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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-08 · Heft 2 (8.1.1878) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 2 (8.1.1878)
Date
1878-01-08
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
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28 Disciplinar-Rechte Gebrauch machen. — Anna Klimetsch: Wie 's der Greißler sagt: Alles für d' Juden. Richter (zum Kläger): Sie ziehen also die Klage gegen Herrn Joseph Klimetsch zurück? — Mayer: Wie Euer Gnaden befehlen. Richter: Ich habe diesfalls nichts zu befehlen. Sie muffen sich erklären. — Mayer: Was gelegen, erkläre ich mich mit Ja. Richter: Gegen Frau Klimetsch hallen Sie die Klage aufrecht? — Mayer: Bummfest. Richter (zu Joseph Klimetsch): Sie können sich entfernen. — Anna Klimetsch (zu ihrem Gatten): Du bleibst da, wann i schon 'n Pansch auskochen soll, soll 's Mannerl wenigstens dabei sein. Richter: Ich habe nichts gegen seine Anwesenheit in der Verhandlung einzuwenden; nur ermahne ich Sie, diesen barschen Ton in rer Sprache aufzugeben. — Anna Klimetsch: Verzeihend, für dös kenn i nix und Sö nix, dös is mir angeboren; mei' Mutter wor Aufschreiberin beim Neumayer, hat g'rad denselben Hamur und „denselben" Organ g'habt; so was is angeboren. Richter; Sie haben die Klage gehört; ist es richtig, daß Sie diese Schimpfworte gebraucht haben? — Anna Klimetsch: Ob i just g'rad' Alles Wort für Wort, wi'es da geschrieben is, g'sogt hob', auf dös kunnt i ka Jurament ableg'n, aber a weng wos hob' i ihm schon sagen laffen (mit verächtlicher Geberde) dem Hausherrn. Richter: Erinnern Sie sich an die gebrauchten Schimpfworte? — Anna Klimetsch: Wann's mi derschlagen, a nöt. Richter: Gebrauchten Sie den Ausdruck: „hergelaufenes Gesindel"? — Anna Klimetsch: Dös san's aber a; so Leut' kummen aus ihnere böhmischen Nester daher und than uns Wiener verdrängen. Richter: Sie sollen auch den Ausdruck „Juden-Bagage" gebraucht haben. — Anna Klimetsch: Wonn ich's g'sagt hob', dös wird kan Hals kosten. Richter: Sie haben sohin im Wesentlichen die gebrauchten beleidigenden Ausdrücke zugestanden; ich möchte nur noch wissen, was Sie bewogen hat, den Herrn und seine Familie zu beleidigen? — Anna Klimetsch (aufgeregt): Soll sich unserans, a ehrlichs Wiener Kind, von die Juden schon völlig auf'n Kopf steigen laffen? Soll unserans Alles einstecken und sein Schnobel halten? Richter: Sind von Seilen des Hausherrn und seiner Familie Beleidigungen vorangegangen? — Anna Kl imetsch: D'gröbsten, die's giebt. I bin 41 Jahre alt und wohn' schon 42 Jahr in dem Haus: geltens Euer Gnaden, dös is a Rälhsel, aber dös wird glei g'löst sein, wenn i Ihnen sag', daß i ungeborner schon in dem Haus g'wohnt Hab'. Mei Vater hat die Wohnung von feiner Mutter übernumma, i Hab' s' von meiner Mutter übernumma, i bin a geborne Scherer und Hab' 'n Klimetsch g'heirat't; mein Gott, er ist ka Kirchenlicht, aber a guter Potsch. Richter: Kommen Sie zur Sache. — Anna Klimetsch: No, daß i Jhna weiter derzahl, i bin in derer Wohnung geboren, i Hab' mi dort ausg'heirat't und so weiter, i häng' an derer Wohnung wie an mein zweit's Leben, der frühere Hausherr geht auf d'Börs, a Jud schluckt sein Haus und i soll d'Aufsag' kriegen. Mayer: Verzeihen Sie, ich habe Ihnen nicht aufgesagt, ich habe Ihnen laffen sagen, daß, wenn Sie werden nix zahlen den Zins, werde ich Ihnen aufsagen. Für was kauf' ich ein Haus, wenn es tragt kein Zins, was war' das für eine Speculrtion? Anna Klimetsch: Eu' Gnaden, won's dös Haus sehen, i glaub, „'s Beutlete" kriegeten's, ka Fenster schließt, ka Thürriegel halt, ka Ofen hatzt ordentli', und doch häng' i mit mei' ganzen Leben an derer Wohnung, und won i ausziehn müßt', i wär' unglückli', aber der Hausherr kunt a ka Glück mehr Mayer: Bestehe ich denn darauf, daß Sie ausziehen? Ich will was mir gebührt, mein Geld, mein' Zins. Zahlen müffen Se, ob ich a Jud' oder a Christ bin. Wenn Sie zahlen, wohnen Sie noch hundert Jahre in der Wohnung, genießen's Sie's mir Gesundheit, ich vergönne es Ihnen gewiß vom Herzen. Richter: Wird sonst noch etwas bemerkt? — Mayer: Wenn sie mir zahlt, werde ich ihr nicht kündigen; ich weiß, was die Gewohnheit macht; ich bin gewohnt Samstag an „Gänses" (Gansbraten): wenn meine Frau einmal keine Gans hat, weiß ich die ganze Woche nicht, was mir fehlt. Richter: Ueber die Zinszahlung habe ich hier nicht zu entscheiden. — Anna Klimetsch (holt ihre Brieftasche aus dem Unterkleide hervor): Daß S' sehen, daß mir ums Zahlen nöt bang is, da is der „Gibs" (sie zählt ihm den Zins auf und fährt dann fort) und daß a wissen, wegen wos i nöt glei „ausbüchsent" hob', so will i Jhna sagen: A Partei wie i, dö g'hört zum Haus', do wird behandelt, aber nöt von oben bis unten nur g'meffen, und ka „Grüß Gott!" und ka „Pfirt Gott!"' dös kennen mir Wiener nöt. I Hab mein Hausherrn viel Geld derspart, i Hab' auf Alles im Haus aufpaßt, er hat mi um Alles g'fragt und hat nix im ganzen Haus' mvchen laffen, ohne mi z'fragen. Es giebt ja Parteien, die bei jedem Zins vom Hausherrn was braucheten; der Hausherr hat mi rufen laffen und hob' i g'sagt: Na, is nix g'machl worden. Mayer (streicht den Zins ein): Gott über die Welt! Was sind Sie für eine prächtige Frau; warum habe ich das nicht früher gewußt, das ist ja ganz mein Fall; eine Frau wie Sie such' ich mit Laternen. — Anna Klimetsch: Jetzt is z'spät.

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