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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-22 · Heft 4 (22.1.1878) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 4 (22.1.1878)
Date
1878-01-22
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 Wien nach Stuttgart zurück und wurde 1851 vom damaligen! Ministerpräsidenten Fürsten Felix Schwarzenberg in den österreichischen Staatsdienst berufen, in welchem er zweiundzwanzig Jahre lang verblieb, vom Sectionsrathe zum Ministerialrathe vorrückend; 1864 erhielt Weil das Ritterkreuz der Eisernen Krone und bei seiner Versetzung in den Ruhestand 1873 das Comthurkreuz des Franz-Josephs-Ordens. Weil gehörte, wie man sieht, zu der zahlreichen Claffe jener Einwanderer aus Deutschland, welche in Oesterreich eine zweite Heimath finden. Aber während wir eS oft erlebt, daß diese Einwanderer es bei uns zu Lande ziemlich weit und hoch hinaufbringen, daß sie sich sehr gut verwenden und zu Allerlei gebrauchen laffen, wozu ein Eingeborener, der ein Vaterland nicht erst zu suchen braucht und dasselbe liebt, nicht immer in gleicher Weise talentirt ist, hat Karl v. Weil eine zwar recht anständige, aber im Vergleich zu seinem Wissen und Können doch auch wieder bescheidene Laufbahn in Oesterreich zurückgelegt. Er besaß eben nicht jene Präpotenz, welche in unserem Lande bei Eingewanderten, die von unserem Ausgabenbudget zehren, so häufig vorzukommen pflegt. Er bildete sich nicht ein, weil er in Oesterreich eine trauliche Heimath gefunden, ein besserer Oesterreicher sein zu müssen als alle Uebrigen, und er zieh uns Andere niemals der patriotischen Lauheit, wenn wir die Begeisterung für die Vortrefflichkeit unserer Regierung nicht theilten, die zu bewundern und zu propagiren „Jene von draußen" ja berufen sind. Einmal in Oesterreichs Staatsdienst, war Weil ein guter Oesterreicher, ein warmer Patriot, ein pflichteifriger Beamter, aber sein kluger Sinn, seine hohe Bildung und die ganze Anlage seines durchaus ehrenwerthen Charakters hielten ihn stets auf der richtigen Linie. Er verstieß niemals weder nach Oben noch nach Unten, aber er hatte stets seine eigene unabhängige Meinung, die er nicht verleugnete. Seinem Wesen fehlte es ganz und gar an dem Eifer der Bekehrten und an jeder Eignung zum Knechte. Im Auswärtigen Amte nahm Weil mehr eine literarische Stellung ein. Eine zeitlang stand er activ und passiv in Beziehung zum Preßbureau. Er schrieb Artikel im Sinne der Regierung an auswärtige Blätter, aber dieselben unterschieden sich sehr vortheilhaft von dem heutzutage üblichen officiösen Geschmiere. Weil führte die Publicistenfever mit einer gewissen Feierlichkeit, und er hielt etwas darauf, daß der Schriftsteller von Talent und Geschmack sich dem Leser in jedem Worte verrathe. Er schrieb ' einen vornehmen, von Bildung und Studium durchtränklen Styl, aber er verstand es auch, den schwierigsten völkerrechtlichen und staatsrechtlichen Thesen eine geistreiche, glänzende Form zu geben. Er hat viele Brouillons zu Noten und Depeschen, eine große Menge von Staatsschrifren verfaßt, wie denn überhaupt seine schriftstellerische Begabung und seine außerordentliche Vertrautheit mit den Fragen res internationalen Rechtes ihn dem Fürsten F. Schwarzenberg zur 'Berufung nach Oesterreich besonders geeignet erscheinen ließ. Aber die Zeit der Gentz und Weil — wir sprechen hier nur von den Schriftstellern — ist in Oesterreich vorbei, wie die der Metternich und Schwarzenberg. Nichts hat mehr einen bedeutenderen Wurf, einen größeren Styl, selbst nicht die Reaction. Nach Innen wie nach Außen abstrahirt unsere Politik von dem, was man sonst Tradition oder auch Grundsatz genannt hat; es gedeiht nichts mehr, als das Mittelmaß, dessen höchstes Ziel die Opportunität ist. Der alte Weil sah diesen Niedergang wohl und gab sich darüber keiner Täuschung hin. Es war so Alles anders geworden im Auswärtigen Amte (sogar die Lectüre wurde abgeschafft), daß er sich fast mit resignirter Freudigkeit in den Ruhestand versetzen ließ. Weil war ein braver, tüchtiger Schwabe, als er nach Oesterreich kam, und er ist es auch bis zu seiner letzten Stunde geblieben. Den großen Grundsätzen der bürgerlichen Freiheit war er, der Jude, aus tiefinnerster Ueberzeugung ergeben. Aus dem Studium der Geschichte der Völker und des Rechts hatte er unerschütterliche Grundsätze sich angeeignet, und er hielt an seinem Wissen so fest, wie an dem Glauben seiner Väter. War er auch kein Fortschrittsmann im heutigen Sinne, so war seine conservative Gesinnung doch veredelt durch Talent und Bildung und nicht selten verklärt durch den feinen Humor seiner württembergschen Heimath und die seinem Stamme eigenthümliche Geistesschärfe. Das Schicksal des Judenthums lag ihm stets am Herzen, und im Dienste desselben war seine Fever unermüdlich. Er war Vorstand der Israelitischen Allianz von ihrer Gründung an, und eine der letzten Arbeiten Weil's, die wir veröffentlichten, war ein Artikel gegen die Verfolgung der Juden in Rumänien. Der Segen seiner Glaubensgenossen folgt ihm in das Grab. Weil ward vor einigen Jahren durch den Verlust seiner Gattin, die nahezu vierzig Jahre an seiner Seile gestanden, schwer getroffen. Der kraftstrotzend gebaute Mann, dem die Natur ein hohes Alter bestimmt zu haben schien, brach unter diesem Schlage sichtlich zusammen. Wir sahen ihn immer seltener in unserer Mitte, bis ihn die Krankheit seit Jahr und Tag niederwarf. Friede seinem Staube! Mose Vita Zacur. Es war ein eminenter Mann, der zu Padua am 25. Oct. des vergangenen Jahres unter außergewöhnlichen Feierlichkeiten beerdigt wurde, und dessen Gedächtniß auch an dieser Stelle gefeiert werden mag. Mose Vita Jacur entstammte einer Familie aus Corsu, die sich in Venedig niedergelassen, in welcher Stadt er am 1. December 1797 geboren wurde. Frühzeitig seines Vaters durch den Tod beraubt, jedoch sorgfältig durch seine Mutter erzogen, trat er schon in seinem dreizehnten Lebensjahre in das Geschäft und wurde durch Verheirathung mit der ein-

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