Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1878)
- Date
- 1878-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 sondern mit der Befürchtung militärischer und finanzieller Zwecke. Volkszählung und Pest wurden daher als Ursache und Wirkung angesehen. An der a. St. wird daher gesagt: „Und nochmals entbrannte der Zorn des Ewigen wider Israel und er regte David gegen sie an, sprechend: Gehe, zahle Israel und Juda". Nach geschehener Zählung kommt David zum Bewußtsein seiner Sünde und Gott schlägt Israel mit der Pest. Der Chronist nun schildert denselben Vorgang, und zwar meist mit denselben Worten. Er mußte sich aber wohl die Frage vorgelegt haben: wie kann Gott David zu dieser Zählung „angeregt" haben, und dann David und Las Volk sür dieses Vergehen bestrafen? (Als ob der Mensch nach seinem freien Willen nicht eben die Regungen seiner Leidenschaften und egoistischen Zwecke zu beherrschen hätte). Er gab daher dem ganzen Vorgänge eine mehr visionäre Färbung, so daß darin „der Engel des Ewigen", der im B. Sam. nur beiläufig erwähnt wird, eine große Rolle spielt und „mit dem ausgestreckten Schwerte" geschildert wird. Der Chronist beginnt nun seine Erzählung folgendermaßen: „'&•& nTasrn Und ein Ankläger erhob sich wider Israel und regte David an, Israel zu zählen", und V. 7 : „Und es mißfiel in den Augen Gottes diese Sache und er schlug Israel". Wir bemerken, daß der Chronist ebenfalls rs'n wie im B. Sam. gebraucht, und daß hier pa ohne bestimmten Artikel, wie überall außer bei Secharjah und Hiob, erscheint. Hieraus geht hervor, daß der Chronist unter ■jrra nichts weiter als Jemanden, etwa irgend einen Höfling sich Lachte, der in David den Gedanken der Volkszählung anregte. Dies scheint dadurch bestärkt zu werden, daß der Chronist ein Aeguivalent sür das 0—2 im B. Sam., durch welches daselbst angedeutet wird, die Verleitung Davids sei im feindlichen Sinne gegen die Israeliten geschehen, nicht heranbringt, während er doch ncm beibehält. Auch kommt in dem ganzen weitläufigen Berichte "oid gar nicht wieder vor, und „der Engel des Ewigen" ist es, der Verderben bringt (r^nnr'an). Der Gebrauch des Wortes ist daher hier nur eine allgemeine Ausdrucksform, wie wir sie auch 1 Kön. 11, 14. 23 fanden, angewendet, weil der Autor weder Gott noch David selbst die Urheberschaft des Gedankens der Volkszählung zuschreiben wollte, und als Ausweg jenes Wort mit seinem unbestimmten Sinn wählte, da er dem Original im B. Sam. gegenüber doch nicht irgend eine bestimmte Persönlichkeit nennen wollte. Wir können daher auch aus dieser Stelle durchaus nicht mit irgend einer Sicherheit den jetzt so oft ausgesprochenen Satz ziehen: es hätten die Juden aus dem Exil die Vorstellung eines bösen Princips, dem guten Gotte gegenüber, sowie der guten und der bösen Engel, mitgebracht. Mit Recht hat man im Gegentheil im Buche des zweiten Jesaias schon eine Bekämpfung der allpersischen Glaubenslehre gefunden. In keinem Buch der heil. Schrift wird für die Einheit und die Geistigkeit Gottes, also die Unkörperlichkeit unv Gestaltlosigkeit, entschiedener eingetreten, als von diesem großen Propheten; und besonders in 45, 7, nachdem die einstige allgemeine Erkenntniß vorausgesagt worden, „daß Nichts ist außer mir, ich bin der Ewige und Keiner mehr", wird hinzugefügt: „der Licht bildet und Finsterniß schafft, der Friede bereitet und Böses schafft, ich, der Ewige, thu' alles Dies" — womit eben gegen die altpersische Zweigötterei, des Guten und des Bösen, angekämpst und Gott als die einzige Quelle alles Daseienden, deffen, was uns angenehm ist, wie Licht und Friede, aber auch deffen, was uns übel erscheint, wie I Finsterniß und Böses (letzteres eben nur als relativ zum Einzelwesen) gelehrt wirb. (Fortsetzung folgt.) 2oei/fciutcj 6it<xc&u^&teu/. Deutschland. Leipzig, 25. December. (Privatmitth.) Anknüpfend an den jüngsten Bericht von hier in Nr. 51, gestalten Sie mir, einige offenmüthige Bemerkungen über die Wirksamkeit des „Gemeindebundes", die um so weniger als parteiisch angesehen werden können, als gerade die „A. Z. d. I." -diesem Vereine die kräftigste Unterstützung hat anzedeihen lasten. Was, unserer Meinung nach, den Unternehmungen des Lundes bis auf ein sehr geringes Maß jeden Erfolg von vornherein genommen hat, war die denselben innewohnende Tendenz der energischen Centralisation, welche dem Wesen und den factischen Zuständen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands zu sehr entgegenläuft, um nicht sofort unwirksam gemacht zu werden. Es ist als ob man immer hätte anfangen wollen, ein Dach zu construiren, bevor das Fundament gelegt und die Mauern errichtet worden. Die Absichten waren gewiß löblich, die Gedanken an sich gut; von Zwecken herrschsüchtiger Natur, welche die Macht und den Einfluß in einem Mittelpunkt in die Hände einiger Einzelnen bringen wollen, war gewiß nichts vorhanden — aber die Richtung, die man einschlug, war nach den obwaltenden Umständen eine irrige. So erging es mit dem Plane, das ganze Armenwesen, besonders die Unterstützungscaffen für die durchreisenden Hülfsbedürftizen in allen deutschen Gemeinden zu einem einzigen Organismus zu vereinigen, dessen leitender Mittelpunkt im Ausschuffe zu Leipzig läge. So mit einer Stiftung zur Förderung der Erwerbsthätigkeit jüdischer Frauen und Jungfrauen; so mit einem Pensionsfond für Beamte; so mit einem Stipenbienfond für jüd. Religionslehreraspiranten — lauter todtgeborene Kinder, oder die es nur zu einem Scheinleben brachten. Was ich hier kurz und schlagend ausdrücke, wurde ja auch bei dieser und jener Gelegenheit, in dieser Zeitung ange-