Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1878)
- Date
- 1878-02-26
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
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135 provocirt worden sind. Eine Anzahl hiesiger evangel. Prediger hatte sich zusammengethan, eine „christlich-sociale Partei" zu bilden, welKe sich um die christlichen Dogmen schaaren und dabei einige Verbesserungen für die arbeitenden Elasten auf dem Wege des Almosens erwirken sollte. Das Hauptziel war, eine Spaltung in die Socialistenpartei zu bringen und einen, wenn auch nur geringfügigen Bruchtheil für die Kirche zu retten. Hiergegen erhob Most seine Agitation. Bis jetzt hatte sich der Socialismus von der Religion ferngehalten, dieselbe für Sache des Individuums erklärt und jede Berührung nach dieser Richtung hin vermieden. Er erhob, der Geistlichkeit gegenüber, den Atheismus auf den Schild, wobei er am meisten gegen die Geistlichkeit und hiermit gegen die Kirche zu demonstriren sich bemüht. Nun ist es Thatsache, daß man bei der Maste überall einen großen Anklang findet, sobald man gegen die christliche Geistlichkeit zu Felde zieht. Es liegt dies in der mehr oder weniger stark hervortretenden hierarchischen Gewalt, welche die christliche Geistlichkeit entweder besitzt oder anstrebt, während z. B. bei den Juden die Rabbiner eine solche Macht nicht beanspruchen und in ihrer Abhängigkeit von der Gemeinde nicht beanspruchen können, und deshalb auch irgend ein allgemeines Mißwollen gegen sie bei der jüdischen Maste nicht vorhanden ist, vielmehr das Gegentheil. Bon beiden Seiten kann man nicht sagen, daß das Vorgehen klug gewesen; denn die Prediger haben damit einen Sturm gegen sich und die Kirche hervorgerufen, während wiederum Most und seine Anhänger den größeren Theil des Volkes durch ihre gemeinen Angriffe aus den Gottglauben zurückstoßen, und ihr Gebahren nur noch widerwärtiger machen als bisher. — Ueber die jüngste Versammlung der „christlich-socialen Partei" enthalten die hiesigen Blätter folgenden Bericht: „Die christlich-sociale Partei hielt am Freitag Abend im Ahlgrimm'schen Saal wiederum eine geschloffene Versammlung ab. Obwohl ohne Mitgliedskarte niemand Zutritt hatte, so war doch der große Saal in allen seinen Räumen bis auf den letzten Platz gefüllt. Es herrschte in der Versammlung die musterhafteste Ordnung. Zunächst sprach Herr Pastor Bau mann über: „Das Christenthum, ein Befreier der Menschheit". — Herr Hofpred. Stöcker antwortete dann auf die eingegaugenen Fragen. Die christlichsociale Partei, erklärte er, sei eine selbstständige Partei und kann sich um deshalb mit der conservativen Partei nicht verschmelzen. Sehr gern wolle die erstere Partei jedoch mit jeder anderen, die auf dem Boden des christlichen Glaubens stehe — und eine solche Partei sei ja die conservative — ein freundschaftliches Berhälmiß unterhalten. Die christlich-sociale Partei werde auch bei den nächsten Reichstagswahlen versuchen als selbstständige Partei aufzutreten und hoffe, daß es ihr gelingen werde Einen der ihrigen in die Volksvertretung zu senden. (Beifall.) Bei dieser Gelegenheit müsse er als grobe Unwahrheit erklären, daß er Herrn Most in irgend einer Weise dem Staatsanwalt denuncirt habe. Er hoffe ganz allein mit diesem Manne fertig zu werden. (Stürmischer Beifall.) Eine Judenverfolgung stehe der neuen Partei fern. Feigheit wäre es aber, wenn sie es unterlassen wolle auszusprechen, daß die größte Schuld in der gegenwärtigen wirthschaftlichen Nothlage die Börse, die fast ausschließlich im Besitze der Juden sei, trage. Die Socialdemocraten wissen das auch sehr gut; sie schimpfen aber nur deshalb nicht auf die Juden, weil Lassalle ein Jude gewesen. (Stürmischer Beifall.) Herr Grüneberg habe sich jedenfalls geirrt, als er sagte, daß auch Nichtchristen Mitglieder der christlich-socialen Partei werden können. Es wäre dies eine ganz directe Programm- Verletzung. (Lebhafter Beifall.) — Herr Pfarrer Todt (Barenthin) betonte die NothwendigkeU: auch im weiteren Lande Parteimitgliederschaften zu gründen. — Es sprachen außerdem noch Reiseprediger Kaul, Pfarrer Diestelkamp u. A. m. Letzterer theilt mit, daß sich in Solingen bereits eine nach vielen Mitgliedern zählende christlich-sociale Partei auf der Basis desselben Programms gegründet habe. — Herr Hofprediger Stöcker überbrachte der Versammlung Grüße von zahlreichen Gesinnungsgenoffen aus Nürnberg und theilte später mit, daß für das zu erbauende Arbeiter-Jnvalidenbaus bereits mehr den 1000 Mark eingegangen seien. — Mit einem dreifachen Hoch auf die Gründer der christlich-socialen Partei, endete alsdann die Versammlung gegen 11 >/r Uhr Nachts." Man sieht aus diesem wörtlich wiedergegebenen Berichte, daß die Herren ganz unter sich sind. ES sprachen lauter Prediger, und Niemand konnte, gerade wie in der Kirche, einen Widerspruch gegen sie erheben, wonach auch kein Laie Gelüste zu haben scheint. Wer der Herr Grüneberg sei, der auch „Nicht-Christen" zu dieser Partei und Versammlung einladen wollte, wissen wir nicht; jedenfalls hat er ebensowenig einen Auftrag dazu von den Juden, wie von den Gründern und Führern dieser Partei erhalten. Diese hätte aber jedenfalls ihren Charakter verleugnet, wenn sie nicht alsbald auf Schmähungen gegen die Juden verfallen wäre. Weß das Herz voll ist, besten fließt der Mund über. Sie können sich auch gar nicht vorstellen, worum die Socialisten nicht auch gegen die Juden schimpfen, da sie selbst so etwas nicht zu unterlassen vermögen. Sie finden, was ihnen unerklärlich ist, dadurch verständlich, weil Laffalle ein Jude gewesen. Jedenfalls stellen sie hiermit den Socialisten ein ehrenvolleres Zeugniß als sich selbst aus, da doch der Gründer ihrer Partei, wenigstens den sie dafür ausgeben, JesuS, auch ein Jude gewesen. Uebrigens erweisen die Herren Prediger dadurch nur ihre Unkenntniß der Socialisten-Preste, die sie doch bekämpfen wollen — gerade so wie sie stets das Jubenthum zu bekämpfen sich bemühen, ohne dasselbe zu kennen, ja ohne selbst das Alte Testament richtig zu verstehen. Waren diese Herren Prediger nicht so sehr verblendet, so müßten sie schon vorauSfetzen, daß, da die Juden treue Verfechter der gesellschaftlichen Ordnung und das Judenthum ras Fundament dieser ist — wir erinnern nur an die Zehn-Gebote — die Socialisten gar nicht unterlassen können, auch gegen sie zu Felde zu ziehen. Und dies