Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 (16, 5 vgl. 32, 1). So auch im Einzelnen: „Wer festen Sinnes, den bewahrst Du: Frieden! Frieden! denn auf Dich vertraut er"; (26, 3) und darum ruft er aus: ,FDeffnet die Thore, daß einzieht gerechtes Volk, die Treue bewahrend!" (B. 2) und ferner: „Der Pfad des Gerechten ist eben; Du ebnest das GeleiS des Gerechten" (B. 7); „der Gerechtigkeit Werk ist Friede, der Gerechtigkeit Frucht ewige Ruhe und Sicherheit" (32, 17); und darum: „Deiner Zeilen Sicherheit und des Heiles Fülle ist in der Weisheit und Erkenntniß; Furcht des Ewigen ist der Schatz" (33, 6). — Und so fügen wir diesem Gemälde der Sittlichkeit nach dem Geiste Jesaias nur noch den Hinweis hinzu, daß er in den Strafgerichten Gottes nichts als den Läuterungsproceß der Menschheit und der Menschen sieht. So lehrt er (26, 9): „Durch Deine Gerichte auf Erden lernen Gerechtigkeit die Bewohner der Welt. Wird ein Frevler begnadigt, lernt er Gerechtigkeit nimmer, frevelt im Lande des Rechts, und wird nicht gewahr die Hoheit des Ewigen", denn „In der Bevrängniß suchten sie Dich, ergoffen sich in Andacht, als Du sie züchtigtest" (B. 16 vgl. 27, 9. 29, 23). — Daß hiermit der Prophet im diametralen Gegensatz zu dem spateren christlichen Systeme steht, ist einleuchtend. Aber er befindet sich auch mitten im wirklichen Leben, mitten im Treiben des Völker- und des Volkslebens, er bekämpft die Entartung der Gesellschaft, er will den sinkenden Volksgeist wieder auftichten und verjüngen, und dies vermag man nur mit kräftigen Mitteln und entschiedenen Aussprüchen. Gerechtigkeit, Liebe und Treue sind der Dreiklang, dem er aus der Fülle seines Herzens und Geistes das Wort leiht, und aus ihm verheißt er den Frieden und die ewige Ruhe! Wenden wir uns nun zu dem zweiten Jesaias, zu dem großen Propheten des Exils und der Rückkehr. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, 15. Januar, Sammlung kleiner Midraschim und vermischter Abhandlungen aus der ältern jüd. Literatur. Sechster Theil von Dr. Av. Äellinek. Wien, 1878, im Verlag der Brüder Winter. In den Zeiten der Drangsal, welche die geistige Schwungkraft in Israel lähmte und der vordringenden Forschung Einhalt that, suchte das im Schaffen geübte Denken sich ein niedriger gelegenes Arbeitsfeld aus, um sich im Rückblick auf das Leben vergangener Jahrhunderte zu sammeln und daraus dem verwandten Ertragen ein gleiches Gottvertrauen und eine befreiende Zuversicht zu gewinnen. Das war die Geburtsstunde der jüngern Agadah, die an Stelle des Halachahstudiums trat, des Midrasch, der den Stimmungen des Gemüths und den Anschauungen des Geistes dienstbar wurde, bald ergreifend und erhaben, bald gefällig und gewinnend auftrat, immer aber mit jener Freiheit der Darstellung und Berichterstattung verfuhr, welche die geängstigte Gegenwart fähig machte, sich im Wiederschein einer gleich schmerzlichen Vergangenheit zu betrachten und mit ihren unsterblichen Tugenden zu erfüllen. Auf der einen Seite bietet daher der Midrasch eine ethische Betrachtungsweise dar, insofern er zur Erbauung und Frömmigkeit führt; auf der andern ist er von geschichtlichem Werth und bildet einen kräftigen Niederschlag der umlaufenden Ueberlieferungen über die Erlebnisie in weit zurückgelegenen Perioden. Die Darstellungsweise endlich und die sprachlichen Formen, welche einen und denselben Midrasch verschiedenartig gestalten, der geistige Hauch, welcher demgemäß die Darstellung beseelt, sind Culturzeugniffe der Gegenwart und dienen der allgemeinen Denk- und Anschauungsweise der Zeit oder auch des Orts, an welchem er entstanden ist, zum Belege. Eine solche Belehrung und Anregung aus den verschiedensten Gebieten der Erkenntniß und Forschung gewährt die vorliegende „Sammlung von 15 kleinen Midraschim oder verschiedenartigen Stücken" von Dr. Jellinek, von welchen ein Theil bereits in den früheren Bänden des Werkes nach anderen Handschriften erschienen ist. Allein nichtsdestoweniger erregt auch diese neue Relation das volle Jnteresie des Studiums und zieht es in die Bahnen nach, in welchen der Herausgeber unermüdlich forschend voranschreitet. Die beiden ersten Nummern der Sammlung — Chanukkah-Midrasch und Megillath Anriochus (aramäisch) — behandeln die Leiden und glorreichen Kämpfe der Makkabäer- Epochen, und unterscheidet sich Erster er, welcher hier in der dritten Recension erscheint, von seinen beiden Vorgängern zunächst durch bündige Fassung, welche den Zusammenhang der Begebenheiten nicht episodenartig unterbricht, sondern die Evicte aufzählt, welche bei gewissen religiösen Hebungen Verderben und Tod über sie bringen, die Gesichtspunkte hervorhebt, nach welchen die Gewalt verfuhr, und am Schlüsse des Vortrages der schönen Hasmonäertochter erwähnt, die als Hüterin ihrer Keuschheit ihre Brüder zum Befteiungskampfe entflammt. Der Darstellung werden Bibelverse untergelegt, was auf ein hohes Alter des Midrasch schließen läßt, und endlich ist die Einsetzung des Chanukkahfefies nicht ausgesprochen, was zu beweisen scheint, baß die Feier desselben hinlänglich im Volke Wurzel gefaßt hatte und es deshalb eines besonderen Hinweises darauf nicht bedurfte, oder aber daß Angesichts der Leichen, unter welchen man seufzte, die Feier dem Bewußtsein abhanden gekommen war, oder wenigstens der beglückenden Erinnerung nicht Ausdruck gegeben werden durfte. Konnte doch schon der Talmud die Frage aufwerfen: -nts (Sabb. 21 b) „Was bedeutet Chanukkah?" während die Mischnah desselben an keiner Stelle gedenkt! — Lassen wir diesen Maßstab gelten, dann wird der an zweiter Stelle mitgetheilten aramäischen Megillath Antiochus allerdings ein jüngeres Alter oder doch eine dreistere Auffassung der Verhältniffe zuzuschreiben sein. Mit einem gewissen Schwung spricht sie am Schluffe von der Einsetzung deS Festes und deckt sich in dieser Schilderung