Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1878)
- Date
- 1878-01-08
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Premier (Disraeli) unermüdlich fort, und namentlich seitdem ihn die Königin mit einem Besuche beehrt hat, sie also seinen Einfluß als noch gesteigert ansehen müssen. Die „K. Z." schreibt hierüber: „Um auf Daily News und ihre Angriffe gegen den Premier zurückzukommen, sei hier im Vorübergehen nur noch erwähnt, daß sie ihm heute nichts Geringeres vorwerfen, als daß er für das Judenthum viel mehr fühle als für England, sozusagen den jüdischen und nicht den britischen Löwen reite. Daraus fei es zu erklären, weshalb er die Suezkanal - Actien angekauft, weshalb er für die Türken schwärme und weshalb er die Phrase in die Welt geschleudert habe, daß England nicht bloß eine europäische, sondern eine asiatische Macht sei. Wie ein vernünftiges Blatt seinen Lesern solchen Unsinn auftischen kann, ist nahezu unbegreiflich. Aber die Angst, daß es dem Premier gelingen dürfte, die Nation zu Entschlüssen Hinzureißen, die den hiesigen Freunden Rußlands und des unbedingten Friedens ein Greuel sind, ist so maßlos, daß sie vor Nichts zurückscheuen, wo es gilt, das Streben des Premiers im Lande zu verdächtigen." Soweit die K. Z. Wer die Anschauungen der Engländer erkennt, dem wird diese Weise des Angriffs verständlich sein. Die Engländer sind nämlich von der Meinung beherrscht, als ob die sämmtlichen Juden von dem Verlangen erfüllt seien, wieder nach Palästina zurückzukehren. Der jüngste Roman der talentvollen Miß Eliot „Daniel Deronda" hat die Engländer von Neuem hierin bestärkt. Indem man also Disraeli vorwirft, aus England eine asiatische Macht gestalten zu wollen, schiebt man ihm den Plan unter, auf diese Weise durch England Palästina den Juden zurückgeben zu lassen. Für die Engländer ist dies durchaus nicht so unglaublich, wie etwa in Deutschland. — Gladstoue hat seine jüngst gegen Midhat Pascha geschleuderte Beschuldigungen öffentlich zurückgenommen. Daß durch diese Assaire das Ansehen des fanatischen Staatsmannes nicht sehr gewonnen hat, ist selbstverständlich. Rußland. Warschau, im December. (Privatmitth.) Es ist hier wohl - der Ort, einige statistische Notizen aus dem großen Czarenreiche über unsere Glaubensgenossen zusammenzustellen. Sie gründen sich aus officielle Mittheilungen, die allerdings nicht mehr zu den neuesten gehören, und was die Gesammtzahl der Bevölkerung betrisst, nicht ganz mit der Wirklichkeit übereinstimmen, dennoch aber im großen Ganzen ein sicheres Licht über die Verhältnisse verbreiten. Im europäischen Rußland (einschließlich Kaukasien, und ausschließlich Polen und Finnland) wohnen 1,829,100 Juden, in Polen (1874) 814, 923 Juden, von denen zwei Drittel in Len Städten leben. Was nun die Juden in Rußland ohne Polen betrifft, so ist deren Vertheilung in den einzelnen Gouvernements sehr ungleich; in Litthauen, Weißrußland und der Ukräne bilden sie 10 bis 12 Prccent der Bevölkerung, weniger als 1 Procent betragen sie in den Gouvernements Petersburg, Livlanv, 'Nowgorod, Twer. Von der ganzen jüdischen Bevölkerung leben 56 Procent auf dem Lande, 44 Procent in den Städten. Aber auch auf dem Lande beschäftigen sich die Juden fast ausschließlich mit Handel und Handwerken, nur sehr wenige mit Ackerbau, was sehr natürlich ist, da ihnen der Bodenerwerb nicht gestattet ist. Jüdische Ackerbau-Colonien giebt es namentlich in Cherson und Jnkaterinoslaw; schon 1859 zählte man dort 35 Colonien mit 26,396 Einwohnern, die 13,000 Stück Hornvieh besaßen. Die Zahl der Kaufleute betrug in Rußland 1851: 180,359. Von diesen gehörten zum Adel 303, zu den Ehrenbürgern 1083, und zwar 1005 Christen, 70 Juden, 8 Mohammedaner. (Unter den Ehrenbürgern war also beinah der 16. ein Jude, während in der ganzen russischen Bevölkerung ungefähr der 40. Mensch jüdischer Religion ist.) Bon den übrigen 178,112 Kaufleuten waren Christen 143,643, Juden 30,167 , Mohammedaner 4302. Unter den 1,554,693 Bürgern (Handwerker u. s. w.) gab es 1,030,731 Christen, 504,385 Juden und 19,577 Mohammedaner. Diese Angabe der Zahl der jüdischen Handwerker ist die nachdrücklichste Widerlegung der immer wiederholten Behauptung, daß die russischen und polnischen Juden nichts als Kaufleute, Händler, Trödler und Pächter von Branntweinschenken seien. In Kaukasien wohnen 21,67 6 Juden, davon Ciskaukasien 2354 , in Transkaukasien 19,322. In Warschau 72,240 (über v.\ der Einwohner), in Lublin 8000 (-,5 der Einwohner), in Wilna 41,000 (V> der Einwohner), in Grodno 18,000 der Einwohner), in Berdyczew 51,000 Juden (von 54,000 Einwohnern). Bonn, 30. December (Notizen). Man schreibt uns aus Aachen vom 24. December: Eines der ältesten und achtbarsten Mitglieder unserer Gemeinde, Herr Abraham Fiebermann, wurde heute unter zahlreicher Berheiligung seitens der jüdischen und christlichen Bevölkerung zu Grabe getragen. Derselbe war 48 Jahre hindurch, von 1811 —1859, mit hingebungsvollem Eifer und seltener Berufstreue als Lehrer thätig und stand wegen seiner Tüchtigkeit und Biederkeit in der ganzen Rheinprovinz in gerechtem Ansehen. Seit dem Jahre 1826 wirkte er in unserer Gemeinde, wo ihm neben seelsorgerischen Functionen die Leitung unserer Elementarschule, damals die erste öffentliche privilegirte jüdische Schule in Preußen, oblag. Der Verstorbene hatte sich um die geistige und religiöse Hebung unseres Gemeindelebens, um die Gestaltung unseres rühmlichst bekannten Armenwesens sehr verdient gemacht. Unter seiner Aegide wurde auch der hierorts bestehende, segensreich wirkende Jugendverein, welcher den Namen des Verstorbenen trägt, gegründet. Trotz seiner strengconservativen religiösen Lebensweise verhielt sich der Verstorbene gegen andere religiöse Anschauungen nicht unduldsam und übte durch seine Versöhnlichkeit einen heilsamen Ein-