Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1878)
- Date
- 1878-02-12
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
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105 in den Staub ihrer niedrigen Gesinnung zu zerren suchen. Jst's auch Wahnsinn, so hat es doch Methode, wenn die Laffaleaner, Bebelaner und Liebknechter nun sogar mit dem Himmel abrechnen wollen und unseren Herrgott zur Rechenschaft zu ziehen sich erfrechen. Unsere Leser erinnern sich wohl noch, welche Schmähungen socialdeniokratische Volksredner vor einigen Wochen in Gegenwart einer ungeheuren Menschenmenge in Berlin ausstießen; wie sie das Christenthum beschimpften und die Religion verunglimpften! Der wiehernde Beifall, womit der Berliner Mob diese Ausbrüche einer entarteten Gesellschaft s. Z. begleitete, scheint den Führern sehr willkommen zu sein, denn auf's Neue haben sie in der „Hauptstadt der Intelligenz" (lueus n non Iucendo) eine diesbezügliche „Hetze" veranstaltet, die vielleicht noch widerlicher war, als das erste Kesseltreiben gegen das heiligste und hehrste Gefühl im menschlichen Herzen, den Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott, der die Geschicke der Welt leitet, die Tugend belohnt und das Laster und den Aberwitz bestraft. Auch diesmal haben sie den Buchbindergesellen und Abgeordneten I o h. Most zum Redner aufgestellt, und in der Thal bekundet seine im großen Saale des Handwerkervereins in Berlin gehaltene vorgestrige Rede einen solchen fanatischen Haß gegen die Religion, daß wir derartige gotteslästerliche Auslastungen in dem Munde eines Volksvertreters auf's Tiefste beklagen und verabscheuen müffen. Wir wollen dem redseligen und sich überall aufdrängenden Herrn Buchbindergesellen, Abgeordneten und Historiker (derselbe hatte bekanntlich die Profesioren Mommsen und Treitschke vor Kurzem durch seine historischen Kenntnisse mundtodt gemacht) Most nicht den Gefallen thun, daß wir seine Lästerungen hier wiedergeben; zur Kennzeichnung derselben bemerken wir nur, daß der große Mann die biblische Schöpfungs-Geschichte für „Unsinn" erklärte, die Lehre von der Existenz eines persönlichen Gottes in das Reich der Mythe verwies und dergleichen mehr. Die Schimpfworte gegen das „Pfaffenthum", das „Bonzenthum", die „säulenheiligen Priesterknechte", die „schwarzen Kreuzspinnen" u. s. w. fielen hageldicht aus dem Munde des theologischen Redners. Und einer solchen Schand- und Brandrede wohnten etwa 8500 Personen bei; dem Agitator klatschten nicht allein die Arbeiter mit ihren „schwielen" Händen Beifall zu, sondern auch die zahlreich erschienenen Frauen applaudirten mit ihren „Feenhänden"; die wenigen Besonnenen, die gegen die Auseinandersetzungen Most's sich zu Worte meldeten, ließ man nicht aussprechen, sondern sie wurden, in recht socialdemokratischer Weise, niedergeschrieen, und der Aufforderung Most's, maffenhaft aus der Landeskirche auszutrelen, leisteten zahlreiche Socialvemokraten Folge; um nun die Männer noch bester zu bearbeiten, beabsichtigen, wie die „Berliner Fr. Presse" meldet, auch einige socialbemokratifch gesinnte Frauen, in den nächsten Tagen eine „große Berliner Frauenversammlung" einzuberufen, um den maffenhaften Austritt aus der Landeskirche zu besprechen. Nun wahrhaftig, die Kirche kann sich nur gratuliren, wenn solche religionslose Männer und Frauen aus ihrer Mitte austreten; auch wird es der Religion nicht schaden, wenn Most und Genossen ihr den Krieg erklären — habeant sibi! Nur glauben wir, daß die Agitatoren es noch bereuen werden, daß sie dem armen Volke nun auch noch seinen Glauben an einen Gott rauben wollen; wehe ihnen, wenn erst dem Volke über das Gebühren seiner Leiter die Augen aufgehen und wenn in ihm wirklich jedes religiöse Gefühl erstickt werben sollte! Die Bibel, welche diese Gotteslästerer so sehr schmähen, enthält auch einen Ausspruch, dessen Wahrheit die socialdemokratischen Moste früher oder später empfinden werben, — er lautet: „Gott läßt nicht mit sich spotten!" Oesterreich-Ungarn. Aus Mähren, Ende Januar. (Privatmitth.) Die Angelegenheit der gesetzlichen Regelung unseres Gemeindewesens ist noch immer nicht zum Abschlüsse gekommen. Obwohl das Muster- Statut in endgiltiger Fassung beralhen, das Tableau der Gemeindegebiete abgeschloffen und das ganze Elaborat schon im Mai v. I. der k. k. Statthalterei zur Genehmigung unterbreitet wurde, ist dieselbe bis jetzt noch nicht erfolgt, und zwar aus folgendem Grunde. Die Statthalterei legte nämlich den ganzen Act dem Cultusministerium vor, innerhalb desselben aber besteht die Absicht, die Cultusverhältnisse der Juden auch in den anderen Kronländern in eine gesetzliche Verfassung zu bringen und womöglich gemeinsame Grundzüge für die jüdische Cultusordnung in Oesterreich auszustellen. Nun sind aber die hierfür nothwendigen Vorerhebungen nicht erschöpfend genug, als daß ein solches Vorhaben als zur Ausführung reif angesehen werden könnte. Der Cultusminister erließ daher durch die einzelnen Länderchefs an sämmtliche israel. Cultusgemeinden Oesterreichs ein Questionaire (Fragebogen), worin eine größere Anzahl Fragen statistischen Inhalts den Gemeinden zur Beantwortung vorgelegt werden: über ihr bisheriges Statut, Anzahl der Angestellten, Anstellungsmodus des Rabbiners, deren Gehalt und Einkommen, über die Beschaffenheit der Gemeinde-Einnahmen und Ausgaben, deren Höhe und Art der Aufbringung, Vermögen, Institute und Bereinigungen für Unterricht, Wohlthätigkeit u. s. w. u. s. w. Es ist nicht recht einleuchtend, welcher der Zweck dieser eingehenden Erhebungen sein solle, und jedenfalls durfte die Frage der gesetzlichen Gestaltung des jüd. Cultus sich auch ohne diese statistische Grundlage entscheiden laffen, natürlich nur von Personen,die aus eigener Erfahrung mit dem Wesen des jüd. Cultus und seinen Einrichtungen, sowie mit den factischen Verhältnissen in den einzelnen Ländern innig vertraut sind. Aber ohne diese intime