Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1878)
- Date
- 1878-02-12
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 lichen Biographie des seligen Professors, und geht auch damit um, dessen reichen Briefwechsel in hebräischer, italienischer, französischer und lateinischer Sprache herauszugeben. Welch ein werthvoller Beitrag zur Beleuchtung unserer Literatur-Geschichte vom Jahre 1820—1865. Großbritannien. London, 30. Januar. lPrivatmitlh.) Die überaus traurigen Nachrichten, welche hier täglich aus ver Türkei über Salonichi und Konstantinopel eintreffen, müssen jeden Menschenfreund auf's Tiefste erschüttern und nieverdrücken. Es handelt sich hierbei nicht einmal um die humanen Ideen und Empfindungen unsrer Zeit: das unsägliche Elend, die Schrecken der Barbarei, die fürchterlichen Rohheiten und Schandlhaten nicht sowohl des Krieges als der Kriegsleute haben ein Maß erreicht, das jede Zeit darunter auf's Tiefste in Mitleidenschaft gezogen werben müßte. Es ist, wie wenn die Greuel ver Völkerwanderung sich wiederholen wollten. Nation stößt auf Nation, um sie zu vertreiben, Religion auf Religion, um sie zu vernichten. Die besiegte Bevölkerung wird so gut wie ausgerottet, denn was das Schwert und der Kolben übrig läßt, vernichtet der Hunger, der Frost, die Seuche. Es versteht sich von selbst, daß unsre dortigen Glaubensgenossen von diesen furchtbaren Leiden ganz gleich der mohammedanischen Bevölkerung heimgesucht werden. Sie fliehen vor dem heranrückenden Feinde in's Elend, und wer zurückbleibt, hat eine Behandlung zu erleiden, von der uns die Schicksale der Juden von Kesanlyk ein specielles Bild gegeben haben. Wir in England empfinden dies rief, aber es gesellt sich für uns Engländer noch der Schmerz hinzu, daß mit diesen grausamen Folgen des jetzigen Krieges ein Verfall der englischen Macht und Ehre, ein Erbleichen des britischen Ansehens verbunden zu sein scheint, bas unabsehbare Consequenzen in ganz materieller Weise für England haben muß. Die Herrschaft einer Minorität, wie wir Engländer unter den 240 Millionen der Bevölkerung Indiens sie bilden, kann nur durch den Glauben an die ihr zugeschriebene Macht erhalten werden. Ist dieser Nimbus geschwunden, so wankt und zittert diese Herrschaft und hat geringe Bürgschaft für die Zukunft. Wer auf die Ereignisse der Vergangenheit zurückblickt und sich erinnert, welche Opfer an Blut und Geld für dieselbe orientalische Frage noch vor 23 Jahren die Engländer sich kosten ließen, dem muß ihre jetzige Unthätigkeit wie ein Rärhsel erscheinen. Aber dieses Räthsel löst sich, sobald man erwägt, daß es einigen christlichen Fanatikern gelungen war, in dem zum großen Theile strenggläubigen britischen Volke mit dem Zauberworte „Christenthum" eine religiöse Strömung gegen die Türkei hervorzurufen, welche alle Begriffe des modernen Völkerrechts und der britischen Interessen hinwegschwemmte. Hierbei darf man nicht vergessen, daß das jetzige Ministerium ein torystischeS, also ein hochkirchliches ist, welches daher sich durch die einseitige Volksbewegung fast gern zwingen ließ, von jeder Unterstützung der Türkei abzusehen. Die Erfahrung lehrt ja überall, daß, wo der religiöse Fanatismus mit den nationalen und staatlichen Interessen nicht übereinstimmt, die letzteren vor dem elfteren immer in den Hintergrund treten und die Verblendung groß genug wird, um ruhig die tiefsten Wunden für diese nationalen und staatlichen Interessen entgegenzunehmen. So sind wir nicht bloß als Menschen und Israeliten, sondern auch als Engländer an den schrecklichen Vorgängen auf der Balkanhalbinsel schwer betheiligt. Ob der Continent nicht ebenso sehr von der entschiedenen Suprematie Rußlands, die aus diesem Kriege und seinen Folgen hervorgehen wird, bedroht ist, wie England, will ich hier nicht berühren. Auch die Frage: ob Chriftemhum? ob Islam? mag ich nicht erörtern. Wir können uns in diesem welthistorischen Streite vom höheren Gesichtspunkte aus als unparteiische Zuschauer und Beurtheiler fühlen. Uns liegt vor Allem die Frage der Civilisation und der Humanität vor, und können wir uns deshalb der Ansicht nicht entschlagen, daß bei den gewichtigen Schritten, welche die Türkei in der jüngsten Zeit auf diesem Wege gemacht hatte, ihr Frist härte gelassen werden müssen, die Reformen zu entwickeln und auszugestalten, noch dazu, da ein günstiger Erfolg nicht bloß auf die europäischen Provinzen, sondern auch tief in Asien hinein umgestaltend gewirkt hätte. Daß mit dem Verluste der europäischen Türkei der Islam an seiner Welrstellung einen unermeßlichen Verlust erleidet, für den ihn seine Fortschritte in Indien, China und Jnnerafrika nicht entschädigen können, ist sicher. Doch kehre ich zum Anfang meines Schreibens zurück. Wir fühlen uns hier bei den uns zukommenden Berichten um so tiefer niedergedrückt, als eine irgend genügende Hülfe gar nicht möglich ist. Es ist alle Anstrengung nur wie ein Tropfen auf einem heißen Stein. Freilich darf man auch diesen Tropfen nicht versagen, denn auch die Rettung Weniger ist eine Rettung; aber dem fühlenden Menschenherzen bringt es geringen Trost, dem Sterbenden einen kurzen Augenblick die Lippen erfrischt zu haben. Dennoch gilt es hier, alle Kraft zusammenzuraffen, um wenigstens etwas zu Helsen. Wir hoffen, daß sich diese Bereitwilligkeit überall bekhätigen werde. Türkei. Paris, 30. Januar. Im Anschluß an die obige Correspondenz aus London ersieht man auch aus dem eben ausgegebenen Januar-Bulletin der Alliance in kurzen Einzelnheilen, wie schrecklich auch für unsre Glaubensgenossen die Lage auf allen Punkten der europäischen Türkei ist. Mit dem Vormarsch der russischen Heere gegen Rumelien werden Gegenden und Ortschaften betroffen, welche von großen jüdischen Gemeinden bewohnt sind. Bei dem Anmarsch jener flieht Alles aus Städten und Dörfern. So kamen auf Sofia viele jüdische Flüchtlinge nach Salonichi; der Fall von Plewna brachte eine neue Flucht her-