Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-12-25 · Heft 52 (25.12.1877) · p. Seite 832

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 52 (25.12.1877)
Date
1877-12-25
Page
Seite 832 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227176--35904-3305909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bei einem befreundeten Arzte kam, sagte er zu mir: Willst du die Tugend, die Aufopferung, die Wohlthatigkeit in Person sehen, fo komm mit mir nach dem städtischen Krankenhause, wo ein hergewanderter erblindeter polnischer Jude seit Wochen im Sterben liegt; an seinem Lager sitzt ein Jude — er nannte mir den Namen — der Tag und Nacht ihn pflegt, ihn aufhebt und wieder niederlegt, ihm die Speisen reicht, Gebete und Psalmen vorliest, kurzum dem unbekannten, schmutzigen und undankbaren Menschen thut, was kaum ein Sohn oder Bruder vermag, am wenigsten ein Miethling. Der Mann war ein naiver, fast kindlich gestimmter Mensch, der sich verwunderte und selbst ärgerlich ward wenn man ihm ein Wort des Lobes sagte, und der mit derselben Naivetät von Laden zu Laden, von Haus zu Haus ging, Jedem ein bestimmtes Quantum Geld abfordernd, um für den Einen die Miethe zu bezahlen, jener Wittwe Kleider für die Kinder anzuschaffen, einem Hausirer einen kleinen Waarenvorrath zusammenzubringen und sofort. Ich halte mich überzeugt, daß wer von meinen älteren Zeitgenoffen diese kleine Schilderung liest, sich an irgend ein ähnliches Original aus der früheren Zeit der Gemeinde erinnert. Ein solcher Beruf vererbte sich gleichsam, nicht in der Familie, aber indem ein Anderer an die Stelle des Frommen trat, wenn dieser aus dem Leben geschieden. Es war in der Regel nicht mit Gelehrsamkeit verbunden, höchstens mit dem Wiffen alles deffen, was im Volke gang und gäbe war, mit kindlicher Strenggläubigkeit und getreuer Uebung alles Herkömmlichen, dann aber auch mit einer unbedingten Toleranz, die keinen Unterschied machte, ob der Hülssbedürftige selbst streng oder lax in der Observanz war. Ich brauche schwerlich auf den Unterschied noch besonders aufmerksam zu machen, der in allen Viesen Practiken mit denen der Gegenwart eingetreten. Manches ist ganz unstatthaft geworden, Manches nur noch in beschränktem Maße vorhanden; Manches völlig verschwunden, und wo die Lücke sich fühlbar macht, bleibt sie eben unausgefüllt. Mit persönlicher Bethätigung befaffen sich jetzt äußerst Wenige. An die Stelle ist das Geld getreten. Man giebt. man giebt mehr als früher, und wenn Einzelne nach Maßgabe ihres Vermögens lange nicht so viel geben wie früher, so ist die Zahl der Geber desto größer; es werden möglichst Alle herangezogen, und sie können sich dem nicht gut entziehen. Dafür glaubt man genug gethan zu haben, wenn man Geld gespendet hat. Dafür sind alle Veranstaltungen statutenmäßig organisirt; überall findet eine sorgfältige Controlle statt; der Eine giebt die Bons aus, der Andere zahlt das Geld, der Dritte revidirt die Thätigkeit Beider; jährlich wird öffentliche Rechnung abgelegt. Dies ist der allgemeine Charakter der Wohlthatigkeit in der Gegenwart. Allerdings bedarf man auch hierzu der persönlichen Factoren. Wo jedoch die Ehrenämter nicht ausreichen, führt man besoldete Beamte ein; wo Mangel an Männern und Frauen, die sich persönlich bethätigen, eintritt, verwendet man bezahlte Diener. Aber auf diesem Grunde ist man im Stande, die großartigsten Anstalten herzustellen, sie zweckmäßig zu organisiren, sie nicht nach der Einsicht und Gcwisienhaftigkeit eines Einzelnen, sondern nach den Erfahrungen, Vorbildern und wiffenschaftlichen Forschungen einzurichten, und damit Erfolge zu erzielen, wie sie früher ungeahnt waren. Wer sich erinnert, wie schlimm in ftüherer Zeit das Los zahlreicher armer Waisenkinder, armer und schwerer Kranken, aller deren, die ein bleibendes Gebrechen durch das Leben trugen, körperlicher oder geistiger Art, war, der muß sich sagen, daß die jetzige allgemeine Wohlthätigkeitstendenz ungleich mehr leistet, als die frühere Privat- und persönliche Anstrengung. Freilich wird man erkennen müffen, daß unter solchen Umständen sehr viel von dem Fond der Barmherzigkeit im Herzen der Einzelnen verloren geht, daß oft der Ehrgeiz hier mehr thut als die Liebe, die Convenienz mehr als der Wohlthätigkeitstrieb. Aber schließlich hat man doch mehr Jntereffe daran, daß Etwas geschieht, als aus welchen Motiven und in welcher Weise. Ueberhaupt überlaffe ich das Urtheil den Lesern, und wollte nur die Thatsache zeichnen. Noch eine Frage drängt sich mir hier auf: welche dieser beiden Tendenzen entspricht wohl am meisten dem Geiste unserer Religion? Bon vornherein wird diejenige auch nach dieser Seite hin die zweckmäßigste sein, welche der Bedürftigkeit im größten Umfange abhilft. Jedoch hiervon abgesehen, scheint jedenfalls diejenige Wohlthätigkeit die religiöseste, welche mit den meisten und schwersten Opfern für die sie ausübende Person verbunden ist. Dennoch glaube ich einen Anhalt für die gegenwärtige Handhabung der Barmherzigkeit in unsrem Gesetze zu finden. Im Ganzen war das mosaische Gesetz ein Versuch, eine Volksgesellschast so zu organisiren, daß die Armuth in derselben nicht vorhanden, wie dies 5 Mos. 15, 4 ausgedrückt ist. Wenn nun auch die Privatwohlthätigkeit dringend empfohlen ist (das. 15, 7), so werden doch auch bestimmte Vorschriften gegeben, die von der Geneigtheit des Individuums nicht abhängen sollten, wie die Nachlese, die zurückgelaffenen Aehren, die Ecken der Felder, der Armenzehnten. Diese Einrichtung sollte über die Privatperson hinaus den Armen, den Witlwen, Waisen und Fremden zu Gute kommen. Wie dem aber auch sei, daß in unsre gegenwärtigen Wohlthatigkeirsbestrebungen wieder mehr persönliche Thätigkeit, mehr persönlicher Eifer und mittelbare Hingebung kommen müßten und dies zum rechten Flor der Barmherzigkeit, sowie zur Entzündung des religiösen Geistes dienen würde, das scheint mir aus dem Vorhergehenden recht deutlich hervorzugehen und mag daher von denen in's Auge gefaßt werden, welche die Forderung des Guten und Wahren in den jüdischen Kreisen zum Berufe haben. kaphael, ein frommer Jude, Schüler, Freund und Arbeitsgeuoffe Leibuihens. Mitgetheilt von M. Mannheimer in Darmstadt. Man ist gewöhnt, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zwischen Lessing und Mendelsohn bestandene un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.