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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-22 · Heft 4 (22.1.1878) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 4 (22.1.1878)
Date
1878-01-22
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 einer Ausbreitung über andere Nationen gelangte — einige Zeit hindurch, zuerst in Babel, dann in Alexandrien und Rom schien eine solche wirklich einzutreten — so darf man dem Judenthume allein keinen Borwurf daraus machen. Aus ihm hatte sich das Christenthum gelöst, nahm jedoch alsbald einen entgegengesetzten Charakter an. Wir betrachten hier das Christenthum wie es sich in der Wirklichkeit gestaltete. Seine Dogmen alhmeten die Ausschließung aller anderen Religionsbekenntnisie. Da- Dogma der Erlösung und Rechtfertigung durch den Glauben an die Göttlichkeit, Menschwerdung und den Tod Jesu versagte allen Andersgläubigen den Antheil an der Seligkeit; seine Beschränkung der Religion auf das Leben des Individuums und sein Berzicht auf die menschliche Gesellschaft bewirkte, daß die großen Principien des Mosaismus nach dieser Richtung hin aus der Religion schwanden, die Gesellschaft blieb wie sie war und trotz aller Einschärfung allgemeiner Liebe, war den Forderungen der Humanität von religiöser Seite keine Bahn gebrochen. Nachdem die damalige civilisirte Welt christlich geworden, fanden sich die gesellschaftlichen und sittlichen Zustande nicht um ein Haar gebessert, verschlechterten sich vielmehr und gingen Kalo in die Barbarei über, welche durch die Einwanderung roher Völker über Europa sich ausbreitete. Daher konnte nicht einmal das Sklaven - thum, trotz der Lehre von der Gleichheit der Menschen, weil Liese eben nur auf bas seelische Gebiet begrenzt ward, beseitigt werden. Hatte nun das antike Heidenrhum angefangen, sich dem Judenthume zu erschließen, so trat das Christenthum, nachdem es sich förmlich vom Judenthume getrennt, in die entschiedenste Opposition gegen das letztere ein. Dieses konnte sich unmöglich mit jenem in dessen theoretischem wie praktischem Theile in Ueberei'.istimmung erklären, und andrerseits ist nicht zu übersehen, daß gerade von christlicher Seite die Ausschließung der Juden aus der Allgemeinheit, und zwar nicht blos in bürgerrechtlicher Beziehung betrieben wurde. Man verlegte den Sabbath auf den Sonntag, man verbot die Berheirathung zwischen Christen und Juden, man untersagte selbst die Gemeinschaft in Essen und Trinken mit den Juden; man untersagte Christen, in jüdischen Familien Dienste zu leisten, abgesehen davon, daß man den Uebertriti zum Judenthume auf's schärfste bestrafte. Alles dies versetzte das Judenthum in die äußerste Absonderung, ncthigle ihm den Geist der Absonderung auf, der sich selbstverständlich in Brauch und Sitte verwirklichte. Jndeß ist dies doch nur ein Moment, und wir dürfen ein anderes, immerhin noch wirksameres nicht verkennen. Durch die Abhängigkeit, in welche die Juden während ihres zweiten Bestandes in Palästina gerathen waren, durch die außerordentliche Auswanderung, die bei ihnen während ressen theils erzwungen, theils freiwillig Platz griff und die nach dem Falle Jerusalems zu einer völligen Zerstreuung durch alle Länder anwuchs, waren sie mit den übrigen Völkern in die unmittelbarste Berührung gekommen, und stießen hier überall auf Anschauungen, Geistesrichtungen, Zustände und Sitten, die den ihrigen in vielen Stücken ganz entgegengesetzt waren. Aus Babel mit rer Tendenz völliger Hingebung an die Lehre und das Gesetz des Mosaismus zurückgekehrt, entwickelte sich deshalb bei ihnen die Richtung auf die Verarbeitung des Gesetzes für die obwaltenden Verhältniffe, und wurde auf diesem Wege zur Kasuistik mit dem Geiste schärfster Consequenzmacherei. Diese Richtung, die vielleicht durch die weite Zerstreuung in kleine Gruppen und die schwierigen Verhältnisse, auf welche sie aller Orten für sich trafen, allmälig abgeschwächt worben wäre, traf nun auf den feindseligen, ausschließenden und selbst gewaltthärigen Geist, den das Christenthum gegen sie übte. Hierdurch wurde für das Judenthum die Existenzfrage in die allernächste 'Nähe gedrängt, und diese Existenzfrage fand ihre Lösung in dem Ausspruche: „Mache einen Zaun um das Gesetz" — d. h. das jüc. Gesetz muß eine feste Lebensnorm für seine Bekenner zu Stande bringen, welche alle Momente, alle Handlungen und Thäligkeiten nach bestimmten Vorschriften regeln, und diese jenen als unbedingte Verpflichtung auferlegen muß. Wer irgend unparteiisch den geschichtlichen Weitergang betrachtet, der wird eingestehen, daß diese Auffassung für die Erhaltung des Judenlhums die einzig richtige war und ihren Zweck vollkommen erreichte. Was die Gotteslehre des Judenlhums, was die der Humanität entsprechende Sitten- und Gesellschaftslehre des Mosaismus noch jetzt für die Menschheit wichtig, ja unentbehrlich macht, die Erhaltung dessen durch Mittelalter und Neuzeit hindurch war allein aus diesem Wege möglich. Abgesehen hiervon gereichte selbstverständlich diese streng formulirte Lebensnorm dem Geiste rer Zeit gemäß den Bekennern des Judenlhums zu tiefgehender Besiiedigung, zur Nahrung des Geistes, zur Stärkung von Zucht und Sitte durch so viele Jahrhunderte der Abgeschloffenheit hindurch. So viele Opfer deshalb die Erhaltung des Bekenntnisses und die Uebung dieses Gesetzes in seiner ganzen Ausdehnung jedem Einzelnen auferlegte: so wurden sie doch mit Freudigkeit gebracht, mit Befriedigung erwogen und geübt. Mit dem Umschwünge in allen Lebensverhältniffen, der mit der bürgerlichen und geistigen Emancipalion für die Juden eintrat, mußte aus intellectuellen und materiellen Gründen auch für die Uebung der überkommenen Satzungen eine bedeutsame Veränderung vor sich gehen. Das religiöse Bewußtsein selbst hob sich allmälig von dem Standpunkte der unbedingten Verpflichtung hinweg auf einen freieren Standpunkt, und die materiellen Verhältniffe nöthigten, viele der bisherigen absondernven Momente fallen zu laffen. Was auch die hartnäckige Stabilität dagegen einwendet : sie selbst ist in vielen Punkten schon von der alten Linie abgedrängt, und im Grunde kann sie sich doch nur unter dem Schutze der Gesammtheit, welche sich dem Geiste und Bedürfniß der Zeit eingefügt hat, erhalten und soweit es möglich die tradirte Praxis weiterführen. Würde die Judenheit hartnäckig auf ihrem alten Standpunkte verblieben sein, wäre sie geistig und materiell >dem Untergange zugeeilt. So aber entwickelte sich schnell eine 4*

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