Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1878)
- Date
- 1878-01-15
- Page
- Seite 41 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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41 letzen müssen, wenn sie an dem geistigem Leben ihrer Zeit auch nur den geringsten Antheil nehmen wollen? — Wir wollen nicht ven Schmutz vergangener Zeilen hervorziehen, aber zu ihrer eigenen Ehre wollen wir hoffen, daß auch den Mainzer Herren bei Durchlesung von I. D. £ n:p die Schamröthe in's Antlitz steigt, daß auch sie endlich einsehen werden, daß Rabbi Joseph Caro ein großartiges und gewaltiges Werk geschaffen, aber immer nur ein Menschenwerk, deren keines von Jrrthümern und Vorurtheilen ganz srei ist. Man thut meinem Urahn sehr Unrecht und versündigt sich gegen sein Andenken, wenn man sich gerade seiner schwachen Seite als Werkzeug in einem ohnehin verwerflichen Kampfe bedient. l)r. Jecheskel Caro, Rabb. in Dirschau. Frankreich. Paris, 2. Januar. Sellen ist wohl in der Geschichte der Staaten eine so tief gehende Umwälzung auf friedlichem Wege, durch den passiven Widerstand des Polkes und seiner Vertreter, vor sich gegangen, wie in Frankreich mit dem 13. December. Man kann jetzt sagen, daß die Republik und der liberale Geist durch das Borgehen der Reaction. welches mit dem genannten Tage schloß, nur gewonnen haben, und gegenwärtig in einen entschiedenen Fortschritt eingelenkt haben. Aber auch über die Grenzen Frankreichs hinaus können die Wirkungen nicht ausbleiben. Die ultramontane Partei aller Länder, die sich seit ihrem offnen Auftreten als politische Partei ununterbrochen seit 1848 auf Frankreich stützte und deffen Antipathie gegen das geeinte Italien und das geeinte Deutschland benutzte, um Frankreich als die Basis und das reiche Arsenal für seinen Kampf auszugeben, hat eine so entschiedene Niederlage erlitten, daß ihre Fractionen in den anderen Staaten an Muth und Energie außerordentlich verlieren müffen. Hier zu Lande zeigt sich dies in großen und kleinen Symptomen. Die durchgreifende Entfernung der reactionären Beamten aus allen Zweigen der Berwaltung, ebenso wie die Errichtung einer Statue Thiers, die Verleihung des Großkreuzes der Ehrenlegion an Victor Hugo, einer beträchtlichen Pension an die Wittwe Edgar Ouinet's, und die Ernennung von vier Präsecten, welche der jüdischen Religion angehören, geben Zeugnisie dafür. Außer den in dieser Zeitung schon genannten Herren Hendlö und Leon Cohn wurden G. Pinsve zum Präsecten des Dep. Hautes-Pyränees und Schnerb (Publicist) zum Präsecten des Dep. Corsika ernannt. Der frühere Generalsecretär zu Blois, Achille Saint-Paul, wurde Generalsecretär der Präfectur zu Versailles. Ein anderer Glaubensgenoffe, Herr Jacques Meyer, wurde Unterchef des Cabinets des Ministers des Innern, beauftragt mit dem besonderen Secretariat des Ministers. Henri Aron erhielt das Amt als Chefredacteur der officiellen Journale. Dies sind Dinge, die unter der Herrschaft der klerikalen Partei nicht geschehen konnten. — Im französischen Senate wurde jüngst durch eine Petition die Frage über die Ehescheidung angeregt. Bekanntlich ist diese durch die napoleonische Gesetzgebung, dem katholisch-kanonischen Rechte gemäß, in Frankreich und seinen Besitzungen verboten. Wiederholt ist aus dem Schooße der katholischen Bevölkerung selbst an die Gesetzgeber das Gesuch um Aufhebung dieses Gebotes ergangen. Im Senate hatte auch diesmal die Petition keinen günstigen Erfolg. Da bekanntlich dieser legislatorische Factor in seiner Mehrheit aus Männern der Rechten besteht, d. h. der, dem Klerus ergebenen Legitimisten, Bonapartisten und Orleanisten, so gehörte auch der Berichterstatter dieser Farbe an. Sein Hauptargument war: das katholische Gewiffen sei gegen die Ehescheidung, und da die Katholiken die ungeheure Mehrheit in Frankreich bilden, so müßten die Protestanten, die Juden und die Mohammedaner dem katholischen Gewiffen dieses Opfer bringen. Dies ist ein sehr sonderbares Argument, da, wie viele katholische Staaten gerade in Bezug der Ehescheidung zeigen, das religiöse Gewiffen, das heißt ein kirchliches Recht, dem Staate die Gesetze nicht machen darf, eine solche Beweisführung den Staat völlig der Kirche unterwerfen müßte. Der Staat kann den Katholiken freistellen, ob sie, ihrem kirchlichen Rechte gemäß, ihre Ehen nicht scheiden laffen wollen, ohne die Bekenner anderer Religionen zu zwingen, sich die Ehescheidung verbieten zu laffen, weil die katholische Kirche die Ehe nicht scheiden laffen will. — In einer Sitzung der französischen Deputirtenkammer bemerkte ein Redner der Rechten — freilich nach dem 13. December — er und seine politischen Freunde wollten fortan die Wiederherstellung des Kirchenstaates so ruhig abwarten, wie die Juden bas Erscheinen des Messias. Man könnte Frankreich und der europäischen Welt nur Glück wünschen, wenn dies wirklich der Fall wäre! — Vor Kurzem spielte ein eigenthümlicher Proceß in Saint-Pierre-les- Calais. In dem ganzen Departement Pas de Calais wohnen nur wenige Juden, und in der gedachten Ortschaft nur ein einziger, Namens David Emschwiller, der aus dem Elsaß stammt und Tüllfabrikant ist. Er genießt des besten Rufes und lebt in Frieden mit seinen Mitbürgern. Die Bevölkerung des Departements ist überwiegend klerikal. Bei den letzten Wahlen gab Emschwiller seine Stimme für den liberalen Candidaten ab. Bald darauf denuncirte ihn ein (seitdem abgesetzter) Polizeiagent: er habe in einem Kaffeehause äußerst starke Injurien gegen die christliche Religion ausgesprochen. Die Staatsbehörde brachte die Sache vor das Schwurgericht. Zwei Zeugen bestätigten die Aussage des Polizeiagenten, während fünf sie als erfunden beschworen. Die nur aus Katholiken bestehende Jury sprach einstimmig den Angeklagten frei. Dieser Vorgang hat viel Aufsehen gemacht, und darum erwähnen wir hier seiner als eines Charakteristicums für die jetzt von der Macht abgettetene Partei in Frankreich. 3