Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1878)
- Date
- 1878-01-08
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
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23 Sotten reden läßt, kurz, die wunderbarsten Dinge verrichtet. Der Wunder-Rabbi genießt eines solches Rufes, daß von weit unc breit Hunderte von Leuten zu pilgern, um Heilung und Abhilfe gegen ihre Nebel bei ihm zu suchen. Biele Frauen lasten sich von ihm „segnen" u. s. w. Mit derlei Kunststücken sackt der Manu an manchen Tagen 100 bis 200 Gulden ein. Der Wunder-Rabbi ist ein großer, ungewöhnlich schöner, brünetter Mann von siebenundzwanzig Jahren. Seine Kleidung ruft allgemeine Bewunderung hervor. Er trägt einen mit Edelsteinen übersäeten Kaftan von rothem Sammi, der am Saume und am Kragen mit doppelter Goldborte besetzt ist, so daß man im ersten Augenblicke irgend einen General vor sich zu haben glaubt. Zur Jllustrirung seines Treibens möge folgender Fall angeführt werden: Einem Familienvater sagte der Wunder-Rabbi, sein schönstes Kind werde binnen Kurzem eine Beute des Todes sein; der Vater erschrak und flehte zu dem Heiligen, er möge diesen Schlag von ihm abwenden. Der Wunder-Rabbi versprach ihm Hilfe, nur müsse er 18 Segenssprüche kaufen. (Die Segenssprüche sind in hebrälscher Sprache auf Pergamentstreifen geschrieben und kosten 1 bis 2 st. per Stück«. Dieses Stückchen wiederholte er bei 20 anderen Leuten. Der Wundermann hat eine aus sechs handfesten Leuten bestehende Leibwache, die sich stets um ihn befindet. Tritt man zu ihm ein, so wird die Thür sofort verriegelt. Er lebt sehr sein, speist täglich sechs Gänge und raucht die feinsten Cigarren. Er läßt Wunderdinge über sich erzählen, wie gelehrt, wie heilig er sei, wie er mit Gott spreche u. s. w. Und die Behörde läßt diesen Unfug ruhig angehen!" «Daß es nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht der Staatsbehörde ist, einen solchen Betrüger und Gaukler zu bestrafen, und, falls er dem Auslände angehört, über die Grenze bringen zu lasten, ist einleuchtend. Die Religionsfreiheit hat hiermit in keiner Weise zu schaffen, da es sich hier nur darum handelt, die blinde, wundersüchtige Maffe den Betrügereien eines gewissenlosen Schlaukopfs zu entziehen. Wer wistentlich einen Betrug ausübt, muß der gerechten Strafe unterzogen und ihm das Handwerk gelegt werden, und es ist ganz gleichgültig, welche Mittel der Betrüger zur Ausführung seines Betruges verwendet. Wer materielle Lebensmittel verfälscht, ist strafbar. Wie sollte es der nicht fein, der die geistigen Lebensmittel des Volkes vergiftet? Das mosaische Gesetz und mit ihm das Juventhum verurtheilt auf's Strengste alle Diejenigen, welche Wahrsagerei und Zauberei treiben. Es ist daher die Pflicht unserer Glaubensgenesten in Ungarn, jenen Betrüger bei der Staatsbehörde anzuzeigen und seine Bestrafung zu beantragen. Ein müßiges Gehenlasten ist hierbei Mitschuld! Redaction.) Lemberg, 3t. December. (Privatmitth.) Auch in Galizien erwacht immer mehr das Bedürfniß, sich auf den Standpunkt zu erheben, welchen das Judenthum in den westlicher gelegenen Gebieten Europa's eingenommen hat. Hierzu rechnen wir ganz speciell die Errichtung von Rabbinerlehranstalten, welche für die fernere Ausgestaltung des Judenthums theoretisch wie practisch unentbehrlich sind. Der Lemberger „Israelit, Organ des Vereins Schomer Israel" enthält in seinerNummer vom 28. d. einen trefflichen Artikel: „Die Errichtung einer Rabbinerschule in Galizien", den an dieser Stelle wiederzugeben um so angenehmer ist, um ihm von allen Seiten her Flachdruck zu geben. Er „Polen, — wozu wir selbstverständlich auch Galizien rechnen, — hat bis in die neueste Zeit während fast 1 Jahrhunderte auf dem Gebiete rabbinisch-talmudischer Wiffenschaft die Führerrolle behauptet. Die talmudischen Größen Polens galten als Autoritäten für ganz Israel. Lemberg, Krakau, Wilna, Lublin galten als die Orakelsitze, wohin man sich in den schwierigsten talmudischen Fragen von allen Weltgegenden um Entscheidung wandte. Das Talmudstudium war in Polen mit außergewöhnlichem Eifer und Hingebung gepflegt. Es wendeten sich diesem Studium die besten Köpfe, die strebsamsten Geister zu. Die Verhältnisse, unter denen die Juden zu jener Zeit lebten, wie die niedrige Culturftufe der sie umgebenden Bevölkerung machte ihnen jede andere wissenschaftliche Beschäftigung fast unmöglich. Der Zugang zu den öffentlichen Schulen war den Juden in Polen bis Ende des vorigen Jahrhunderts versagt, jeder sonstige wissenschaftliche Beruf verschlossen, und es galt daher für eine lange Reihe von Jahren das theologisch-talmudische Wissen als die einzige gelehrte Beschäftigung, der Rabbinerstand als der einzige gelehrte Beruf, in dem man sich auszeichnen, und zu hoher Achtung, zu Ehren und Würden unter seinen Glaubensgenossen — von andern durste kein Jude damals träumen — gelangen konnte, indem die jüdische Nation schon kraft ihrer geschichtlichen Entwickelung keiner anderen Aristokratie, als der des Geistes eine Berechtigung zuerkannte. Nicht nur waren die polnischen Rabbinate mit einheimischen Autoritäten ersten Ranges besetzt, wir haben auch stets einen Ueberschuß an Eandidaten gehabt, und es geschah nicht selten, daß hervorragende Gemeinden Deutschlands sich nach Polen gewendet und sich von da ihre Rabbiner geholt haben. In Folge des geistigen Aufschwunges, den die Juden in den letzten Jahrzehnten auch bei uns gemacht haben, haben sich jedoch die Verhältnisse total geändert. Das Licht der Aufklärung, das unter den Juden Deutschlands von Mendelssohn angezündet wurde, hat auch nach Galizien seine Strahlen gesendet, das Dunkel des Mittelalters, das für die Juden bis zum Anfänge dieses Jahrhunderts gedauert hat, begann sich auszuhellen, es erwachte das Streben nach einer zeitgemäßen Bildung, der Sinn für allgemeines, nicht speciell jüdisches Wissen wurde angeregt. Die freiere Strömung in der Gesetzgebung eröffnete den Juden ein weites Feld für anderweitige geistige Ausbildung und Beschäftigung, die auch mehr Aussichten auf materiellen Erfolg und eine ehrenhafte Stellung im Leben verschafften. Das Talmucstudium begann in Folge dessen allmälig mehr vernachlässigt zu