Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1878)
- Date
- 1878-01-22
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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r>9 flußreichen Familie Morpurgo verbunden. Er ließ sich in Padua nieder und entwickelte daselbst bald seine reichen Talente für Industrie und Landbau. Mitglied der Handelskammer, wurde er 1852 deren Bicepräsivent, 1856 deren Präsident. Als solcher erwarb er sich so viele Verdienste, daß seine Collegen auf ihre Kosten sein Bildniß anfertigen und im Sitzungssaale aushängen ließen. Sowohl unter der österreichischen Herrschaft als auch unter dem freien Regiment des geeinigten Italiens war er Mitglied der Gemeindeverwaltung und des Provinzialrathes. Sowohl die Nationalbank als auch die Bankinstitute der Provinz benutzten allerzeit seine Einsicht, Erfahrung und Ehrenfestigkeit bei der Entwickelung ihrer Institute. Alle industrielle Gesellschaften in Venedig, Padua und der ganzen Provinz suchten ihn in ihre Conseils zu ziehen. Ganz außerordentlich sind seine Verdienste um die Verbesierungen der Seidenfabrication. Sehr ausgedehnte Arbeiten unternahm er in den großen Thälern von Verona, von Corte, im District von Piove, in der Gemeinde Salzano u. s. w. und erhielt er dafür die erste Medaille auf den Provinzial-Ausstellungen. Als 1854 Hungersnoth eingetrelen. schaffte er den brotlosen Arbeitern Beschäftigung durch Anlegung eines großen englischen Gartens und einer großartigen Seidenweberei. Die Staatsregierung erkannte seine nutzbringende Thätigkeit durch das Officierkreuz des Mauritius- und Lazarusordens, ernannte ihn zum Commanteur der italienischen Krone, zum Mitgliede der Eisenbahn-Commission u. f. w. Diese umfaffende Thätigkeit hielt ihn nicht ab, sich auch der israelitischen Jntereffen anzunehmen; längere Zeit war er Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Padua und seine Wohlthätigkeit kam insonders den Armen von Padua, Verona, Venedig und dem h. Lande zu Gute. Er starb beinah 80 Jahre alt und sein Tod wurde nicht bloß beklagt, sondern machte auch eine große Lücke fühlbar. Wir übergehen hier die von hohen Würdenträgern des Staates, von den Vertretern der Stadt und zahlreicher, hochansehnlicher Corporationen, von mehreren Rabbinen und Deputationen jüdischer Gemeinden ausgezeichnete Leichenbestattung, und bemerken nur noch, daß die Handelskammer von Turin sich veranlaßt sah, an die Handelskammer von Padua eine Beileidsadresie über ihren Verlust durch den Tod Jacur's zu Einige kleine Zuge aus dem Leben einiger älteren Rabbinen der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts, die von ihrer großen Sanftmuth, Humanität, religiösen Toleranz und — Pastoralklugheit Zeugniß geben. Mitgetheilt von Rabbiner Levi in Gießen. Bon einem gewiffen G. in Mainz war allgemein bekannt, daß er sehr unjüdisch lebe, selbst am Jom Kipur nicht faste u. dgl. Der war aber darauf versesien, gerade am Jom Kipnr zur Thora aufgerufen zu werden, es koste was da wolle. Auf Anfrage des Vorstandes bei dem eben so hochgelehrten wie hochverehrten Rabbinen Herz Scheyer sei. And., ob er das geschehen lassen solle, erwiderte dieser: „Wenn G. die breite Haube aufsetzt ld. h. wenn er sich in die äußere gottesdienstliche Ordnung fügt) laffet ihn aufrufen; um sein sonstiges Leben haben wir uns dabei nicht zu kümmern. Seinen Nachfolger im Amte, rer sich nicht minder wie er durch Sanftmuth und Güte auszeichnete, Herrn Rabbinen Löb Ellinger, mag eine einzige Entscheidung, die von ihm ergangen, charaklerisiren. Mein Vetter B. L. in Mainz, keineswegs orthodox lebend, äußerte vor seinem Tode mündlich den Wunsch, an der Seite feines Onkels, meines sei. Vaters, des Rabbinen, beerdigt zu werden. Nun ist bekanntlich in Mainz den Rabbinen ein besondrer Ehrenplatz auf dem Friedhof eingeraumt, und der Vorstand meinte darum, dem Wunsche des Verstorbenen nicht Nachkommen zu dürfen. Rabbiner Ellinger aber entschied: Der Verstorbene hat mit seiner Anhänglichkeit an feinen Onkel, den Rabbinen, und mit seinem Wunsche, an deffen Seite beerdigt zu werden, die Thora geehrt; lhuet ihm den Willen und laffet ihn in Milten der Rabbinen ruhen, was denn auch geschehen ist. Von der religiösen Toleranz meines sel. Vaters, des Vorgängers dieser beiden würdigen Männer, des nicht minder würdigen Consistorial-Rabbinen Samuel Wolf Levi zu Mainz, der zuvor längere Jahre Rabbiner in Worms gewesen, möge Folgendes zeugen. Es kam Jemand zu ihm und sagte: „Rebbe, Rebbe, ich habe C. am Schabes schreiben sehen." „Wer heißt Dich sehen," entgegnete ihm mein Vater, „Du brauchst nicht zu sehen!" Einem Anderen, der ihm am Abend eines Fasttages zurief: „Rebbe, ich meine, es sei Nacht!" entgegnete er: „Du Spaßvogel, bei Dir ist schon lange Nacht gewesen." Der sel. Rabbiner Abraham Bing zu Würzburg, der hochverdiente Lehrer so vieler Rabbinen der Neuzeit, auch des Schreibers dieser Zeilen, legte hohen Werth darauf, Thorah, Mesusah und Tephilm möglichst schön geschrieben zu bekommen. Nun war aber der Sopher, der Schreiber derselben, ein sehr leichtsinniger Patron, dem allerhand Schlimmes nachgesagt worden. Das hielt aber Rabbiner Bing nicht ab, von ihm schreiben zu lasten; ich habe doch, sagte er, das Vertrauen zu ihm, daß er nach religiöser Vorschrift dabei verfahren werde. Einer seiner Schüler sollte aus dem Unterstützungsvereine, den die Rabbinatscandidaten Würzburgs unter sich gebildet halten, ausgeschloffen werden, weil er der hübschen Tochter einer angesehenen Familie der Gemeinde — den Hof machte, was gegen die Statuten sei, die ein untadelhaftes, religiöses Betragen bedingten. Als man das dem eben so klugen und milden, wie gelehrten Manne hinterbrachte, lächelte er und sagte: „Weiler nichts als das?" Man wird zugeben, daß in diesen verschiedenen kleinen Zügen (und kleine Züge lasten den Werth der Menschen bester 4*