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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-01-01 · Heft 1 (1.1.1878) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 1 (1.1.1878)
Date
1878-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 gegengesetzten Standpunkt auf. Gott ist einzig, vollkommen, allmächtig; er hat die Welt geschaffen vollkommen im Ganzen und jedes einzelne Wesen in dessen Art. Da kann also consequenter Weise keine Gottheit der Finsterniß, kein böses Princip vorhanden sein: der Begriff GotteS schloß die Existenz jedes anderen göttlichen Wesens aus. Die natürlichen Uebel konnten solche an sich gar nicht sein; sie sind Uebel nur in subjectiver Beziehung für dieses oder jenes Einzelwesen, während sie zur gesetzlichen Ordnung der Gesammtheit gehören. Trifft es sich doch oft genug, daß derselbe natürliche Vorgang dem Einen zum Schaden, dem Anderen und vielleicht Tausenden zum Nutzen gereicht. Der Mensch ist Gott ebenbildlich geschaffen; er besitzt hiernach Freiheit des Willens; Liese Freiheit könnte mit dem unbedingten Gesetze des Guten in seiner Natur gar nicht vereinbar sein; er muß das Gute und das Böse thun können, muß die Anlage und Neigung zum Guten wie zum Bösen in seinem innersten Wesen tragen; was er thut, ist ebenfalls nur von subjectiver Art, und betrifft lediglich seine Beziehungen zu sich selbst und seinen Nebenmenschen. Kann ja doch dieselbe Handlung ein Erzeugniß der höchsten Tugend wie des schwersten Verbrechens sein, da es nur auf Motive und Umstände ankommt, sie zu jener oder zu diesem zu stempeln. In dem großen Gange der menschheitlichen Entwickelung dienen auch die selbstsüchtigsten Bestrebungen der Menschen zum Fortgang, ja auch verbrecherische Thaten bringen Wirkungen hervor, welche Völkern und ganzen Zeitaltern zum Vortheile bienen. Eine Selbstständigkeit der sittlichen Uebel ist daher gar nicht vorhanden; sie sind dem Menschenthum unentbehrlich, so lange es auf dem Wege der Entwickelung begriffen ist. Dies ist die Anschauung, die in der heil. Schrift vielfach zum Ausdruck kommt. Die Religion Israels mußte also ohne böses Princip, ohne eine Gottheit oder Macht der Finsterniß bleiben. Anders im Christenthume. Das Dogma vom Gottmenschen, der durch feinen Tod die Erlösung des Menschengeschlechts und mittelst des Glaubens an ihn die Sündenvergebung bewirkt, bedurfte nothwendig als Untergrund der Erbsünde, zu welcher sich die immer wieder erneuere Schuld- und Sündhaftigkeit des einzelnen Menschen gesellt. Hierdurch war dem Christenlhume das sittliche Uebel nicht mehr blos eine subjective Beziehung, sondern ein wirklich integrirendes Element der Menschennatur, Las seinen Ursprung außer Gott haben und nur von Gott zugelaffen sein konnte — mit einem Worte: das Böse entsprang aus einem selbstständigen Wesen, dem bösen Princip, dem Teufel oder Satan. Der Glaube an die Existenz des Teufels, der sowohl die großen physischen Uebel, wie Sturm, Erdbeben, Mißwachs, Pestilenz, als auch die sittlichen durch Verleitung der Menschen erwirkt, gewann innerhalb des Katholicismus eine große Herrschaft und vielfache Ausgestaltung; er wurde nicht blos zu einem unbedingten Dogma, sondern hatte die traurigsten realen Wirkungen, namentlich in den berüchtigten Hexenproceffen, welchen über eine Million Menschen zum Opfer fiel. Auch die Reformatoren konnten sich nicht frei von ihm machen, da er vom N. T. selbst gelehrt wird, und so gehört er noch heute zum Glaubensbekenutniß der protestantischen Kirche. Es ist nun eine eigenthümliche Erscheinung, daß oft derselbe Gegenstand zur gleichen Zeit von Autoren verschiedener Länder behandelt wird. So jüngst der christliche Teufel. In Paris veröffentlichte Jules Baissac eine Schrift über ihn, und vor einigen Monaten gab der Professor Medicinalrath Di*. Karsch drei Vortrage „Naturgeschichte des Teufels" (Münster, 1877) heraus, die in kürzester Zeit drei Auflagen erlebten. Mit der letzteren werden wir uns in einem folgenden Artikel zu beschäftigen haben. Heute nehmen wir den Faden unsrer Erörterung über die „Versuchung" wieder auf. Das Wort nv: „versuchen" wird, abgesehen von der gewöhnlichen Bedeutung „einen Versuch anstellen" *) in der heil. Schrift theils in dem Sinne gebraucht „der Mensch versucht Gott", indem er gegen Uebel murret, trotzdem er schon oft die Hülfe Gottes wahrgenommen -) oder indem er von Gott ein Zeichen fordert, um der Aussage Gottes Glauben zu schenken, 1 2 3) — theils umgekehrt in dem Sinne „Gott versuchet den Menschen", indem er ihm Leiden zuschickt oder ein schwieriges Gebot auferlegt, oder ihn in eine verfängliche Situation versetzt, in welcher er zu zeigen und zu bewähren hat, ob er gottergeben seiner Pflicht getreu, den Willen Gottes allem Uebrigen vorziehend sei und jede Mühsal um deffentwillen erträgt, oder das Gegentheil. In der kindlichen Weise des biblischen Ausdrucks wird dieses Bethätigen der Tugend und Gottesfurcht in der Versuchung so ausgedrückt, daß Gott erkennen wolle, ob der Mensch ihn aufrichtig liebe oder nicht? d. h., daß der Mensch in der Versuchung die Gelegenheit habe, seine Pflichttreue und Gottesfurcht zu entfalten und zur Verwirklichung zu bringen.4) Hieraus geht hervor, daß schon der Mosaismus in den Schicksalen des Menschen nicht blos eine Ausführung der strengen göttlichen Gerechtigkeit sieht, so daß jedes Glück der Lohn einer guten, jedes Mißgeschick die Strafe einer bösen That sei, wie dies z. B. die Gegner HiobS so hartnäckig vertheidigen, sondern daß die schweren Geschicke oft nur von der Vorsehung dem Menschen zugesrndt werden, damit er seine sittlichen Kräfte in denselben entfalte und stärke, so daß sie also zur sittlichen Erziehung des Menschen dienen und für 1) Vgl. 5 Mos. 28, 56. 4, 34. 1 Sam. 17. 39. 1 Kön. 10, 1. 2 Chron. 9, 1. Hiob 4, 2. Pred. 2, 1. 7, 13. Dan. 1, 12. 14. 2) Vgl. 2 Mos. 15, 25. 17, 2. 7. 4 Mos. 14, 22. 5 Mos. 6. 16. 33,8. Ps. 78. 18. 41. 56. 95, 9.106,14. 3) Vgl. Ies. 7. 12. Nicht. 6, 39. 4) Sämmtliche tradit. Commentare verstehen dies so, da auch nicht im Entferntesten eine Beschränkung der göttlichen Allwissenheit daraus gezogen werden solle. Sie erklären z. B. -rtf-p (1 Mos. 22, 12) mit ’rjTn. Schon Maimonides, Nachmanides u. A. meinen, die Versuchung geschah Abrahams wegen, damit er das, wozu er bis dahin nur befähigt war, nun auch zur That bringe (brsn Vs nmia rm s-rrinw -hs).

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