Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-02-05 · Heft 6 (5.2.1878) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 6 (5.2.1878)
Date
1878-02-05
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227184--36005-3306008
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

83 Hierauf kommen die Eingebideten, die Eigendünklerischen und Hoffärtigen, welche ihre vorgefaßte Meinung über alle Belehrung hinaussetzen, Natur und Geschichte meistern wollen, und den Anspruch erheben, die Welt nach ihrer um so beschränkteren Einsicht zu leiten. Es heißt fünftens: „Wehe denen, die weise in ihren Augen, nach ihrem Bedünken einsichtsvoll." Welch' Unheil diese für sich und Andere anzurichlen vermögen, wie drückend sie sind für ihre Umgebungen und besonders für ihre Untergebenen, braucht nicht bemerkt zu werden. Der Prophet zeichnet wiederholt diese hoffahrtigen und eigendünklerischen Thoren: „Sie sprechen im Dünkel und Uebermuth: „Backsteine fielen, mir Werkstücken bauen wir wieder auf; Maulbeerbaume wurden gefällt, wir setzen Zedern dafür" (9,8). Gerade dieser harret daher als Strafe Demüthigung und Sturz: „Ich ende den Hochmuth der Stolzen, und stürze den Hochmuth der Zwingherren" (13, 11), und „der Ewige der Heerscharen hat es beschloffen, herabzuwürdigen alle hochmüthige Pracht, zu erniedrigen alle Geehrte der Erde" (23, 9). — Endlich sechstens „Wehe denen, die sreisprechen den Frevler um Bestechung, der Gerechten Recht diesen entreißen!" Wie wir schon sahen, gipfelt sich aus Len ZeilumstLnden für den Propheten die Schlechtigkeit in der ungerechten Rechtspflege, durch welche um Bestechung willen der Frevler freigesprochen, der Unschuldige verurtheilt wird. Hiervor verwarnt schon Moses wiederholt und dem tritt Elijah mit größtem Nachdruck entgegen. Eine Gesellschaft, in welcher die bestechliche und schamlose Justiz zur Regel wird, ist dem Untergänge verfallen. Alles in ihr wird feil, der Gute und Gerechte wird unterdrückt und zieht sich vereinsamt vom Leben zurück, auf bas er eine beffernde und gestaltende Kraft nicht mehr auszuüben vermag. Der Prophet kommt deshalb im Verlaufe seiner Reben immer wieder auf die Verbrechen zurück, die durch Ungerechtigkeit im Gerichte verübt werden. 10, 1 bricht er abermals in ein Wehe! aus, und sagt: „Wehe denen, die urtheilen Unheil des Unrechts, den Schreibern, die Unheil niederschreiben, aus dem Gerichte zu drängen die Armen, das Recht zu rauben meines Volkes Bedrängten, Wittwen sind ihre Beute, Waisen plündern sie", (die „Schreiber" sind diejenigen, welche die ungerechten Erkenntniffe ausferligen, vgl. Hiob 13, 26). Alle werden vernichtet, ruft er 29, 21 aus, „die den Geringen verurtheilen im Gerichte, Schlingen ihm legen, so er rechtet im Thore, und stürzen durch Trug den Gerechten." Nicht minder stellt er als Gegensatz den Gerechten auf: „Wer rechtlich wandelt, Gerades spricht, Gewinn verschmähet durch Bedrückung, wessen Hände sich sträuben, Bestechung zu ergreifen, das Ohr verstopft, Blutrath zu hören, das Auge schließt, zu schau'n das Böse: der wohnt auf Höhen. Felsenvesten sind seine Burg, sein Brod wird ihm gereicht, sein Wasser ist sicher (34, 1ö. 16). Dies ist das Bild, welches hier der Prophet in kurzen treffenden Zügen von den sittlichen Zuständen seiner Zeit innerhalb feines Volkes entwirft: die Habgier, die Schlemmerei, die Voltsverführung durch Förderung der Gottlosigkeit, die Rechlsverdreherei und Verwirrung der Begriffe über Wahrheit und Tugend, die Hoffahrt und die bestechliche Justiz, ihnen ruft er nacheinander sein „Wehe" zu, und verkündet nicht ihren Werkzeugen allein, sondern dem, durch sie bis auf ven Grund verdorbenen Volke das unerbittliche göttliche Strafgericht, das sie mit dem eisernen Besen des BLlkergeschickes von dem Schauplatz ihrer Frevel hinwegfegen wird. Aus diesem Bilde leuchtet aber zugleich das entgegen, was der Prophet als die Sittlichkeit und die Reinheit des Volkslebens anerkennt: Die Mäßigkeit in Erwerb und Genuß, die allgemeine Gottesfurcht und daraus ersließende Sittenreinheil und Förderung alles Guten, die Wahrheitsliebe, die Bescheidenheit und die Gerechtigkeit. Wir haben aber schon bei den einzelnen Aussprüchen darauf hingewiesen, wie sehr dieselben auch auf andere und besonders auch auf unsre Zeilen Anwendung finden, selbstverständlich in größerem oder geringerem Maße. Darum nennen wir dies ewige Wahrheiten, die ihren Werth und ihre Richtigkeit durch alle Zeilen bewahren, und die darum ihr unmeßbares Verdienst besitzen, weil sie für ven Gedanken, den sie enthalten, den glücklichsten, zutreffendsten Ausdruck gefunden, durch die Autorität, die ihnen einwohnt, das höchste Gewicht haben und den weitgreifendsten Eindruck üben. Der Prophet zeigt uns aber auch positiv, was er als das sittliche Ideal für die Bolksgesellschaft, sowie für jeden einzelnen Menschen erachtet. Die Quelle, aus der ihm alle sittliche Vollkommenheit stießt, bezeichnet er als „den Geist des Ewigen, ven Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rathes und der Kraft, den Geist der Erkennrniß und der Gottesfurcht" (11, 2) (vgl. 2 Mos. 31, 3). Der „Geist des Ewigen", der göttliche Geist, wie er den Menschen beseelt, erhebt, erfüllt, ist das Collective für die folgenden einzelnen Eigenschaften in drei Paaren; die Weisheit ist das richtige Wissen der Dinge und Verhältnisse, die Einsicht bas Vermögen zwischen Falschem und Wahrem zu unterscheiden, das aus jenem Wissen fließt; Rath ist die aus jenen in den Weltverhälrniffen sich ergebende Rathesfülle, die durch die Kraft die Energie der Ausführung erhält; Erkennrniß ist die höhere Geisteskraft, die über die irdischen Verhältnisse erhebt, und dieselbe Thäligkeit in der Gemüthssphäre ist die Gottesfurcht. Aus diesem Geiste stießen insonders „die Gerechtigkeit und die Treue", und je mehr diese die Herrschaft in der Menschenwelt erlangen, desto mehr breitet sich in ihr der Friede aus, bas Laster und die Bosheit verschwinden: „nicht böse, nicht verderblich handeln sie mehr auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist das Land der Erkennlniß des Ewigen, wie Wasser bedecken den Meeresgrund" (V. 9). Ueberhaupt ruft uns der Prophet immer wieder in das Bewußffein, daß „die Herrschaft (Thron und Reich d. i. die Gesellschaft) allein durch Recht und Gerechtigkeit gestützt und gefestigt werde (9, 6); ein solcher „Thron ist gegründet in Liebe, in Treue sitzet daraus ein Richter, so trachtend des Rechts wie kundig der Gerechtigkeit" 6*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.