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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-12 · Heft 7 (12.2.1878) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 7 (12.2.1878)
Date
1878-02-12
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Weise zu verfahren, aus ihm nach seinen Zwecken, Tendenzen und Ansichten ein beliebiges Werk zu bilden. Um so weniger kann es rem Judenthume verwehrt werden, sich, was aus ihm gemacht worden, näher anzusehen und bei aller Achtung vor rer dichterischen Freiheit zu sagen: dies ist wahr und jenes unwahr, dies ist gedichtet und jenes er- und angedichtet. Kurz gesagt, das Judenthum muß Stellung zu demselben einnehmen. Wir haben solcher Kunstwerke drei: Shakespeare's „Kaufmann von Venedig", Lessing's „Nathan der Weise" und hier Hebbel's „Judith". Lessing's Nathan wissen wir als eine geschichtliche Wohlthat für Judenthum und Juden hochzuschätzen, ja, ihm ewig dankbar zu sein. Es war eine Erlösungsthat. freilich nicht allein für uns, sondern für die ganze in Borurtheil und Unrecht befangene Welt. Allerdings kann sich das Judenthum wohl mit der Grundanschauung, daß die Humanität, die Menschenliebe mit der Religion vollständig identisch sein müsse, in Uebereinstimmung erklären; allein den zweiten Gedanken, daß alle positiven Religionen auf derselben Linie frommer Fälschung stehen, und hierin einander gleich seien und daß folglich eine feste religiöse Ueberzeugung, die aus ihnen geschöpft sei, nicht zur Wahrheit gelangen könne, entschieden zurückweisen, und hat hierzu schon darum das Recht, weil cs die ursprüngliche, die Mutter der anderen ist. Allein, daß Lessing es wagte, und mit so großem Nachdruck und Glück vollbrachte, das Judenthum in seine Gleichberechtigung einzusetzen und den Träger desselben über die der anderen Religionen an Einsicht und Tugend überragend darzustellen, war ein Werk des höchsten Genius und res erhabensten Muthes. Ehre Lessing und Ehre seiner Zeit, die seine Dichtung mit der größten Gunst entgegennahm und sich von ihr beeinfluffen und bestimmen ließ! Dies ist die Stellung des Judenthums zu Lessing's Nathan. — Anders mit Shakespear's Shylock. Wir wollen hier übersehen, daß rer Dichter das wirkliche Ereigniß, welches unter dem Papste Sixtus V. in Rom sich abspielte, geradezu umgerrehr hat, denn in der That war es ein Christ, der einem Juden als Preis einer Wette ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Verlierenden antrug, und der Christ war es, der, als er die Wette gewonnen, durchaus das Pfund Fleisch aus dem Leibe des Juden haben wollte; wir wollen es übersehen, weil freilich der Dichter, nach seiner Tendenz, das Ereigniß zu seinem Stücke sonst gar nicht hätte brauchen können. Auch geben wir zu, daß der Dichter all' das Leid, die bitteren Kränkungen und Verfolgungen, welche die Juden von den Christen erfuhren, anerkennt und zum Ausdruck kommen läßt. Hier aber ist der Wendepunkt. Wenn Sh. die Juden in Folge dieser Mißhandlung als ein durchaus verkommenes, sittlich entartetes, allein von niedrigstem Golvdurst und glühendem Christenhaß beseeltes Geschlecht darstellt, wenn er sogar in frechster Weise ras Heiligthum des jüdischen Familienlebens anzutasten wagt, und auch hier die natürlichen Bande durch gemeine Leidenschaslen zerfreffen schildert, so hat er sich auf's Höchste nicht blos an den Juden, sondern am ganzen Menschenthum versündigt. Die Strafe blieb nicht aus. Denn obschon er sich müht, seine Christen als die gebildeten, gesitteten, von Liebe und Freundschaft erfüllten Menschen darzustellen, so nöthigte doch sein Stoff, ihre innerliche Rohheit, ihre verhüllte Gemeinheit, List und Falschheit aufzudecken. Wir mögen immerhin den Dichter damit entschuldigen, daß er in England, wo es damals noch keine Juden gab, diese gar nicht kannte und daß er um so weniger Gelegenheit gehabt, sich von den Borurtheilen der Zeit frei zu machen. Persönlich sei er damit entschuldigt, uno wir lassen dies um so eher zu, als wir sonst in der Bewunderung dieses größten Dramatikers, dieses außerordentlichen Genius, Niemandem nachstehen. Aber sein Werk gehört nicht allein ihm, nicht allein seiner Zeit, sondern auch der unsrigen, auch allen Zeilen an, und so muffen wir es noch heute als eine rohe Carrikatur unsres Stammes selbst für die Zeit des Verfassers verurtheilen. Es ist dem großen Dichter nicht gelungen, auch nur einem Athemzuge des jüdischen Lebens zu lauschen, auch nur einen Pulsschlag des jüdischen Herzens zu vernehmen, auch nur einen Hauch des jüdischen Geistes zu empfinden und zu verstehen. An dessen Stelle hat er eine wüste Materie gesetzt, und aus ihr halb lächerliche, halb abscheuliche Figuren geformt. So kommen wir nun zu Friedrich Hebbel's Judith, welcher der Dichter selbst einen so abstrakten Jveeninhalt zuschreibt, und die von Aefthetikern als das beste Dichterwerk Hebbel's ausgegeben wird. Sehen wir uns zuerst nach dem Stoffe um. Aus dem vierten Capitel des Buches der Richter ist bekannt, wie der von Deborah und Barak geschlagene Feldherr der Nordkanaaniter, Sisra, auf der Flucht zum Zelte cer Keniterin Jael kam und von ihr ein Versteck und einen Trunk Wasser verlangte, sie ihm dies gewährte, aber als er eingeschlafen, ihm mit einem Nagel die Schläfe durchbohrte, wodurch die Niederlage des mächtigen Feindes vervollständigt wurde. Verbürgt ist dieser Vorgang durch den alten Deborahgesang (5, 24—27): „Gepriesen vor den Weibern sei Jael, das Weib Cheber's, des Keni, Vor den Weibern im Zelte fei sie gepriesen! Wasser forderte er, Milch gab sie ihm. In cer Schaale der Fürnehmen reichte sie Rahm. Ihre Hand reckte sie nach dem Pflocke, Ihre Rechte nach dem Arbeitshammer, Und sie schlägt Sisra, zerschmettert sein Haupt, Und zerschellt und durchbohrt seine Schläfe. Zwischen ihren Füßen sank er zusammen, Fiel, lag; zwischen ihren Füßen sank er zusammen, fiel; Wo er sank, da fiel er, entseelt." Nach diesem Vorbilde berichtet uns das apokryphische Buch Judith von einer ähnlichen, wirklich rettenden That eines jüd. Weibes. Die Stadt Bethulien war von dem Feldherrn des Nebuchavnezzar, Holofernes, mit einem großen Heere eingeschlossen; das Wasser ■ war ausgegangen und das murrende Volk nöthigte die Vorsteher

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