Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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93 der Wahrheit, Die ungeheuerlichsten Dinge in die Welt setzt, um nur recht viel Effect zu machen. Schon einige Monate vor dem Herannahen des Jubeltages bildete dieser Gegenstand das Gespräch und erregte die eifrigste Theilnahme der jüd. Bevölkerung. Alles Sinnen und Trachten ging dahin, dem greisen Dichter, der sowohl auf humanistischem als auch auf literar. Gebiete sich so hohe Verdienste erworben, einen recht rühm- und ehrenvollen Tag zu bereiten. Zu diesem Zwecke constituirte sich unter dem Vorsitze unseres verehrten Rabbiners und Predigers llr. Löwenstein, von dem auch die Anregung dazu ausging, ein größeres Comitch bestehend aus 50 der angesehensten Gemeindemitgliedern, welches aus seiner Mitte 5 Festordner ernannte, denen das Arrangement und Festprogramm überlasten wurde. Von allen Körperschaften der Gemeinde meldeten sich zahlreiche Deputationen an, deren Reihenfolge das Comitö früher bestimmte. Der Jubeltag fiel zufälligerweise mit dem 15. Schewat, dem Tage, wo die Bäume ihren Neujahrstag feiern, und Sabbath Schira, dem Sabbath des Gesanges Mosis zusammen. Schon vor dem Morgenanbruche jenes Tages sollte dem Jubilar eine sinnige Ueberraschung zu Theil werden und diese bereitete ihm der hiesige Cantor, der im Vereine mit dem Gefammtchore vor Sonnenaufgang in der Wohnung des Gefeierten erschien und da einen paffenden Psalm in Form eines Ständchens anftimmte. So stieg die Sonne jenes Tages unter erhebenden Melodien über das Haupt des Greises heran. Hieraus begab sich das aus 50 Personen bestehende Comitö, im Verbände mit einer noch weit größeren Festschaar, in das schön geschmückte Gotteshaus, um da der solennen Andacht beizuwohnen. Das merkwürdige Zusammentreffen dieses Tages mit dem Sabbath des Gesanges, wußte unser verehrter Prediger in seiner geist- und schwungreichen Predigt sich zu Nutze zu machen. Anknüpfend an die ewige Mission des Judenthums, zeigte Redner, daß die Poesie, von dem Urbeginne bis herab zu unserer Zeit, den Lebensnerv, gleichsam die Berjüngungsquelle Israels bildet; mit desten Wiegenliede beginnend, das noch an den Ufern des rothen Meeres gesungen wurde, ging Redner aus das Mittelaller über, in welchem die Altmeister Spaniens der ZionSharse goldene Weisen entlockten, und kam endlich auf die Neuzeit, die Neuzeit, die heute in unserem Jubilar einen ihrer glühendsten Dichter feiert, einen Dichter, desten feurige Muse stets dem Judenthume und der jüdischen Geschichte geweiht war. Diese meisterhafte Rede hob die Begeisterung der Zuhörer noch mehr. Bei dem Vorlesen des Wochenabschnittes wurde zu Ehren dieses Tages von Bekannten und Verwandten reich gespendet, und beziffern sich die Spenden des vr. Jacob Rappaport, Sohn des Jubilars, allein aus circa 500 fl. Hierauf begannen die zahlreichen Deputationen laut vorgeschriebener Reihenfolge sich zu gruppiren: Die erste Deputation bildete der Gemeinvevorstand unter Anführung des Rabb. Dr. Löwenstein, der dem Jubilar nach einer kurzen geistreichen Ansprache im Namen der Gesammtgemeinde eine prachtvoll ausgestattete Dankadresse überreichte; die Directoren beider israelit. Hauptschulen sammt Lehrkörper, die Aerzte, die Apotheker, das Festcvmitö, die Spitalsverwaltung, das Präsidium der Vereine „Schomer Israel" und „Geselligkeit", die Akademikerverbindungen beider Confefsionen und der Handwerkerverein bildeten die darausfolgenden Deputationen. Die Aerzte überreichten zur Erinnerung an diesen Tag eine schön ausgeführte Photographiengruppe, die den Jubilar im Lorbeerschmucke zeigt, umgeben von jüdischen und christlichen Collegen, zumeist medicinische Capacitäten. Das Feftcomitö, welches von seinem Präsidenten, dem kaiserlichen Rath Dr. Blumenfeld, angeführt wurde, überreichte durch denselben, nebst einer prachtvollen Ehrenadreffe, ein kunstvoll mit Silber reich geschmücktes Album, enthaltend die Photographien der Verehrer und Freunde des Jubilars, unter welchen wir Celebritäten des Judenthums begegnen, wie Philippson, Grätz, Jellinek, Löwenstein, Ludw. Aug. Frankl, Kompert, Kuranda, Hildesheimer, Steinschneider, Schwabacher, Szanto :c. Die Rigorosanten und Akademikervereine überreichten Ehrenadreffen, in welchen der Jubilar zum Ehrenmitglied ernannt wird. Die Vertreter einer jeden Gruppe hielten Ansprachen, welche der Gefeierte oft mit thränenerstickter Stimme, immer aber in recht geistreicher Weise beantwortete. Dieses Alles nahm die erste Hälfte des Tages in Anspruch. Während dessen kamen, wie ein reicher Blüthenstaub von allen Seiten der Windrose, verschiedene Depeschen, Briefe und zahllose Festgedichte einhergeflaltert. Da giebr es kaum eine größere Gemeinde, kaum einen Künstler, aus welchem Geistesgebiete immer, kaum einen Dichter oder Dichterling, die nicht ihren Herzenswünschen, theils in prosaischer, theils in rythmischer Form Ausdruck verliehen: ganze Stöße von Telegrammen und Briefen thürmten sich immer höher an. — Von den zahllosen Depeschen fielen besonders zwei auf und zwar die der Wiener „Concordia" und des Wiener „Lesevereinö". Bon den Gedichten, die theils in hebr., theils in deutscher und theils in poln. Sprache abgefaßt waren, erscheinen uns nennenswerrh drei hebräische, von den Hebräisten Samuely, Sperling und Rappaport und dann drei deutsche, von dem rühmlichst bekannten vr. Lud. Aug. Frankl, vom hiesigen k. k. Notar L)r. Blumenfeld und vom Frl. Rosa Löwenstein, der achtzehnjährigen Tochter unseres Rabbiners. Wiewohl wir durch unser Unheil dem Leser, der diese Gedichte in dem zu erscheinenden Festalbum finden wird, nicht vorgreisen möchten, müssen wir jedoch schon hier verrathen, daß daS Gedicht Frankl's von hinreißendem poetischen Zauber ist und daß in dem Gedichte des Frl. Rosa Löwenstein uns ein merkwürdiges Talent, ein Talent von Gottes Gnaden unS entgegentritt. Am nächstfolgenden Tage veranstaltete der greise Jubilar (ein großartiges Festbankett, zu welchem sich die Spitzen aller ^Stände und die Elite der Stadt eingefunden. Da flössen von > allen Seiten feurige Weine und ertönten noch feurigere Toaste, i Den geistigen Reigen eröffnete Rabb. Löwenstein und draus sprachen