, was jetzt geschieht, sieht man, daß die Christen ein großes Vertrauen zu den Israeliten gewonnen haben: das Vertrauen und die Freundschaftsbeweise mehren sich täglich zwischen Juden und Christen. — Das Elend ist leider schrecklich; mehrere Familien fallen ihm anheim: die Gemeinde fühlt eine lebhafte Besorgniß in dieser Krisis. —. Das englische Blaubuch enthält Berichte des englischen Botschafters Layard, welche die vielen Grausamkeiten bestätigen, die von den Serben und Bulgaren an den israel. Bewohnern der Türkei verübt worden sind und werden. Als jüngst die Serben in Lam-Palanka einrückten, plünderten und zerstörten sie die Häuser der Türken und der Juden, rissen die Synagoge nieder und die Thorarollen in Stücken. 133 Israeliten sind als Flüchtlinge im Zustande der größten Entblößung in Krjova (Rumänien) flüchtig von dort angekommen. — . Unter den auf den türkischen Schlachtfeldern gefallenen russischen Soldaten befanden sich nach den letzten Rapports bereits 2875 Israeliten, unter denen ungefähr 1900 verheirathet gewesen. Bonn, 17. Febr. (Notizen.) Man schreibt aus Pest: Der Wunterrabbi Mechel Jankev Aller Noach ist vorigen Samstag den 9. d. M. aus Sina im Zempliner Comitat per Bahn in polizeilicher Begleitung hier angelangt, wo er im Aufträge der Regierung bis auf weitere Verfügung in polizeilichem Gewahrsam gehalten wird. Der interessante Gast wurde im sogenannten Bürgerzimmer einlogirt, wo er den ganzen Tag mit frommen Uebungen und Gebeten verbringt. Der Wunderrabbi hat auch bereits mehrere Besuche von seinen Anhängern und — Verehrerinnen empfangen, die er mit seinem Segen beglückte. Bis jetzt wurde noch nicht verfügt, was weiter mit dem Rabbi zu geschehen habe. — Den 13. d. M. starb in Baja (Ungarn) der Rabbiner MoseS Nascher im Alter von 65 Jahren, nachdem er das Rabbinat in Baja 25 Jahre verwaltet. — Am 20. Januar wurde zu Köln eine Gevächtnißfeier im „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache" zu Ehren der verstorbenen Gönner und Wohlthäter der Anstalt in sehr würdiger