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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-29 · Heft 5 (29.1.1878) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 5 (29.1.1878)
Date
1878-01-29
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 werden in unseren Annalen unverlöschlich sein. Aber diese Zusammenstellung zeigt schon, daß das Verdienst dieser Regenten nach der Richtung, von welcher wir hier sprechen, ein nicht ganz gleiches ist. Es geht daraus hervor, daß es immer nur — wenn wir England ausnehmen — der Anfang eines wahren constitutionellen Regimes war, mit welchem auch die wesentliche Gleichstellung ohne Berücksichtigung der Coufession einirat. Wir wollen hier das Verdienst auch des Absolutismus für uns nicht ganz verleugnen. Mit dem absolutistischen Staate trat für die Juden überall wenigstens der Zustand der Sicherheit ein, sowie mildere Lerhältnisie, da die geeinigte Eentralgewalt viel mehr aus dem Gesichtspunkte des allgemeinen Wohls als aus dem beschrankten des Localinteresse«, das noch dazu häufig vom persönlichen Vortheil aus beeinflußt wird, urtheilt. Allein es lag in der Natur dieser Staatsverfaffung selbst, zu einer Erfüllung höherer Principien nicht gelangen zu können. Es kam also von vornherein schon darauf an, wie weit ein jeder dieser Fürsten, unter oder mit denen die Umwandlung in eine constituiionelle Verfassung vor sich ging, mit ganzem oder getheiltem Herzen sich derselben unterzog, Noch verschiedener mußten sie aber in dem Punkte der Gleichberechtigung der Juden sein, und es unterscheiden sich daher unter den oben genannten solche, welche im Bereiche der Verwaltung und durch die dieser zustehenden Mittel die Verwirklichung der Gleichberechtigung möglichst beschränkten, von denen, welche den Grundsatz der Religionsfreiheit sofort im ganzen und vollen Umfange angenommen haben. Zu den letzteren gehört der so unerwartet abberufene erste König des geeinten Italiens, Victor Emanuel, und wir haben ihm dies um so höher anzurechnen, als er im Grunde seiner Seele ein sehr aufrichtiger Katholik war, und man doch nicht sagen könnte, daß gerade das italienische Volk von allen Borurtheilen gegen die Juden frei sei. Unter der Regierung Victor Emanuel's wurden Juden, nicht bloß vom Volke in das Parlament, in städtische und andere Ehrenänlter gewählt, sondern auch zu Staatsämtern jeden Ranges und jeden Zweiges berufen, und vom Könige nicht wenige, auch Rabbiner, durch Ehrenzeichen und Würden ausgezeichnet. Wir hätten eine lange Reihe solcher Männer aus unserem Stamme aufzuzahlen, und zwar so viele Beispiele, daß sie mit der Größe der jüdischen Bevölkerung in Italien gar nicht im Verhältniß stehen. Es bezeugt dies von der einen Seite, wie verbreitet jener Umschwung der Dinge die italienischen Juden, in Bildung, Wissen und Befähigung fand; aber auch wie sehr König, Staalsregierung und Volk mit ganzem Herzen in die neuen Zustände eintraten und jede Beschränkung wie jeden heimlichen Vorbehalt von sich wiesen. So können wir auch von unserem mehr persönlichen Standpunkte aus den König Victor Emanuel segnen, und sein Andenken heilig halten, Nach solchem Vorgang ist ein Rückschritt nicht möglich, so lange nicht ein gewaltsamer Umsturz eintrete, und der ist nach menschlichem Ermessen für eine lange Zukunft zur Unmöglichkeit geworden. Großbritannien. Berlin, 17. Jan. Ueber Niemanden ist mehr geschrieben worden, als über das merkwürdige Reis vom Stamme Juda's — Disraeli. Und dennoch ist diese merkwürdige Persönlichkeit noch nach vielen Seiten hin rathfelhaft. Bekanntlich ist es nicht bloß sein Ursprung, der ihn dem Judenthume trotz seines Abfalls — freilich noch im unzurechnungsfähigen Alter von l 4 Jahren — bedeutend macht, sondern auch die Art, wie er jenem wiederholt seine phantasiereiche Feder lieh und die Ansichten, die er dabei entwickelte, räumen ihm einen Platz in unserer Literatur ein. Wir haben aber lange nicht so Eingehendes über ihn gelesen, wie im Leitartikel der gestrigen „National-Zeitung", aus dem wir deshalb die Hauptstellen hervorheben. „Die politische Constellation ist in diesem Augenblicke zu -bedeutend und complicirt, um nicht einen Mann gern näher beleuchtet zu sehen, der in derselben eine entscheidende Wichtigkeit hat. Herr Disraeli war von jeher eine ganz absonderliche Erscheinung im englischen Staatsleben. Als er im Jahre 1831 zuerst in's parlamentarische Leben trat, war er, 26jährig, bereits ein anerkannter Schriftsteller, wenigstens auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Romans. Er begann als Partisan der Whigs in der damaligen Rcformbewegung, er bekannte sich sogar 1833 offen als Demokraten. Schon 1835 wurde er Eandidat der Tories und trat 1837 in's Parlament, wo er eine neue Fraction, „Jungengland", gründen half. Im Jahre 1840 trat er gegen Peel bei der Campagne um die Korngesetze auf, seit Lord Ben- 1'mck's Tode im Jahre 1848 wurde er anerkannter Führer der Tories, 1852 trat er unter dem älteren Lord Derby zuerst in's Cabinet. Als Premier setzte er 1808 seine lange verfochtene und immer als ungenügend abgewiesene Wahlreformbill durch. Seine heutige Stellung erhielt er nach dem Sturze Gladstone's im Jahre 1874. Das ist das nackte Gerippe seines politischen Lebenslaufes. „Es wäre nichts Wunderbares daran, daß ein Führer rer Tories als vorgeschrittener Whig begann, Dutzende englischer Staatsmänner, und zwar der besten, haben solche Wechsel durchgemacht. Das Wunderbare an diesem Manne ist vielmehr, daß er im Grunde groß geworden ist, ohne mit irgend einer Partei völlig zu verwachsen. Noch im Jahre 1868, in den Stürmen der Neformbill, lief die Anekdote von ihm um, er habe geäußert: was man auch von ihm sage, man könne nicht behaupten, daß er aufgehört habe Jude zu sein, oder aufgehört habe ein Radicaler zu sein. Seinem demokratischen Radicalismus innerhalb der Whigs hat er bald Lebewohl gesagt. Aber einen gewissen Radicalismus in der Politik und sein Judenthum hat er nie abgestreist. Der Radicalismus, mit dem er gegen Peel austrat, den „einzigen Mann, unter dem er gern gedient hätte", trug ihm die Verbindung mit den Tories ein; das Judenthum war das Hinderniß, weshalb er niemals in eine vollkommene

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