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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-19 · Heft 8 (19.2.1878) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 8 (19.2.1878)
Date
1878-02-19
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 Solche Selbstvergötterung kommt, wie gesagt, einzeln im alten Heidenthume vor, bildet aber durchaus nicht besten Wesen und eigentliche Anschauung. Außerdem läßt er Holofernes die Judith fragen: „Was ist Sünde?" womit gesagt sein soll, daß das ganze antike Heidenthum keinen Begriff von Sünre gehabt habe. Auch ries wird Niemand zugeben. Hatten doch alle antiken Religionen die Bcrstellung von einem göttlichen Gerichte, durch welches die Handlungen der Menschen beurtheilt und die bösen Thaten bestraft werden. Wie kann überhaupt bei einem Bewußtsein von gut und böse der Begriff des Unrechts, des Frevels und res Verbrechens fehlen! Und wollte man dem Worte Sünde die besondere Beziehung zur Gottheit geben, so begegnen wir auch dieser Vorstellung vom Fehl gegen irgend eine Gottheit unzählige Male im Alterthum. Nein, wir haben selbst vor Lein antiken Heidenthum zu viel Achtung, um einen rodomontirenden, in tausend Sophistereien sich ergehenden und dabei nichts lhuenden, zuletzt in seinen Ausschweifungen untergehenden Menschen sür einen Stellvertreter des Heieenthums, der einen Seite des menschheitlichen Tualismus, anzusehen. Eher könnten wir die Judith als eine Stellvertreterin des Judenlhums, jedoch nur im zweiten und dritten Acte, ansehen. Tenn wenn das jüdische Volk in seinen drei und einem halben Jahrtausenden berufen war, zu aller Zeit Leben und Gut, selbst seine Unabhängigkeit sür die Treue gegen den Monotheismus hinzugeben und mit vollem Bewußtsein für seine religiöse Ueberzeugung den Märtyrertod zu sterben oder, was noch mehr ist, ein Märtyrerleben zu leben: so können wir Judith in ihrem Entschlüsse, Alles zu wagen, um ihr Volk und ihren Glauben zu retten — denn an dem Schicksal Berhuliens hing das Jerusalems und des Tempels — und in der Ausführung desielben als eine Repräsentantin ihres Stammes betrachten. Rur kann hier von „einem schwindelnden Gipfelpunkt" nicht die Rede sein, ca gleicher Thaten Beispiele sich durch die ganze Geschichte der Nation finden. Auch würde hierfür die Judith des apokryphischen Buches viel geschickter sein als die Hebbels. Wie er sie im vierten und fünften Acte darstellt, ist sie durchaus unjüdisch. Alles an ihr, außer dem ersten Motiv zu ihrer Thal, hat zum Judenthume gar keine Beziehung, und kann höchstens in einem außergewöhnlichen und überspannten Weibe, das nach einem großen, überragenden und energischen Manne sucht, gefunden werden. Nicht minder kommt das Judenthum insofern besser weg, als was sich vom heidnischen Volke um Holofernes gruppirt, völlig nichtssagend ist, während der Dichter der jüdischen Masie einen großen Raum seines Dramas zntheilt. Um den heidnischen Feldherrn giebt es nur Sklaven, die seines Wortes lauschen und feines Winkes harren. Um die Bürger von Bethulien zu conterfeien, taucht aber Hebbel tief in den Farbentopf. Da er jedoch den Charakter der Juden und des Judenthums wenig kannte, so ist überall Unsicherheit erkennbar. Den biblischen Gedanken, daß Gott die jüdische Nation dem Strafgericht übergiebt, wenn sie von der Gotteslehre abfällt, sie aber gegen eine Welt vertheidigt, wenn sie dem Gesetze treu beharrt, drückt er wiederholt aus, geht indeß bis an die äußerste Grenze, indem er sie die Strafe Gottes fürchten läßt, wenn sie vor Hunger sterbend nach den Opferthieren greifen, noch dazu da in Bethulien doch gar nicht geopfert werden konnte. Hinwiederum läßt er thöchst überflüssig» einen alten Juden auftreten, der seit achtzig Jahren die göttliche Strafe eines groben Verbrechens erwartet und sie nicht findet. Einen plötzlich die Sprache erlangenden Stummen verehrt das Volk als einen Propheten und steinigt auf seinen Wink den, rer von Uebergabe spricht, um im nächsten Augenblicke denselben Stummen seinem Henker zu überliefern. Das Volk rodomontirt sehr viel, sich eher selbst zu löcten, als die Stadt dem Feinde zu übergeben, und bestürmt im nächsten Augenblick die Aelreften, die Thore der Start dem Feinde zu öffnen, so daß diese nur mit Mühe noch fünf Tage Frist erlangen. — Somit können wir wohl das Bestreben Hebbels erkennen, dem Judenthume gerecht zu werden, ohne zugeben zu dürfen, daß ihm dies in einem höhern Maße gelungen sei. Bei dem abschreckenden und an Inhalt armen Bilde jedoch, in welchem er das Heidenthum gemalt zu haben glaubt, ist ihm das Judenthum wenigstens lebenswarm und schöpferisch an Thaten erschienen. Während bei ihm das Heidenthum großprahlerisch spricht, nichts thut als zerstören, und darin unlergeht, tritt ihm das kleine Jurenvolk trotzig entgegen, rödtet es und bleibt siegreich bestehen. Denn das heidnische Heer flieht und zerstreut sich, die Juden behaupten den Platz und die Freiheit. Wollte Hebbel Anderes symbolrsiren, so hätte er unbewußt von innen heraus das Gegentheil gethan. Dennoch bleibt auch hierfür daS apokryphische Buch noch heute im Vortheil. Ob nun vom poetisch-psychologischen Gesichtspunkte Hebbel's Judith dem Nathan Lefsing's und dem Shylock Shakespeare's angeschlcsfen werden dürfe, wollen wir nicht entscheiden. Hinsichtlich der Stellung zum Judenthume können wir „Judith" wenigstens in der Idee als bedeutend und besonders wohlwollend erachten. Hebbel hat ihm eine welthistorische Mission zugeschrieben, der antiken Welt gegenüber, wie Lessing es in den weltgeschichtlichen Kreis der Gegenwart wieder ausgenommen wissen wollte. Das L-ustrittsgefeh im Großherzogthum Hessen. II. Verhandlungen der zweiten Kammer (Schluß). Darmstadt, 8. Februar 1878. Abg. Wolfskehl: Was die materiellen Bestimmungen des Ausschußantrages anlange, so habe er von vornherein gewichtige Bedenken gegen dieselben gehabt. Es sei nicht zu leugnen, daß durch dieselben der Gemeindeverband in hohem Grade gefährdet werde. Man könne nicht bestreiten, daß daß seitherige 8*

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