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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-29 · Heft 5 (29.1.1878) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 5 (29.1.1878)
Date
1878-01-29
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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sondern erst aus den Evangelien, nachdem diese Len talmudischen Weisen bekannt geworden, also Jahrhunderte nach den Ereignissen. Uebrigens läßt sich schon mit geringerem Scharssinn in den meisten Fällen die Frage der Entlehnung entscheiden, da die einsachere, allgemeinere und weniger durchgeführte Art des Ausspruchs Len Charakter des Ursprünglichen erweist und dies in der Regel auf Seiten der Talmuristen. Wir können hier nach dieser allgemeinen Skizzirung in das Einzelne nicht eingehen. Daher nur einige wenige Bemerkungen. Seite 6 möchten wir Len Verfasier fragen, womit er erweisen will, daß die Thora bereits die Erwerbung einer Frau „durch eine Schuldverschreibung" kennt? eine Beweisstelle hatte er nicht anzuführen. Irrig ist S. 8 die Charakterisirung der mosaischen Eheinslitution. Schon die Stelle 1 Mos. 2, 18.20 (nsrs -ir?) giebt ihr einen ganz anderen Charakter. Man vergleiche auch 29, 20. Sehr richtig erweist der Verfasier, daß es der jüdischen Anschauung völlig widersprach, die Entstehung des Messias durch eine unmittelbare Verbindung „des heil. Geistes" Ormpn rrn) anzuerkennen , da die jüdischen Weisen unter 'pn „niemals ein höheres, selbstständiges, von Gott losgelösttes Wesen, sondern vielmehr nur eine schöpferische, für alles Gute, Wahre. Edle und Schöne wirkende Kraft verstanden, welche in den Propheten, Rednern, Dichtern und Künstlern thätig ward." Hierdurch würde ja auch sofort der Begriff der Einzigkeit Gottes alterirt worden sein. Seite 24 hätten wir eine schärfere Unterscheidung zwischen dem christlichen Teufel und dem biblischen und talmudischen Satan gewünscht; wie auch Laß im Talmud die Vorstellung, daß alle Güter der Erde zum Reiche des Teufels gehörten, nicht vorhanden, hätte angedeutet werden sollen. Eine Parallelisirung bleibt immer einseitig, wenn nicht, wenigstens in den wichtigsten Fällen, auch die Punkte der Digression angegeben werden. Dankbar sind wir dem Verfasier für die Klarstellung des eigentlichen Begriffes, der mit den bekannten, das jus talionis betreffenden Schriftstellen zu verbinden ist iS. G<>). Die berüchtigte Stelle Matth, 5, 43, wo es heißt: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen", will der Verfasser S. 07, nachdem er durch viele Stellen erwiesen hat, daß „auch der Talmud die Feindesliebe nach ihrem biblischen Principe in bedeutend entwickelter Ausprägung lehrt", damit erklären, daß zu Jesu Zeit gewisse pharisäische „Sectenhäupter" solche Sätze ausgestellt haben mögen. Er kann aber hierfür einen Beweis nicht heranbringen, denn was er citirt, erachtet er selbst nur für geeignet, „auf die Spur zu bringen". Man braucht aber nur die Stelle des Matthäus im Zusammenhänge zu lesen, um die Ansicht des Verfasiers unbegründet zu finden. Denn wenn Vers 21 über „Du sollst nicht tödten", Vers 27 „Du sollst nicht ehebrechen", V. 31 „gegen Ehescheidung", V. 33 „Du sollst nicht falsch schwören", V. 38 gegen „Auge um Auge, Zahn um Zahn" gesprochen wird, also über und gegen Stellen der h. Schrift, so kann man nicht annehmen, daß Vers 43 eine Schriftstelle nicht nicht citirt sein soll. "Neuerdings hat man angenommen. Laß es ov atar^octg geheißen habe und das ov nur ausgefallen. Es ist nicht unsre Sache, dies zur Entscheidung zu bringen; wir sind zufrieden, wenn endlich allgemein anerkannt wird, daß der Text des Matthäus, wie er vorliegt, eine völlig falsche Behauptung enthält, und daß die Feindesliebe in der h. Schrift und im Talmud ebenso gut gelehrt wird, wie im Neuen Testament. Andererseits enthält ja auch das letztere Stellen, wo zum unerbittlichen Kampfe gegen Andersgläubige, selbst im Schooße der Familie aufgefordert wird. Der Verfasier geht auf die Frage der Glaubwürdigkeit der Evangelisten und auf ihr Berhälrniß untereinander nicht ein, was auch nicht zu seiner Aufgabe gehörte. Jndeß wären in der Erzählung über die Verurtheilung Jesu doch die offenbaren Widersprüche mit den jüdischen Rechtsgebräuchen noch schärfer hervorzuheben gewesen. — Das Werk des Herrn Dr. Wünsche ist daher nach vielen Seiten hin ein sehr verdienstvolles, der nachdrücklichsten Empfehlung werth, und wir danken mir ihm dem ungenannten Gönner, der durch beträchtliche Geldopser das Erscheinen des Werkes ermöglichte. Nebenbei bemerkt, mit solchen Schriften zur Hand, ist kein christlicher Talmudsresser fernerhin entschuldigt, daß er aus Unkenntniß fehlgegangen. 2&eilLu^cj 6itoccßtxcßteii. Deutschland. Berlin, 17. Jan. (Privatmitth.) Die gestrige Sitzung unseres Abgeordnetenhauses wurde durch die Verhandlung über die Marpinger Muttergotteserscheinungen und die Vorgänge, die sich daran schloffen, ausgefüllt. Dies ist selbstverständlich an dieser Stelle ohne Jnteresie. Nur eine Bemerkung des Antragstellers Bachem sei hier erwähnt, welche zeigt, wie weit es die Ultramontanen in der Ungenirtheit gebracht haben. Er sagte: „Die Möglichkeit übernatürlicher Vorgänge, die Möglichkeit der Wunder nimmt die katholische Kirche natürlich wie jeder gläubige Christ an. Sie, meine Herren (nach links), leugnen dieselbe, womit Sie indirect die Existenz Gottes leugnen." Der Redner identificirt also den Glauben an die Muttergotteserscheinungen mit dem Glauben an von Gott ausgehende übernatürliche Erscheinungen, d. s. Wunder, und diesen Glauben wieder mit dem Glauben an Gott selbst. Nun braucht man doch nur darauf hinzuweisen, daß jede der positiven Religionen in ihren historischen I Religionsschriften andere Wundererscheinungeu berichtet und dem

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