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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-26 · Heft 9 (26.2.1878) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 9 (26.2.1878)
Date
1878-02-26
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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131 später nach Fostat (Alt-Kairo) übergesiedelt sein. Einige Monate nach deren Ankunft starb das Familienhaupt. Man sieht, daß unserem Rambam zur Ausarbeitung seines Commentars weder die Sorglosigkeit noch die Ruhe beschieven war, die der Schriftsteller einer viel weniger schwierigen Arbeit in Anspruch nimmt. Dennoch besitzen wir in seinem Commentar einen der kostbarsten Schätze der jüdischen Literatur, ein Denkmal seiner Gelehrsamkeit, seines philosophisch gebildeten Geistes, sittlichen Charakters, unbegrenzten siommen Eifers für den väterlichen Glauben und scharfsinniger Erkenntniß, was der jüdischen Gemeinschaft in der Gegenwart und für alle späteren Zeiten am unentbehrlichsten sei. Die von Maimonides herrührenden dreizehn sogenannten Glaubensartikel, die später allgemein angenommen wurden und von einem Dichter durch das Jigval-Gebet als Bestandtheil in die Liturgie eingeführt wdrden sind, sind zuerst und ganz allein in diesem Mischna-Commentar von ihm ausgestellt. An sich viel bedeutender und für unseren Gegenstand nothwendig, ist ein anderes vom Rambam verfaßtes Werk, welches als ein vnieum nicht nur in der jüdischen, sondern in der Literatur überhaupt bezeichnet werden kann. Ich rede von dem Zar Chasaka benannten Codex des Maimonides. Wir können uns in der That von dem Fleiße, der Ausdauer, der Gelehrsamkeit, dem tiefen Verstände und religiösen Eifer, die der Verfaffer dieses Codex besitzen mußte, kam annährenv einen Begriff machen, indem er aus den sechzig Tractaten des Talmud, dem Siphra, Siphri, Thosephtha, Responsen der Gaonim alle zerstreut in ihnen befindlichen gesetzlichen Bestimmungen systematisch nicht nur zu ordnen unternahm, sondern auch nach talmuvischen Regeln in den unzähligen Fällen obwaltender Meinungsverschiedenheit herauszufinden, nach welcher Meinung die gesetzliche Bestimmung anzunehmen sei. Die Schwierigkeiten, deren er sich bewußt sein mußte, sind so groß, daß nur ein Riesengeist sich ihrer gewachsen glauben konnte. Bekanntlich nimmt der Talmud an, daß die Summa der biblischen Religionsvorschristen 613 betrage: 248 Ge- und 365 Verbote. War schon die Zählung derselben so schwierig, daß Maimonides ein eignes Buch über die Grundsätze schrieb, nach welchen zu zählen sei (macisn “.so), so läßt sich wohl denken, wie schwierig die Systematisirung nicht nur der biblischen, sondern auch der talmudischen Satzungen und ihrer Erläuterungen war! Und er mit seinem Riesengeiste vollendete diese Systematisirung, für die man die ganze Lebenszeit eines Einzelnen als kaum ausreichend ansieht, innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren. Wenn man nun etwa glaubte, daß ihm während seines Aufenthaltes in Egypten Sorglosigkeit und Ruhe zu seinen Studien und wissenschaftlichen Arbeiten wäre geboten gewesen, so täuscht man sich. Auch dort hatte der geniale Mann mit unzähligen Leiden und Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Die Arzneikunde war die Wiffenschaft, von deren Betrieb er sich ernähren wollte, seine Praxis war jedoch anfangs nicht so groß, um von dem Ertrage leben zu können und er betheiligte sich deshalb an dem Geschäfte seines Bruders, der den Juwelenhandel betrieb und sein Geschäft bis nach Indien ausdehnte. Dieser edle Mensch etzte sich allen Gefahren aus und überließ einen Theil des Gewinnes dem der Wiffenschaft obliegenden Bruder. Mochte die Ernährung durch den Bruder für den charaktervollen, hochbegabten Rambam schon drückend sein, aber auch zugleich zu der brüderlichen das Gefühl der höchsten Dankbarkeit hinzugefügt haben: o läßt sich einigermaßen der Eindruck ermessen, den deS Schicksals harter Schlag auf ihn Hervorbringen mußte, der ihn in dem Verluste dieses herrlichen Bruders traf. Dieser befand sich auf einem Schiffe, welches unterging und ihn sammt seinem ganzen Vermögen in des Meeres Tiefen vergrub. Sein Schmerz war namenlos, denn er hatte diesen Bruder so sehr geliebt. Aber der Mann von Charakter giebt am Wenigsten seinem Schmerze sich hin, wenn die Pflicht gegen Andere seine Thätigkeit in Anspruch nimmt. Seine Familie nicht nur, auch die Wittwe und die Waisen seines verunglückten Bruders waren jetzt auf ihn angewiesen und erwarteten von seiner Thätigkeit ihren Unterhalt. Er mußte jetzt mehr auf Erwerb durch seine ärztliche Praxis denken und konnte n.cht mehr feine Zeit ausschließlich der Wissenschaft, namentlich der Bearbeitung seines Codex widmen. Dennoch hat er es in dieser verhältnißmäßig kurzen Zeit vollendet, so daß man von der Erschöpfung deS Geistes, die bei jedem Anderen die Folge solcher harten Schläge gewesen wäre, nichts merkt. Aber die Jad Chasaka erregte bei ihrem Erscheinen auch das größte Aufsehen. Mit Bewunderung und Verehrung wurde das Buch ausgenommen und nach allen Ländern, wo Juden wohnten, verbreitet und nicht „wie ein Buch gelesen, sondern zum Grundbuche der jüdischen Religion erhoben, wie eine neue Bibel oder ein neuer Talmud". Indessen bewahrte sich auch hierbei: Man kann es nicht Allen recht machen. Das Buch hatte seine Gegner und der Verfasser durch dieses unversöhnliche Feinde. Daß alle Gelehrte dem Verfasser und in Allem beistimmen würden, hatte derselbe sicherlich nicht erwartet. Im Judenthume giebt es keinen Unfehlbaren und der Rambam, der mit seiner Geistesgröße die größte Bescheidenheit verband, hielt sich am Wenigsten dafür. In unzähligen Briefen sind ihm Anftagen und Einwendungen zugegangen, die er stets mit der größten Ruhe beantwortete, nicht selten beifügend, baß er früheres berichtigt habe. Dagegen konnte derselbe mit Recht auch von dem Gegner, abgesehen von der Anerkennung, erwarten, daß er in würdiger und achtungsvoller Weise seinen Widerspruch äußere. Das war aber nicht geschehen. Einer der berühmtesten Talmudgelehrten jener Zeit und auch noch jetzt in hohem Ansehen stehend, war Rabbi Abraham ben David (to n*:). Obgleich er die Arbeit und auch die Gelehrsamkeit des Rambam anerkannte, so schrieb er doch gegen ihn in einem höchst beleidigenden und wegwerfenden Tone. Zu seiner Entschuldigung schrieb man dieses nicht zu 9*

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