Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1878)
- Date
- 1878-02-19
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gjgggaejggsgffjFrarBT nwii 114 stellung verschwinden. Sie vcÜstreckl ihre That mehr aus persönlicher Rache, als um das ihrem Volke drehende Elend abzuwendcn, und kommt dann so weit, durch ein abgelocktes Versprechen die Priester und Aeltesten zu verpflichten, ihr in einem gewisien Falle den Tod zu geben. Hierzu bedurfte eS noch eines anderen Kunststückchens, nämlich daß die Wittwe Menasse's während ihrer Ehe unberührt geblieben, was im zweiten Acte so ausführlich geschildert wird, daß die Tragödie für einen großen Theil des Publikums unlesbar ist. Hieraus entsteht noch ein anderer klaffender Widerspruch. Um die Hand Jucith's bewirbt sich ein sonst würdiger Mann, den sie aber verschmäht, weil er ihr zu gewöhnlichen Geistes erschien. Diesem macht sie den Vorschlag, in's Lager zu gehen und den Holofernes zu tödten, worauf sie ihm ihre Hand geben wolle. Er wagt dies nicht, obschon er, beiläufig bemerkt, als sie im Lager ist, nacheilt und den Holofernes zu tödten versucht. Schon hierbei, und da sie selbst den Holofernes zu tödten den Vorsatz saßt, weiß sie, Laß sie, um Hunderttausende und zugleich ihren Glauben zu retten, ihre Person zum Opfer bringen müfie. Hinterdrein erscheint ihr nun Alles entgegengesetzt. Das Opfer, das sie gebracht, erscheint ihr als eine Versündigung und Vernichtung ihrer selbst, und um was sie die That unternommen und gethan, ist aus ihrer Seele geschwunden. Dabei versuchte der Dichter die bekannte Scene in Richard UI. nachzuahmen, Holofernes flößt Judith durch seine großartigen Reden Bewunderung ein, dennoch fügt sie sich seinem Willen nur mir dem größten Abscheu, und wiederum muß sie nach allen möglichen Motiven suchen, um ihren Willen zu seiner Töctung zusammenzurafsen. AuS allem diesem erstoß wieder die Nethwendiakeit, sowohl Judith als Holofernes zu geistigen Größen hinaufzuschrauben, d. h. ihnen die extravagantesten Gedanken in sonderbaren und kühnen Wendungen in den Mund zu legen. Beide wetteifern darin, besonders aber excellirt Holofernes. Sehen wir genauer zu, so besteht darin seine ganze Größe. Der Mann spricht fort und fort unc sehr lange von seiner eigenen Größe, von seiner Fürchterlichkeit, von seiner Wulh und Kraft zum Zerstören, wie er die ganze Well vernichten will, und — thut gar nichts, wenn man nicht etwa das beiläufige eigenhändige Niederhauen eines Hauptmanns für eine That halten will. Der Dichter macht ihn nur zu einem Worthelden, und doch laßt er hierdurch die Bewunderung seiner Umgebung und der Judith erwirken. Es sind daher unaufhörliche kühne Sprünge, die wir mit dem Dichter machen müssen, psychologische Unwahrheiten, die uns die Fülle herrlicher Vergleichungen, großartiger Gedanken, schöner und kühner Sentenzen nicht zu verdecken vermag. Bestände das Buch Judith nicht, so würde dieses Drama gar nicht zu verstehen sein, und alle Personen schienen Einem gerade das Gegenrheil von dem zu thun, was sie wollen und was sie nach ihren eigenen Worten thun müßten. Allein dies ist uns nicht die Hauptsache, auch ist es nicht unsre Ausgabe, den Werth der Hebbel'schen Tragödie als Kunstwerk zu bemessen und festzustellen. Gewöhnlich überläßt der Dichter den Kritikern und Aesthelikcrn, den ideellen Gehalt seiner Dichtung aufzusuchen und zu erörtern. Diesmal that dies der Dichter selbst, und wir haben bereits den Brief Hebbels citirt, in welchem er die Gedanken ausspricht, die er in seiner Tragödie verkörpert haben will, und mit diesen haben wir es eigentlich zu thun. Hebbel will den Dualismus, der die Menschheit spaltet, und den Kampf, in welchem die beiden Parteien sich zerreiben, zum Ausdruck bringen. Dieser Dualismus besteht ihm im Heicenthunre, d. i. die Gott aus sich selbst gebären wollende Menschheit, rmd im Judenlhume, welches einen überweltlichen Gott, der jedoch mit dem Menschen in einem unmittelbaren Verhältniß steht, anerkennt. Holofernes soll nun der Repräsentant des Heibenthums sein und Judith „der schwindelnde Gipfelpunkt des Judenthums." Wir mögen immerhin mit den Ausdrücken Hebbels in diesem Briefe nicht einverstanden sein, zugeben müssen wir, daß ein Dualismus in der Menschheit besteht, da durch alle geschichtliche Zeiten hindurch der Kampf des Pantheismus und des Mcnotheisllius staltgefrincen hat, mag der ersiere sich im Polytheismus oder im philosophischen Pantheismus, jetzt wohl auch Monismus genannt, und in seinen Ausläufen, dem Materialismus und Atheismus, mag der Monotheismus sich in der reinen israelitischen Idee oder mit heidnischen Elementen verquickt in den Töchterreligicnen darsrellen. Wenn die Erkenntniß dieses Kampfes unserer Zeit angehört — denn in der antiken Welt halte Hörstens der kleine israelitische Stamm dieses Bewußtsein — so kann man vom Standpunkt rer Gegenwart aus das alte Heidenlhum nicht mehr als Repräsentant jener einen Halste der Menschheit ansehen. Am wenigsten aber aus dem von Hebbel angegebenen Gesichtspunkte. Denn wenn die antiken Religionen die Natur und die Gottheit identificirten und ihren Göttern mehr oder weniger menschliche Eigenschaften zuschrieben, so waren sie doch weil davon entfernt, die Gottheit „aus der Menschheit sich gebären zu lassen." Wozu das Heidenlhum in der Periode seiner Auflösung kam, war, daß die höchsten politischen Gewalten mit den Nalurmächten auf eine Linie gebracht und vergöttert wurden. Dies heißt aber nicht Götter zu Menschen, sondern Menschen zu Göttern zu machen, nicht die Gottheit aus der Menschheit werden zu lassen, sondern Menschen in die Gottheit zu versetzen. Hat hiermit Hebbel jenem Kampfe einen schiefen Gedanken eingesenkt, so fragt eS sich vor Allem, wie weit ist es ihm gelungen, seinen Holofernes zum Repräsentanten des Heidenthums, und seine Judith zur Vertreterin des Judenthums zu machen? Damit scheint es uns aber sehr schwach zu stehen. Vom Heere des Ersteren werden Baal und seine Genossen angebetet. Plötzlich kommt von Nebuchadnezzar der Befehl, keinen Gott außer ihm anzubeten, denn er sei der Gott aller Menschen. Sofort wird diesem Befehle gehorcht. Holofernes meint aber schon vorher, daß er, der den Nebuchadnezzar vernichten könnte, sich selbst als Gott proclamiren möchte, und an einer anderen Stelle sagte er: er wolle vor seinem Tode sich Gott dünken und dann sterben.