Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Stande waren sich den Besitz des Grund und Bodens in immer wachsendem Maße anzueignen. Es konnte da weder das Erlaß-, noch das Jobeljahr, noch daS Lösungsrecht in Geltung sein, da diese die Anhäufung des Grundbesitzes in der Hand Einzelner unmöglich machten. Hiermit ist aber hervorgehoben, daß diese Gesetze, welche eine Säule der israelitischen Bolksgesellschaft ausmachen sollten, nicht etwa blos von Einzelnen mißachtet wurden, sondern auch als öffentliches Recht außer Geltung gekommen sein mußten. Welch' einen Zustand von Elend und Druck in einem, allein auf den Ackerbau und die Viehzucht angewiesenen Volke eine solche Anhäufung des städtischen und ländlichen Grundbesitzes in einigen Händen herbeiführen mußte, ist leicht einzusehen. Wie die Habgier zu allen Ungerechtigkeiten führt und das Herz des Menschen zu allen Schlechtigkeiten geneigt macht, lehrt der Prophet 32, 6: „Denn der Selbstsüchtige redet Selbstsucht, sein Herz schafft Unheil , Ruchloses verübend, Jrrsal vom Ewigen redend, des Hungrigen Seele läßt er verschmachten, und mangeln dem Durstigen Trank. Und des Habgierigen Waffen sind böse, Tücke ersinnt er, um die Gedrückten mit Trugeswort zu berücken, wenn auch der Dürftige Recht anspricht." ES kann allerdings der Zustand, wie ihn der Prophet schildert, auch als die Quelle der übrigen Laster angesehen werden. Darum beginnt mit Recht der Prophet mit diesem. — Denn aus Reichthum folgt leicht das zweite Laster: die Schwelgerei: „Wehe denen, die am frühen Morgen nach starken Getränke eilen, am späten Abend von Weine glühen; Cither und Harfe, Pauke und Flöte und Wein sind ihre Gelage, aber das Thun des Ewigen betrachten sie nicht, seiner Hände Werk sehen sie nicht." Also Erwerb und Genuß die beiden Idole jener fernen Zeit, wie noch der unsrigen — aber Zeiten, in welchen diese beiden Triebfedern die Herrschaft in der Maffe des Volkes gewonnen haben, sind stets mit vorwiegend materialistischer Richtung verbunden, wie der Prophet kurz und schlagend ausspricht. Die Trunksucht und die dieser dienenden Gelage sind allgemein geworden; ihnen haben sich die Künste, besonders die Musik in den Dienst gestellt. Man glaubt, ein modernes Cafe chantant vor sich zu sehen. Erwähnt der Prophet da auch 32. 13: „Die Häuser der Lust in der lobenden Stadt!" und wie sehr die Trunksucht ein allgemeines Laster geworden, zeigt uns 28, 7 : „Sie taumeln im Wein, schwanken im starken Getränk, Priester und Lehrer taumeln im starken Getränk, sind übermannt vom Weine, schwanken vom starken Getränk, taumeln beim Reden, wanken beim Rechtsspruch! Alle Tische sind voll unflärhigen Gespei's, kein Platz ist mehr." (Wie malerisch ist hier der Zustand der Trunkenen in Worten gekennzeichnet, und der Gegensatz zu ihrem Beruf und ihren Pflichten hervorgehoben!) Wie weit ist es von dem einfachen Psalmspruch: „Der Wein erfreut des Menschen Herz" bis zur Schilderung der wüsten Leidenschaft, wie der Prophet sie hier giebt. Die jüdischen Erklärer verstehen das Beschauen der Werke Gottes theils als die Betrachtung der Natur, theils als Forschung in der Schrift. Der folgende Vers zeigt aber, daß vielmehr die Erkenntniß gemeint sei, daß auf einen bösen Lebenswandel Gott die Strafe folgen läßt. Das in den Taghineinleben der Schwelger, welches daS unvermeidliche Geschick herankommen läßt, und deffen Anzeichen im Weine und dem Lärmen des Gelages vergessen will, ist scharf gezeichnet. — Hieran schließen sich bei solchen Zuständen naturgemäß drittens: „Wehe denen, die die Schuld herbeiziehen an Stricken der Falschheit, wie mit Wagenseilen das Verderben: die sprechen: Ereile, beschleunige sein Werk, damit wir es sehen, es nahe und treff' ein Rathschluß des Heiligen Israels, auf daß wir's erfahren!" Es sind dies die Sittenverderber, die Volksverführer, die vor Allem jede aufrichtige religiöse Ueberzeugung aus dem Bewußtsein der Zeit, jede Furcht vor einem höheren Richter, vor den schreckhaften Folgen der Sittenlosigkeit aus der Gedankenwelt des Volkes hinwegzuschaffen suchen. Denn je lockerer die Bande der Zucht für die Menschen geworden, jemehr alles Ideale aus dem Leben geschwunden und jemehr deshalb den Lastern gefröhnt wird: desto eher und leichter können jene Bolksverführer selbst zu Macht und Reichthum gelangen. Auch hier ein Spiegelbild unsrer Zeit, in welcher von der einen Seite genug Sophisten und Hypothefenjäger, von der anderen Radikale und Socialisten jede feste Grundlage des religiösen Bewußtseins in der Maffe wie in den sg. Gebildeten zu untergraben suchen, um dadurch für ihre verderblichen Systeme und Absichten einen fruchtbaren Boden zu finden. Ihnen kommt es darauf an, ganz besonders die Anschauung der sittlichen Weltordnung und der göttlichen Vergeltung als Chimären, veraltet, überlebt, dem Volke vorzustellen. Der Prophet legt daher ein großes Gewicht auf die öffentliche Meinung , auf die Grundstimmung des Volkes. Daher sagt er 32. 5 von der Zukunft aus: „Nicht heißt man fürder den Selbstsüchtigen Edler und der Habgierige wird nicht großmüthig genannt." Uebrigens ist in diesem Absatz der Fortschritt des Materialistischen zum Atheistischen bemerkbar. Der Unwille, der in dem Herzen des Propheten bei diesem Gedanken aufwogt, giebt sich in der Kraft seiner Ausdrücke kund, die zugleich in seiner Begeisterung zu künstlerischer Form sich gestalten. Der vollkommene Parallelismus, der sammtliche Worte genau aneinanderschließt, die Ironie, die in den Worten der Frevler zum Ausdruck kommt, und das Plastische in der Wahl der Bezeichnungen bezeugen dies. — An die Sittenverderber schließen sich viertens die Rechtsverdreher, die Berucker und Finsterlinge: „Wehe denen, die das Böse benennen gut. und das Gute böse, Finsterniß machen zu Licht, und Licht zu Finsterniß, Bitteres machen zu Süßem und SüßeS zu Bittrem." Wie bündig und schlagend werden hier alle Diejenigen gekennzeichnet, welche durch Sophistik, falsche Vorspiegelungen, Frömmelei und Verketzerungen die Begriffe vom Wahren, Rechten und Schönen zu verwirren trachten und die Anschauungen der Menschen in ein Chaos bringen, aus welchem sich nur Wenige das Bewußtsein der Wahrheit, die Kenntniß der^Thatsachen, das Recht und die Liebe zu bewahren vermögen. —