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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-22 · Heft 4 (22.1.1878) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 4 (22.1.1878)
Date
1878-01-22
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 hier gleichgültig. Die Anfänge der historischen Zeit zeigen uns die Gebundenheit der Menschenmafsen nicht bloS in der staatlichen Organisation, sondern auch in der gesellschaftlichen Ordnung, selbst in Gewerbe und Handel. Wie das Berhaltniß der Völker untereinander lediglich in Eroberung und Unterdrückung bestand, so beruhte auch der Staat aus dem Despotismus der Herrscher, seien diese Einzelne, Krieger, Priester oder emporgekommene Geschlechter, so war auch das Gewerbe durch Kasten, der Handel durch beschrankende Gesetze gebunden. Bon hier aus ging die Entwickelung zur Freiheit, zur Aufhebung knechtender und ausschließender Gesetze und Einrichtungen durch die ganze geschichtliche Zeit, und die Fortschritte, die aus diesem Wege, sei es auch noch so langsam, sei es auch noch so oft durch Stillstand und Rückschritt unterbrochen, gemacht worden, sind und bleiben, allen Anfechtungen gegenüber, das beredte Zeugniß für die Entwickelung der Menschheit und für die sittliche Wellordnung. Die Gelehrten streiten sich über die Zahl der Jahrtausende, welche sie dem egyptischen, indischen, chinesischen Alterthum zuschreiben sollen. Sicher ist es, daß zu der Zeit, in welcher Moses die Israeliten aus Egypten führte, diese Völker bereits nicht unbedeutende Fortschritte in der Culturentwickelung gemacht, hiermit aber doch nur erst jene Zustände der Unfreiheit gesetzlich organisirt und fixirt hatten. Der Mofaismus ist es, welcher Grundlegend für die freiheitliche Entwickelung gewesen und sie in ihren fundamentalen Zügen vorzeichnete. Legen wir jenen oben beschriebenen Maßstab der Humanität an den Mosaismus an, so sehen wir, daß er in seinem dogmatischen Ausbau keine Art principieller Ausschließlichkeit enthält. Dieser einig-einzige Gott, unkörperlich, gestaltlos, Schöpfer, Lenker und Richter der ganzen Welt, der das gesammte Menschengeschlecht aus einem Paare werden ließ, und der als das höchste Gesetz die unbedingte Menschenliebe für Alle („Einheimische wie Fremdlinge") verkündete, giebt keinen Raum für eine wesentliche Ausschließung. Zwar mußte in dem Schooße der Nation selbst, welche diese Lehre bekennen sollte, die Vielgötterei und das Götzenthum noch bekämpft und deshalb desien öffentliche Uebung nicht gestattet werden, und ebenso konnte leicht in beschränkten Geistern dieser universelle Gott national aufgefaßt werden, weil er eben noch ras geistige Eigenthum dieser einen Nation war. Dem gegenüber aber war auch theoretisch die Ausschließlichkeit dieses Eigenthums niemals ausgesprochen, und die Propheten ergänzten alsbald den Mosaismus dahin, daß die Gotteserkenntniß bestimmt sei, das Eigenthum aller Volker zu werden, ja daß diese selbst vereinst an dem Cultus dieser einzigen Gottheit den lebendigsten Antheil nehmen würden. Ebenso erblicken wir in dem praktischen Theile des Mosaismus, im Gesetze, keine Ausschließung der Nichtisraeliten, die Ausdehnung des Bürgerrechts auf Alle, die in die Gemeinde eintreten wollen — mit geringer, geschichtlich nothwendiger Ausnahme — das eine Recht für Alle „Einheimische wie Fremdlinge", die gleiche Berechtigung auch für Fremde an allen Wohlthätigkeitseinrichtungen u. s. w. Der alle Völker des Alterthums beherrschende Begriff des Gegensatzes zwischen der eigenen Nation und allen anderen als „Barbaren", die zur Knechtschaft bestimmt seien, dieser Begriff, der die Grundlage auch der hellenischen Berfasiungen gewesen, ist dem Mosaismus fremd, so sehr er auch den Vorzug Jsrael's durch seine Lehre und sein Gesetz anerkannte. Innerhalb der Nation. für welche er die staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen schuf, stellte er die Gleichheit Aller und die persönliche Freiheit in ihrem ganzen Umfange fest, ließ keine Standesunterschiede, Standesvorrechte, kein Kasten- und Zunftwesen zu, keine Beschränkung der Gewerbefreiheit, setzte die allgemeine Wehrpflicht ein und die gleiche Steuerpfticht, verwandelte das Sklaventhum in eine Art Mieth- und Lohnwesen, und gab für die praktische Menschenliebe sehr umfasiende Vorschriften, das Recht der Hülfsbedürftigen anerkennend. Wer alles Dies unparteiisch erwägt und würdigt, wird unser obiges Urtheil vollkommen gerechtfertigt finden. Denken wir uns diesen theoretischen und praktischen Inhalt nach der Anschauung der Propheten aus den Grenzen der Nation über die ganze Menschheit ausgedehnt, so werden wir hier die Jdentisicirung der Religion und der Humänitäl erkennen. Der geschichtliche Gang kann aber die Verwirklichung dieses Gedankens noch heute nur als einer fernen Zukunft ungehörig zugeben, wenn auch seit der Zeit der Propheten nicht geringe Schritte dazu gethan worden. — Allerdings sind auch schon im Mosaismus Vorschriften gegeben, welche eine gewisie Absonderung seiner Bekenner von den übrigen Nationen erwirken sollten und mußten. ThcilS ergaben diese sich aus dem Gegensätze, in welchem der Mosaismus zu der ganzen übrigen antiken Welt stand, von selbst. Entschieden mußten alle götzendienerischen Gebräuche und Sitten, alles, was auf diese Wege leiten konnte, verboten werden, wir erinnern z. B. an die heidnischen Trauergebräuche; in vielen Institutionen mußte von selbst die mosaische Gesetzgebung eine andere sein, z. B. in den Gesetzen über die Ehe. Theils flössen jene aus den, dem Mosaismus eigenthümlichen Anschauungen, z. B. aus der Anschauung von der Einwirkung leiblicher Genüsse aus der thierischen Sphäre auf die menschliche Seele die mosaischen Tpeisegesetze, und Einrichtungen wie der Sabbath, die Beschneidung u. dgl. mußten absondernd zwischen Israel und der übrigen Welt wirken. Aber man wird leicht einfehen, daß der Mosaismus nicht anders Vorgehen konnte, sowohl wenn er sich selbst consequent bleiben und genügen, als auch wenn er seinen Bestand in der Mitte der antiken Welt sichern wollte. Wir müssen hier auf die Unterscheidung zwischen Ausschließung und Absonderung einen bedeutenden Werth legen. Jene macht die Annäherung unmöglich und verneint die Einheit der Menschenj familie, diese erschwert nur die Annäherung, und beruht in keinem! feindseligen Acte, sondern nur in der Forderung der eigenen! Existenz und Consequenz. > Wenn das Judenthum nicht im Geiste der Propheten zu

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