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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-08 · Heft 2 (8.1.1878) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 2 (8.1.1878)
Date
1878-01-08
Page
Seite 24 (sequence 8)
Language
German
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24 werden, denn in der einseitigen Weise, wie es bis jetzt getrieben wurde, vermochte es bei den veränderten Zeitverhältniffen den nach echtem Wissen strebenden Geist nicht mehr zu befriedigen, auch verschwand allmäliz der Nimbus der talmudischen Gelehrten aus der alten Schule, denn das Publicum wurde zu aufgeklärt, um sich vor Autoritäten, die außer ihrem Fache in der Regel ganz unwissend waren, zu beugen. Der wißbegierige Jüngling wendet sich daher von einem Studium ab, das sein ideales Streben nicht befriedigt und keine Aussicht auf materiellen oder moralischen Erfolg giebt. Nun drängt sich Jedem, dem das Wohl und die Zukunft des Judenthums am Herzen liegt, die Frage auf, wie und woher soll denn der Nachwuchs an Rabbinern für die Gemeinden Galiziens herangebildet werden? Einerseits fehlen die nölhigen Candidaten, andrerseits muß für geeignete Candidaten gesorgt werden, es muß dafür gesorgt werden, damit die Candidaten die gehörige Qualification zu ihrem Amte besitzen, damit sie neben ihrer Fachbildung auch denjenigen Grad allgemeiner Bildung sich aneignen, den die Jetztzeit von Männern, denen eine so wichtige Aufgabe, wie die Leitung der religiösen Angelegenheiten einer Gemeinde, zufällt, mit vollem Rechte beanspruchen kann. Die Frage, die wir hier angeregt haben, ist unstreitig von hoher Bedeutung für die Zukunft der galizischen Judenschaft. Die Zukunft des Judenthums beruht zum großen Theile auf der Pflege seiner Lehre, auf einer gründlichen Kenntniß seines religiösen Schriftthums, auf dem Durchdrungensein von seinem geistigen Gehalte, von seinen erhabenen religiösen Jveen. Diese Auffassung wurde in der jüdischen Geschichte zu allen Zeiten und unter allen Umstanden' getheilt. Seit jenem berühmten Rabbi, der von dem römischen Feldherrn und spätern Imperator als einzige Gunst für seine Nation sich die Gründung eines Lehrhauses erbat, galt das Studium der Thora, das Studium der jüdischen Wissenschaft als das stärkste Bollwerk des Judenthums gegen alle äußere und innere Stürme, an dem alle Geschosse der Verfolgung, alle Kunst der Ueberredung, wie auch jene gefährlichen Giftpfeile des Aberglaubens und religiöser Schwärmerei in gleicher Weise abgeprallt sind. Und diese Auffassung hat sich auch in der Thal glänzend bewährt. Wir dürfen daher nicht müssig zuschauen, wie die jüd. Theologen aus der alten Schule allmälig vom Schauplatze abtreten, ohne daß für einen den modernen Verhältnissen enffprechenden Nachwuchs gesorgt wird. Und es muß nicht nur für einen Nachwuchs überhaupt gesorgt werden, es muß auch, wie bereits erwähnt wurde, namentlich dafür gesorgt werden, daß dieser Nachwuchs seiner Aufgabe gewachsen sei, daß er die nölhige Bildung und das erforderliche Wissen besitze, um für eine gedeihliche und fortschrittliche Entwickelung des Judenthums arbeiten, und auf das religiöse und sittliche Gefühl seiner Gemeinde veredelnd wirken zu können. Es ist dies eine gebieterische Forderung der modernen Verhältnisse, die sich nicht abweisen läßt und deren Erfüllung nicht dem Zufalle überlassen werden darf. Der Einfluß des Rabbiners ist bekanntlich ein rein moralischer, er steht nicht als Geistlicher den Laien gegenüber, er ist nicht der Seelsorger, der die Schlüssel zu Paradies und Hölle besitzt, er ist auch nicht der privilegirte Besitzer religiöser Mysterien und alleiniger Vollstrecker mancher religiösen Ceremonien und Functionen, — er ist der geistige Führer der Gemeinde in religiösen Angelegenheiten, der theoretisch gebildete Gelehrte, an den man sich in cultuellen und rituelleu Fragen um Auskunft wendet. Einen moralischen Einstuß auf eine Körperschaft kann aber nur der ausüben, der auf der Höhe der Bildung seiner Zeit steht, zu dem die Gemeinde als zu einem geistig Höherstehenden hinaufschauen kann; bleibt aber der Rabbiner auf derselben Bildungsstufe wie die Durchschnittsrabbinen aus der alten Schule, trotzdem die Zeitverhältnisse sich geändert, der Culturgrad, die Aufklärung zugenommen, so wird ein solcher Rabbiner, wenn er etwa einen Platz findet, mit Geringschätzung betrachtet und verliert alle Bedeutung. Daher spiegelt sich auch in den Rabbinen gewöhnlich das Bild des Culturgrades der Juden ihrer Zeit ab; wir finden auf manchem Rabbinerstuhl erleuchtete, hochgebildete Männer, ja Gelehrte ersten Ranges, zu einer Zeit, als die Juden gerade eine höhere Culturstufe erlangten, — sanken jedoch die Juden in Folge grausamer Verfolgung und rer Berührung mit ungebildeten Völkern in Unwissenheit — so war auch den Rabbinen mit Ausnahme ihrer talmudischen Weisheit jedes andere Wissen in der Regel ein unbekanntes Gebier. Es ist daher unsere Aufgabe dahin zu wirken, damit es Galizien an Rabbinatscandidaten nicht mangele, die neben einem gediegenen Fachwissen auch diejenige wissenschaftliche Bildung besitzen, die eine gebildete Gemeinde von ihrem geistigen Oberhaupte zu fordern berechtigt ist. Es genügt nicht, daß wir im Ncthfalle uns mit ausländischen Candidaten behelfen können; nicht nur haben nur größere Gemeinden die Mittel dazu, allein es fehlt dem Ausländer die Kenntniß unserer Sitten, unserer Gebräuche, unserer Verhältnisse und namentlich unserer Landessprache. Auch wäre eine solche Beschränkung auf ausländische Kräfte geradezu für Galizien das Zeugniß einer Geistesarmuth, das wir durchaus nicht verdienen. Den Weg, den wir zu gehen und die Mittel, die wir in der Beziehung zu ergreifen haben, sind uns durch das Beispiel anderer Länder bereits vorgezeichnet. In der Entwickelungsgeschichte der Völker herrschen bestimmte Gesetze, und dieselben Ursachen bringen stets dieselben Folgen hervor. Auch in unfern Nachbarländern haben sich dieselben Verhältnisse abgespielt, auch dort begann das jüdisch-theologische Studium abzunehmen, auch dort gerieth die alte Talmudistenschule in Verfall, auch dort begannen die Gemeinden von ihren Rabbinen eine gehörige wissenschaftliche Ausbildung zu fordern. Da traten hervorragende Männer von Energie und Thatkraft auf, die die Forderungen des Zeitgeistes begriffen und beschlossen der jüdischen Lehre, der jüdischen Wissenschaft eine neue moderne Stätte zu gründen, sie riefen Rabbinerseminarien, jüdisch-theologische Facul-

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