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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-19 · Heft 8 (19.2.1878) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 8 (19.2.1878)
Date
1878-02-19
Page
Seite 123 (sequence 11)
Language
German
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123 ein. Dieser Kampf galt aber auch dem Judenthume und den Juden. Denn das erstere steht im vollen Widerspruche zu allen diesen Satzungen und Dogmen, und lehrt das gerade Gegentheil. Die Existenz der Juden aber in der gegenwärtigen Gesellschaft beruht auf den Principien der Glaubensfreiheit und der Gleichheit vor dem Gesetze. Mit der Vernichtung dieser würden sie in ihr mittelalterliches Dasein zurückgeworfen werden. Aber auch hier begnügten sich der katholische Clerus und dessen eifrigste Anhänger nicht mit dem allgemeinen Verhälmiß, sondern machten die Juden zum besonderen Gegenstände ihrer Angriffe, und suchten, da sie auf die gesetzgeberischen Factoren nicht zu wirken vermochten, das Volk durch die schmählichsten Pamphlete und Zeitungsartikel aufzuwühlen. Es geschah dies nicht allein um der Juden selbst willen, sondern sie vermeinten, mit den Juden den Liberalismus, mit diesem die liberalen Grundsätze der Gesellsellschaft und der SlaatSeinrichtungen zu treffen, indem sie diese nicht bloß mit den Juden identisicirten, sondern als unter der Herrschaft der Juden stehend anklagten. Dies Alles war die Consequenz der von Pius IX. angenommenen kirchlichen Grundsätze und Dogmen, und ist daher auf ihn zurückzusühren, der, wenn auch nicht die Quelle selbst, doch seiner Stellung und Machtfülle nach der Punkt war, von welchem sich die angestauten Gewässer auf die weite Ebene verheerend hinabstürzten, so weit sie das fruchtbare Land zu überschwemmen vermochten. Hierzu kommt nun der bekannte Mortarafall, mit welchem Pius IX. eigentlich zum erstenmale seine wirkliche Gesinnung kundthat. Man kennt ihn. Eine Magd hatte ein Judenkind ganz aus eigener Entschließung getauft, und als sie dies bekannt gegeben, entriß die päpstliche Gensdarmerie den Knaben seinen Eltern und brachte ihn in ein Kloster unter. Vergebens forderten die unglücklichen Eltern ihr Kind zurück; vergebens machten die Gesandten mehrerer europäischer Staaten Vorstellungen; vergebens wandte auch die Rebaction dieser Zeitung im Vereine mit vielen deutschen Rabbinen sich direct an den Papst, auf die Bullen mehrerer Päpste gegen die Gültigkeit der Zwangstause verweisend, vergebens äußerte sich die Presse der ganzen civilisirten Welt — mit geringer Ausnahme — entrüstet gegen ein solches Vorgehen — Pius IX. erklärte die Taufe für gültig und hielt die Jnhaftirung des Knaben aufrecht, auch als dessen Mutter in Wahnsinn verfiel und der Vater in Armuth auswanderte. So Etwas war selbstverständlich nur noch im Kirchenstaate möglich, und zwar im Jahre 1858 — ein Jahr später stand der Schauplatz dieser Unthat, Bologna, nicht mehr unter päpstlichem Regiment, und am 20. September 1870 hatte die weltliche Herrschaft des Papstes ein Ende. Ein Ende — denn auch dies folgenreiche Ereigniß gehört dem Regiment Pius IX. an. Die Geschicke der Staaten sind sehr wechselvoll, und es war nicht das erste Mal, daß der Kirchenstaat säcularisirt wurde. Während aber die früheren ähnlichen Begebenheiten unter der Fremdherrschaft geschehen , die in Italien fort und fort abwechselte, so daß die weltlich; Herrschaft des Papstes mit jedem Wandel dieser Fremdherrschaft wieder Chancen gewann, wie z. B. mit dem Sturze Napoleon I.: so beruht jetzt der Zusammenbruch des Kirchen- 'taates in der Einheit der italienischen Nation und des italienischen Staates, und für diese scheint die Zeit der Dauerhaftigkeit angebrochen zu sein. Pius IX. war kein humaner Charakter; 'eine Freundlichkeit hörte immer auf, wo sein persönliches Interesse anfing. Daß er nicht einmal bibelfest war, zeigten die öfteren Jrrthümer und Verstöße in seinen Ansprachen. Jndeß dies geht mit ihm dahin: die Umwälzung jedoch, die er in seiner Kirche vollbrachte und der Kampf und Hader, die er vermenschlichen Welt aufgedrängt hat, bleiben auch über sein Grab hinaus und bestimmen das Gedächtniß und daS Urtheil, die ihm die Weltgeschichte widmen wird. Bonn, 10. Febr. (Notizen.) Pester Blätter schreiben: 0r. Kahserling beschloß am 31. v. M. vor einem überaus zahlreich erschienenen Publikum den Eyclus seiner diesjährigen historischen Vorlesungen mit einem Vortrage über „Die Wissenschaft des Judenlhums", am Schluffe deren er seinen Hörern versprach, falls unvorhergesehene Hindernisse solches nicht unmöglich machen sollten, in der nächsten Wintersaison für die Wissenschaft des Judenlhums durch Borträge weiter wirken zu wollen. Dem gefeierten Redner wurde seitens der die Vorlesungen mir regem Interesse besuchenden Gäste, sowie namens der akademischen Jugend der Dank für sein Aufklärung und Bildung förderndes Streben in warmen Worten zum Ausdruck gebracht, und ein, von der Universilätsjugend gewidmeter Lorbeerkranz als Zeichen dankbarer Anerkennung überreicht." — In der Provinz Posen reift jetzt eine russisch-jüdlsche Gesellschaft umher, welche in öffentlichen Localen die gottesdienstlichen Gesänge der Synagoge dem großen Publikum zum Besten giebt. Diese Entweihung und Ausbeutung der feierlichsten Synagozengesänge, noch dazu in der bekannten russisch-polnischen musikalischen Entartung, erregt bei den gebildeten Juden mit Recht vielen Unwillen. — Aus Elbing berichtet man uns, daß der im vorigen Jahre durch die Herren Stadtrath Levinson und Rabbiner llr. Schreiber gestiftete „Israelitische Frauenverein" zur Unterstützung armer Wittwen und Waisen seine erste Generalversammlung abhielr, welche von dem raschen Gedeihen des Vereins Zeugniß ablegte. Er zählt bereits 105 Mitglieder mit 1123 Mark Einnahmen. Verausgabt wurden 253 Mark. Die Elbinger israel. Gemeinde zählt nur wenige Arme in ihrer Mitte. — Züricher Blätter schreiben: Der Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Zürich, Herr vr. Kisch, hat über ein selten behandeltes Thema im Saale der Aula (Linth-Escherplatz) vier öffentliche Vorträge gehalten und noch einen vierten in Aussicht gestellt. Das, ausschließlich den gebildeten Ständen angehörende und zwar in seiner Mehrheit aus Richtisraeliten bestehende, Auditorium bekundete für den eigenartigen Stoff ein lebhaftes Interesse, welches der Redner durch 8*

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