Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1878)
- Date
- 1878-02-12
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 vor, die sich nach Philippopel und Adrianopel richtete. Die Einnahme dieser Städte schreckte Alles zur Flucht nach Konstantinopel, wo sich ungeheure Massen im größten Elend, aller Lebensbedürfniffe baar aufhäufen. Ein Beweis für den sittlichen Zustand der Türken ist, daß unter solchen chaotischen Zuständen dennoch volle Ruhe und Sicherheit herrschen. Einen Gegenbeweis liefert die griechische Bevölkerung von Kandia, welche gegen die türkischen und jüdischen Bewohner Mord und Plünderung üben. Hier kann man doch nicht sagen, daß erlittene Unterdrückung nach Rache ruft, denn die Juden dieser Insel haben sicherlich den Griechen, die jenen an Gewandtheit und Wohlstand weit überlegen sind, nichts Böses zugefügt, das sie jetzt zu rächen härten; sondern es ist die Raubgier und Mordlust, welche jetzt freigeworden und ungestraft ihre Orgien feiern wollen. —. Aus Adrianopel berichtet man, daß, als der Großfürst Nikolaus in diese Stadt einzog, kamen ihm Deputationen der bulgarischen, armenischen, griechischen und jüdischen Geistlichkeit mit Fahnen und Kirchengesang entgegen. Der Großfürst nahm dies freundlich auf. Es versteht sich, daß die Bevölkerung sich da, wo eine so hohe Autorität sich befindet, an Leben und Eigenthum gesichert fühlt, und die gesetzliche Ordnung ungestört bleibt. Palästina. Vom Karmel, 27. December. (A. A. Z.) Die von den Capitänen Wilson und Warren seit einem Jahrzehnt begonnene, von Lieutenant Conder fortgesetzte Vermeffung Palästinas ist durch den Royal-Jngenieur E. Kitchener nunmehr vollendet; derselbe hat am 14. December Beyrut verlaffen. Der kslestine Exploration Fund in England hat darauf jährlich über 1000 Pfd. St. verwendet. Auf Grund dieser sorgfältigen Aufnahmen steht die Veröffentlichung einer genauesten Karte des heiligen Landes bevor , wozu jene von Van de Velde eine dankbare Vorarbeit bildet. — Ueber die augenblicklichen Zustände in Palästina schreibt man demselben Blatte: „Da alle wehrfähige Mannschaft bis zum fünfzigsten Jahr unter die Soldaten gesteckt ist, die große Zahl auf Nimmerwiederkehr; so bleiben nur noch Knaben, Weiber und Greise zurück, um die Felder zu bestellen; alle Hantirung liegt darnieder, auch in der Cclonie; die Armuth im Lande ist gräßlich und Morden und Rauben an der Tagesordnung. Das Unglück wollte, daß die letzte Ernte in dem sonst getreidereichen Hauran gänzlich mißrathen ist. Inzwischen setzten die Beduinen mit Tausenden ihrer Kameele und Roste über den Jordan, weideten die Sommerfrüchte ab und raubten den unzetretenen und tribulirten Weizen von den Felsentennen, wobei es zu förmlichen Scharmützeln kam und es auf beiden Seiten Todte absetzte, aber die Angreifer immer im Siege blieben. Und während das Land ringsum gräßlich ruinirt und jeder mit wie ohne Krieg an den Bettelstab gebracht ist, nimmt der türkische Beamte noch unerbittlich Steuer-Erhebungen vor. Das Elend wurde in der letzten Zeit noch durch die Pockenepidemie vermehrt, welche in St. Jean d'Acre, von 8000 Seelen nicht weniger als 1260 Opfer hinwegraffte. Auch wir verloren daran sieben Personen, und durch die Gluth des lang anhaltenden Scirocco, wodurch das Thermometer im Schatten auf 34" R. stand, verschmachteten uns namentlich die Kinder unter einem Jahre; zwanzig sind ihrer dieses Jahr gestorben; die Sterblichkeit war in der Colonie nie größer. Alles kommt aus Rand und Band. Selbst die Furcht vor Blutrache, die sonst den Araber merkwürdig vor gewaltthätigen Verbrechen zurückhält, scheint nicht mehr zu wirken. Der Preis der Lebensmittel sieht hoch und Niemand kann für die Sicherheit unterwegs einsteheu." Bonn, 3. Febr. (Notizen.) Aus Preßburg schreibt man: Hier ist am 21. v. Mts. ein Schulveteran, B. Forchheimer, Lehrer der israel. Cultusgemeinve - Hauptschule, Religiontzlehrer an der städtischen Ober-Realschule und an der kgl. ungarischen Präparandie, im 74. Lebensjahre verschieden. Als tüchtiger Lehrer weit gekannt und allgemein geliebt und geachtet, war der Verewigte während seiner 52jährigen Lehrerthätigkeit so treu und eifrig in der Erfüllung seiner Pflichten, daß sich die Regierung veranlaßt sah, ihn im Jahre 1876 in Folge seiner Verdienste um das Schulwesen auszuzeichnen. euilleton. Die jüdische Journalistik. Bekanntlich haben das „Jsraelittsche Predigt- und Schul- Magazin" und „die Allgemeine Zeitung des Judenthums" der regelmäßig erscheinenden jüdischen Journalistik die Bahn eröffnet und gezeigt. Wenige Jahre, und sie wurde von namhaften Publizisten beschritten, und wenn auch fast alle Erzeugniste der jüdischen periodischen Preste jener Zeit nicht mehr existiren, so halten die meisten von ihnen älteren Datums ihren eigenthümlichen Werth, der sie auch jetzt noch oft genug auffuchen läßt. Wir erwähnen z. B. die „israelitischen Annalen" von Jost, den Orient" von Fürst, die „wiffenschaftliche theologische Zeitschrift" von Geiger, den „Ben-Chananja" von Löw. An ihre Stelle traten viele andere von kürzerem oder längerem Dasein, und auch heute noch haben wir eine ganze Anzahl von Wochen-" und Monatsschriften, selbstverständlich von sehr verschiedenem Ge-! halte. Jedermann wird hiermit einverstanden sein, denn auch! die Judenheit umschließt verschiedene Kreise, verschiedene Richtungen