Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1878)
- Date
- 1878-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. , einmal irr 2 bis ."/r Bogen. Preis I Vierteljährig 3 Äiark. Inserate werde» ' mit 2» Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter und Aeitungs » Expeditionen nehmen Bestellungen an. Hcrausgezeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philipplon in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. 2» redactionellen Angelegenheircu wende man stch an vr. £. vtzili?r>fo» in | Bonn; vinsichtlich der Jn-er-ate au 4i. 1 Mofse in Leipzig und dcss. n Filiale» in \ Berlin. BreSlaurc. Inserate, welche dis , vonaerNay cingehen, finden in der rarj aufsolgenden Nummer Berücksichtigung. . Beilagen werden mit t ark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 42. Jahrgang. Leipzigs den 22. Januar 1878. JV? 4. Inhalt. Leitende Artikel: Humanität und Religion. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt am Main. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Galizien. — Schwciz: St. Gallen. — Großbritannien: Cambridge.— Rußland: Petersburg. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Pr. Karl Ritter von Weil. — Mose Vita Jacur. — Einige kleine Zuge rc. — Das Monchthmn. — Vermischtes: Horaz — ein Jude!!! — Neste einer alten Synagoge in Berlin. — Humbug in Amerika. — Thuet desgleichen! — Naturwissenschaftlicher Unsinn. — Israelitisches Blindeninstitut zu Wien. leitende ÖCth&ef. Bonn, 16. Januar. Humanität und Religion. Brauchen wir noch einmal zu erweisen, was wir als unsre Ueberzeugung auszusprechen seit so vielen Jahrzehnten uns bemüht haben? Nämlich, daß die Humanität ein integrirender Theil der wahren Religion ist, so daß den Prüfstein und Maßstab, wie viel der Wahrheit, des Verdienstes und res Werthes in einer Religion enthalten ist, die Frage abgiebt, wie viel der Humanität sie theoretisch und praktisch lehrt und verwirklicht. Humanität — das ist die Anschauung und deren Verwirklichung, daß das ganze Menschengeschlecht eine Einheit, die gesammte Menschheit eine Familie, Alle gleich sind an Rechten und Pflichten, beruhend auf der Liebe, mit welcher das höchste Recht identisch ist. Jemehr eine Religion in ihren Glaubenslehren schon und noch mehr in ihren factischen Einrichtungen und Institutionen ausschließlich ist, oder Ausschließlichkeiten enthält, jemehr sie in der Theorie Alle, die sich nicht zu ihr bekennen, der Verdammniß überweist und in der Praxis sie bekämpft, sie außerhalb des allgemeinen Rechts setzt, sie möglichst drückt und schädigt — desto weiter ist sie von der Humanität entfernt, desto verdunkelter ist aber auch in ihr das Gottesbewußtsein, aus welchem die Humanität innerhalb einer Religion die Consequenz ist. Wenn wir diese Sätze als unsre Ueberzeugung immer und immer wieder ausdrücken, so wissen wir doch, daß die Religion wie die Humanität zu aller Zeit den geschichtlichen Berhältniffen hingegeben waren. Die Humanität war noch niemals zu ihrer vollen Ausbildung und Herrschaft gelangt, in den verschiedenen Zeitaltern ward sie sehr verschieden aufgefaßt, wurden in ihrem Namen sehr mannichfaltige Forderungen gestellt und diesen in geringerem oder größerem Maße genügt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß auch die verschiedenen Religionen und diese wieder in ihren wechselnden Phasen ein sehr ungleiches Maß von Humanität enthielten, und uns oft sogar an jener Identität von Religion und Humanität zweifeln lassen. Religionen, welche den Gläubigen allein den Himmel erschließen, alle Andersgläubige in die Hölle verdammen, Religionen, welche ihren Bekennern das Schwert in die Hand drücken, um alle Welt zu bekehren oder zu vernichten, welche für Andersdenkende Kerker und Scheiterhaufen oder doch Ausschluß von der bürgerlichen Gesellschaft oder die Knechtschaft als Recht predigen — solche geben, mögen sie in ihrem Schooße noch so viel von Liebe und Brüderlichkeit, von Barmherzigkeit und Wohlthun reden, doch nur ein Zerrbild der Humanität, und haben wenig Anspruch darauf, daß diese zu ihrem wesentlichen Inhalte gehöre. Aber, wie gesagt, Humanität wie Religion waren und sind auf einem großen Entwickelungsgange begriffen, und wenn wir die Abweichungen zu bemessen und zu charakterisiren auch das volle Recht haben, so giebt uns doch diese geschichtliche Entwickelung auch die Erklärung und das richtige Berständniß an die Hand. Die Geschichte lehrt uns, daß die Gesellschaft überall mit der Unfreiheit, mit dem Despotismus und der Knechtschaft angefangen hat. Was die phantasievollen Theoretiker v o r die geschichtliche Zeit verlegen, ist uns