Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1878)
- Date
- 1878-01-22
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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52 frische Lebenskraft und machte einen Verjungungsproceß durch, wie ihn kaum jemals ein alter Stamm und ein altes Religionsbekenntniß bestanden hat. Die Möglichkeit desselben ist aber vorzugsweise in dem Geiste der Freiheit und Humanität zu suchen, der im Mosaismus enthalten ist und sich im innersten Kerne res kasuistisch durchgearbeiteten Gesetzes erhalten hat. So geschah es, daß das Judenthum, ohne feine Eigenart völlig aufzugeben, doch viele Momente der Absonderung fallen gelassen, dem in ihm wohnenden Geiste der Humanität eine neue Ausstrahlung geöffnet und so feine Bekenner befähigt hat, nicht blos in das allgemeine Culturleben, sondern auch in das nationale Wesen der Völker einzugehen. Hier ist es nun, wo wir eine Frage zu beantworten haben, welche wir vom Beginn dieses Artikels an im Auge halten, die Frage nämlich, warum wir dennoch in gewisien Punkten absondernde Momente für das Judenthum aufrecht erhalten und mit allem Nachdrucke vertheidigen? Wir zählen hierher z. B.: die Erhaltung der hebräischen Sprache in einem großen Theile der Liturgie und hiermit auch im Jugendunterrichte, die Pflege der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten, die Beibehaltung des jüdischen Friedhofes, die Einigung in den jüdischen Gemeinde-Instituten u. s. w. Wie? fragt man, sind dies nicht Veranstaltungen, welche die Absonderung der Juden verewigen, welche dem Geiste der Alles vereinigenden Humanität widersprechen, welche also mit der hier ausgesprochenen Anschauung und Ueberzeugung nicht übereinstimmen? Wir wollen ein klare Antwort geben. Das Judenthum ist eine Nothwendigkeit für jeden seiner aufrichtigen Bekenner. Es ist aber auch eine Nothwendigkeit für die Gesammtheit, für jene Humanität, welche die allgemeine Einheit der Menschenfamilie von der Religion anerkannt und begründet, jede Ausschließlichkeit von ihr beseitigt sehen will. Wir haben dies oft genug erwiesen. Man werfe nur einen Blick auf die religiöse Lage. Auf der einen Seite der Katholicismus auf den schroffesten mittelalterlichen Standpunkt zuruckgekehrt, nachdem er sein hierarchisches Gebäude mit dem Syllabus und der päpstlichen Unfehlbarkeit gekrönt hat; die evangelische Kirche mit einem streng dogmatischen orthodoxen Kerne, sonst aber in die verschiedensten Richtungen und Nuancen auseinander gefahren. Auf der anderen die atheistischen, materialistischen, pessimistischen Ansichten in einer Schärfe, Unumwundenheit und Ausbreitung, wie sie so stark und propagandistisch wohl keine Epoche aufzuweisen hatte, und auf der scheinbaren Grundlage einer irregegangenen Naturwissenschaft und ihrer überkühnen und herrschsüchtigen Hypothesensucht immer hochmüthiger sich erhebend, so anspruchsvoll, daß sie bereits in die Schule einzudringen und das Gebiet einer alten deistischen Institution (die Freimaurerei) zu erobern sich anmaßte. In diesem Chaos des Aberglaubens und des Unglaubens, der extremen Dogmatik auf allen Punkten, der hierarchischen Wühlerei und der Gottesleugnung bildet das Judenthum, von seinen mittelalterlichen Wällen und Mauern befreit, die feste, offene und zugängliche Insel für die reine Gotteserkenntniß, wie diese durch vier Jahrtausende überliefert, immer lebendig, immer wieder verjüngt, durch den Geist aller Zeilen genährt, an der Sonne der Neuzeit sich geläutert hat, keine Phase ihrer Vergangenheit verleugnet, die Zukunft der Menschheit immer im prophetischen Auge, sich aber auch aller geistigen und sittlichen Momente der Gegenwart bemächtigt hat. Dieses Judenthum allein giebt für Religion und Humanität einen sichern Unterbau ab, einen festen Ankergrund im wildbewegten Ocean der Meinungen, «inen Krhstallisationspunkt für alle wahren monotheistischen Lehre». Aber auch dieses Judenthum der Gegenwart steht mitten in den geschichtlich gegebenen Verhältnissen und Zuständen. Der noch heute bestehenden Feindschaft der Kirchen, der Gegnerschaft alles religiösen Radikalismus, den zersetzenden Processen der Zeit, wie sie sich ganz besonders in der periodischen Presse und fast der ganzen Literatur zur Erscheinung bringt, allen diesen das Judenthum bekämpfenden Einflüssen gegenüber hat auch das Judenthum seine Existenzfrage, kann es sich durchaus nicht aller seiner festigenden Formen entkleiden, muß es sich durch wesentliche Momente im Bewußtsein seiner Bekenner zu erhallen suchen. Gestützt auf die Geschichte darf es seinen eigenen geschichtlichen Boden nicht verlassen; eine wirkliche Erscheinung und für die Wirklichkeit, darf es nicht zu einigen Allgemeinsätzen sich verflüchtigen, deren Dasein nur der einsame Forscher in seiner Studirstube, nicht aber der Mensch des wirklichen Lebens auf dem großen Markte und im Gewühle der Erscheinungen begegnet. Von diesem Gesichtspunkte ging die Neubelebung und Umgestaltung des Judenthums aus, die man gewöhnlich Reform nennt — eine darum unpassende Bezeichnung, weil sie nur die äußere Form betrifft, während diese doch nur die Wirkung des Umschwungs des innersten Wesens ist — diesen Weg hielt sie inne, auf ihm erzielte sie ihre Erfolge, welche mehr noch in der Klärung unv Vergeistigung des Lehrinhalts, in der Belebung des religiösen und in der Erweckung des geschichtlichen Bewußsseins bestehen, als in der Läuterung der äußeren Erscheinung. Alles, was im Bewußtsein seiner Bekenner noch lebt, was für dieses wirkt und bedeutend ist, was Religion und Humanität in den Geistern zu nähren und zu erhalten befähigt ist, darf blos theoretischen Forderungen nicht geopfert, sondern muß für die Existenz und Weiterbildung conservirt werden. Ties ist die Antwort auf die obengestellte Frage. Von diesem Standpunkte aus sind die oben angeführten bestrittenen Gegenstände und alle die sich daran schließen, vollständig zu rechtfertigen, abgesehen davon, daß für jeden Einzelnen noch sehr reelle nutzbringende Wirkungen nachgewiesen werden können. Niemals dürfen die höchsten Grundsätze aus den Augen gelassen werden, niemals aber dürfen wir auch der Wirklichkeit, ihrer Bedingungen und Forderungen vergessen.