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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-26 · Heft 9 (26.2.1878) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 9 (26.2.1878)
Date
1878-02-26
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
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136 hat denn auch die socialistische Presse und die radikale überhaupt, gerade wie die ultramontane uno pietistische, in reichem Maße gethan. Uebrigens sind die Herren Prediger sehr moralisch, denn sie erklären sofort: sie wollten keine Judenverfolgung!! Die Trauben sind zu sauer! Ihre Schmähung gegen die Juden selbst ist so oft zum Ueberdruß wiederholt, daß eine Widerlegung zum Ueberfluß wäre. Die Herren zeigen, daß ihnen gerade des am meisten am Herzen liegt, was sie den Juden vorwerfen, die Börse. Zugleich erweisen sie, daß sie weder von der Bolkswirthschaft noch von der socialen Frage irgend ein Berständniß besitzen und geradezu lächerlich sind ihre tausend Mark (!!!) für „das Arbeiter-Jnvalidenhaus". Ein solcher Köder muß die Socialisten auf's Aeußerste erbittern, und der Streit kann nur um so größere Dimensionen annehmen. Die Herren Prediger verstehen in der Thal nur immer Oel in's Feuer, nicht aber in's stürmische Master zu gießen. Berlin, 13. Februar. Der Borstand rer hiesigen jü d. Gemeinde hat in diesen Tagen eine Petition an den Fürsten BiSmarck bezüglich der beim Friedensschluß zu regelnden Stellung der Juden in Rumänien an sämmtliche preußische Gemeinvevorstände zur Unterschrift versendet. (Dies ist gewiß recht löblich, aber — wie soll bei dem jetzigen „Friedensschluß" die Stellung der Juden in Rumänien zu regeln sein?!) Königsberg, io. Februar. (Privatmitth.) Das israel. Waisenhaus zu Schippenbeil ist seiner Auflösung nahe. Es schwebt jetzt bei der königlichen Regierung der Antrag, daffelbe in das hiesige aufgehen zu lasten. Auch hier zeigt sich, daß bei den schon genugsam zersplitterten Kräften unserer Glaubensgenostenschaft nichts nolhwendiger ist, als die vorhandenen Mittel, finanzieller wie intellectueller Art möglichst zu vereinigen, damit etwas Tüchtiges geleistet werden könne. Ich meine hiermit nicht Anstalten über ganze Staaten, weil diese wiederum eine für das jüdische Wesen unangemessene Centralisation und eine zu energische Verwaltung erforderlich machten, wohl aber für größere Bezirke oder Provinzen. — Gestern las ich die Fortsetzung „der Jesaianifchen Moral" in Nr. 6 d. Ztg. unmittelbar nachdem ich den Bericht über die letzten social-demokratischen Versammlungen in Berlin gelesen hatte, und sagte mir unwillkürlich, welchen Eindruck diese Darstellung von dem Segen der Religion in jenen Kreisen machen müßte, statt der schwächlichen Argumente des Hrn. Missionsdirectors Wangenheim! Die mächtigen Worte des Propheten, so würdig und eindringlich imerpretirt, würden in die Geister Aller, welche noch irgend einige Besonnenheit besitzen, tief einschlagen und all' den Wust und Dunst wie Spreu zerstreuen, welchen das Gewäsch eines Most um sie gesammelt hat. Hier zeigt sich, wo noch immer die Quelle der Energie und vie Seele beherrschender religiöser Ueberzeugung vorhanden ist, im ewig lebendigen Prophetenthum oder in den erstarrten Dogmen res Buchstabenglaubens und den süßlichen Phrasen, die daraus gesponnen werden? Nebenbei bemerkt müssen solche zusammenhängende Darstellungen aus den Reben unserer Propheten jedem jüngeren Prediger Nutzen bringende Fingerzeige abgehen, daß solche der wahre Maßstab sind, um dem hochragenden und allen Stürmen trotzenden Felsgestein des Prophetengeistes den reinen erfrischenden Quell des Lebens zu entlocken. Um noch einmal auf jene antireligiöse Agitation zurückzukommen, so zeigt es sich auch hier, wie jede unbesonnene, hypothesensüchtige Wissenschaft es sich selbst zuzuschreiben hat, wenn sie in den Staub gezerrt und durch den Schmutz gezogen wird, wie es jetzt geschieht. Die Herren, welche ihre materialistischen Ansichten in Sophismen zu kleiden und dem gebildeten Publikum als wiffenschaftliche Wahrheit und echtes Resultat der Forschung vorsetzen, müssen es sich gefallen lassen, daß ihre Producte von diesem zurückgewiesen, vom ungebildeten Haufen dagegen mit Jubel ausgenommen werden und hier ihren Vergiftungsproceß vollziehen. Virchow hat also nicht Unrecht gehabt, wenn er, in seiner bekannten Rede vor den deutschen Naturforschern, die sich anspinnende Verbindung zwischen den Darwinianern und den Socialisten ankündigte. Ganz besonders zu bedauern ist es jedoch, daß vor diesem Gespenste der Gottlosigkeit recht viele schwächere Geister wieder tn die Arme des Wahnglaubens sich flüchten werden. Neubrandeuburg (Mecklenburg - Strelitz), 14. Februar. (Privatmittheil.) Neubrandenburg gehörte noch in den Jahren 1860—1867 zu den Städten unseres deutschen Vaterlandes, wo den Juden der Aufenthalt als ein Act der Gnade nach vielen Schwierigkeiten gestattet wurde. Wie verschieden und freudiger sieht es heute daselbst aus. Gleich nach der Bildung des Norddeusschen Bundes im Jahre 1867 entstaud hier durch Heranzug mehrerer jüd. Familien eine zwar kleine, aber recht wackere Gemeinde, so daß man bald an den Bau einer eigenen Synagoge dachte. Im Jahre 1867 kam der Plan zur Ausführung. Die Gemeinde erhielt vom Magistrat einen Bauplatz und unser Großherzog schenkte 1800 M. als Beihülse zum Synagogenbau. So konnte es geschehen, daß derselbe seine Vollendung und Weihe im September v. I. erhielt. Einen zweiten Geschichlsabschnitt in der Stellung der Juden hierorts bildet die Wahl unseres Vorstehers, Herrn Gustav Götz, zum Stadtrepräsentanten. Gewiß haben dazu viel der ehrenhafte Charakter des Mannes und sein gemeinnütziges Streben beigetragen. Ein dritter Punkt der veränderten Verhältnisse hierorts, den wir noch berühren wollen, war die allgemeine Betheiligung der jüdischen und christlichen Bevölkerung bei dem Leichenbegängniß eines am 2. d. M. verstorbenen Mitgliedes, des Herrn Cohn, eines Mannes, der die drei Kriege 1864, 1866 und 1870 — 1871 mitgemacht hatte. Derselbe hinterließ eine Frau mit sechs kleinen Kindern. Das Mitleid zeigte sich auf allen Seiten, so daß, wie man hört, auch von christlichen Mitbürgern namhafte

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