Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1878)
- Date
- 1878-02-26
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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133 für unsre Zeit von Wichtigkeit, wo auf der einen Seite so oft die hohle Redensart sich spreizt, auf der anderen das Meer der Specialitäten den fruchtbaren Boden überschwemmt. Die erste dieser Schriften ist: Johann Gottfried von Herder und die HumanitätSbestrebungen der Neuzeit. Eine literarhistorische Studie. Von Adolph Kohut. Erster Theil. Berlin, Gerschel, 1870. Der Verfaffer hat hiermit einen guten Griff gethan, und wir bedauern es, daß das zweite Heft nicht erschienen ist. Bekanntlich sind Theorie und Praxis, Principien und deren Anwendung auf wirkliche Gegenstände sehr verschiedene Dinge. Sehr helle Geister können nach vielen Seilen hin höchst befangen und scharfsinnige Philosophen sehr vorurtheilsvoll sein. Dies haben mitten in und aus den Humanitätsbestrebungen des vorigen Jahrhunderts z. B. Friedrich II., Kant, Fichte den Juden gegenüber erwiesen. Wenn nun die Judenfeinde es lieben, gehässige Aussprüche der beiden letztgenannten zu colportiren, so ist es verdienstlich, gerade in dieser Beziehung das Andenken Herders zu erneuen,.der neben Lessing am entschiedensten nicht blos für die formale, sondern auch für die ganze geistige und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden eintrat. Unter den Weimarer Geistesheldcn steht er hierin als der einzige da. Dies ist aber nur die eine Seite von Herders rühmlichem Wirken. Durch seine Schriften über die Bibel, die hebräische Sprache und Poesie hat er dem Berständniß derselben in genialer Weise die Bahn gebrochen, eine Bahn, die nur von Wenigen und mit gleichem Erfolge von Niemandem beschritten worden. Der Verfaffer behandelt im ersten Abschnitt „Herder und die Juden", im zweiten „Herder und die jüdische Wiffenfchaft", im dritten „Herder und Moses Mendelssohn". Er geht hier überall von den höchsten Gesichtspunkten aus und zeigt, wie Herder denselben folgte und genügte. Allerdings geht der Verfaffer gegen die „historisch-kritische Schule" in der Exegese der heil. Schrift zu weit, indem er ihr allen Werth und Nutzen in bitteren Worten abspricht. Dies heißt das Kind mit dem Bade ausschütten. Trotz des Verfaffers Fragezeichen hat die Bibelkritik einige sichere Erfolge errungen, und Niemand kann leugnen, daß durch die Unterscheidung der beiden Bücher im Jesajas, im Secharja und im Daniel die Exegese ein neues Licht über diese Schriften gewann und der verworrenen und gekünstelten Erklärung ein Ende gemacht worden ist. Beiläufig bemerkt, sehen wir nicht ein, warum der Verfaffer den „Mann", von welchem er fast zwei Seiten citirt, nicht nennt (S. 45), und noch weniger, worauf gestützt er von ihm sagt, daß er „in früheren Jahren selbst als Fahnenträger dieser Schule voranging"? Dies kann nicht von ihm gesagt werden, da derselbe stets auf's Gewisienhafteste die vorgetragenen Gründe prüfte, und nur da zum Beitritt sich entschloß, wo die Richtigkeit der kritischen Ansicht unzweifelhaft geworden. Da auch hinsichtlich Herders der alte Spruch, daß der Wohlthaten weniger gedacht wird als der Beleidigungen, sich bewahrheitet hat, so empfehlen wir die Schrift des Herrn Kohut, um denen bei der Hand zu sein, die auf dem Gebiete der Judenfrage gezwungen sind, nach Autoritäten zu greifen. — Hieran reiht sich sachgemäß: „Alexander von Humboldt und das Judenthum. Ein Beitrag zur Culturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts". (Zweite Auflage. Leipzig, Pardubitz, 1871.» Diese Schrift führte einen zweiten Geisteshelden von noch umfaffenderer und allgemeinerer Autorität, der mehr als die erste Hälte unsres Jahrhunderts beherrschte, für Juden und Judenthum auf den Kampfplatz. Hier hatte er allerdings schon längst für den vorurtheilslosesten Verfechter der Humanität und des Rechts gegolten, aber in so vollständiger und zum Theil eklatanter Weise hatte ihn als Freund der Juden und des Judenthums noch Niemand gezeigt. Im ersten Capitel behandelt der Verfaffer „Alexander von Humboldts Verdienste um das Judenthum". Nach einer Vertheidigung Humboldts gegen die Fraubasereien Karl Vogts, sammelt der Verfaffer eine Maffe von Stellen, welche den Freisinn Humboldt's in politischer und confessioneller Beziehung bezeugen, und von denen viele den Juden und dem Judenthume zu Gute kommen. Das zweite Capitel stellt „Humboldts Beziehungen zu Juden", das dritte zu „Jüdinnen" und das vierte „Humboldt und die Bibel" dar. Für das zweite Capitel hätte die seitdem erschienene große Biographie Humboldts von Bruhns noch einigen Stoff hinzugefügt, wie wir dies in unsrer Besprechung des ausgezeichneten biographischen Werkes in dieser Zeitung hervorgehoben haben. Die Schrift Kohut's machte bei ihrem Erscheinen kein geringes Aufsehen, und erfuhr nach wenigen Monaten eine zweite Auflage. Wie es zu geschehen pflegt, wenn man einen Gedanken siegreich durchführt, daß einige Uebertreibung nicht ausbleibt, so war es auch dem Verfasser ergangen, z. B. wenn er (S. 17 7) aus einem allerdings merkwürdigen Briefe Humboldt's, in welchem er einen jungen Israeliten zur treuen Anhänglichkeit an seine Religion ermahnt, „eine unendliche Liebe zum Judenthume" Humboldt beilegt. Hierdurch reizte er einen Theil der öffentlichen Meinung gegen sich, was immerhin auch für den Zweck seiner Arbeit nachtheilig war. Indem wir das Verdienstliche der vorliegenden Schrift willig anerkennen und die Entschiedenheit an sich nur lobenswerth finden, können wir doch nicht umhin, die Gereiztheit und bittere Leidenschaftlichkeit zu rügen, der der Verfasser an mehreren Stellen gegen diejenigen sich hingiebt, welche er für seine Gegner hält, eine Leidenschaftlichkeit, die dem Zwecke des Buches, den Geist der Humanität und des Rechtes in Humboldt's Thaten und Worten nachzuweisen, wenig entspricht. Wir halten uns überzeugt, daß der Verfaffer seitdem zu einer ruhigeren und richtigeren Anschauung der Dinge und Personen gelangt ist. Würde ein nichtjüdischer Kritiker die Bestrebungen und Arbeiten der jetzigen jüdischen Gelehrten so beurtheilt haben, wie der Verfaffer es in seinem „Vorwort" thut, er selbst würde vielleicht am heftigsten dagegen auftreten. Bei den Borwürfen, die er über vermeintliche Undankbarkeit der Juden gegen Humboldt erhebt, vergißt er, daß der vorzüglichste Biograph H.'s ein Jude, Herr