Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1877)
- Date
- 1877-12-25
- Page
- Seite 831 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sowohl über Zedakah als auch über Gemiluth-Cheßed gegeben Hai. Auch kenne ich sehr wohl den Abschn. 247 ff. des Joreh-Deah, unv ist darin auch manches Veraltete zu finden, wie dies auch gar nicht anders sein kann, z. B. über die Auslösung der Gefangenen, die im Mittelalter eine große Rolle spielen mußte, so ist doch überaus viel Löbliches anzuerkennen, Vieles, was unserer Zeit noch immer sehr zu empfehlen wäre. Jndeß hege ich die Ansicht, raß derartig systematisch aufgestellte Vorschriften viel weniger dem Volke die Leitung gegeben haben, als vielmehr erst selbst Ausflüsse des Volksgeistes sind. Wird doch auch schon viele Jahrhunderte vor der Niederschrift dieser Bestimmungen die jüdische Ra«)e wegen der von ihr geübten Barmherzigkeit selbst von ihren Feinden, wie B. Taciws, höchlichst gerühmt. Wo nur die Juden auch in ältester Zeit eine, auch noch so geringzahlige Gemeinde bildeten, da sorgten sie auch sofort für eine Armenkasse, aus welcher die ankommenden Flüchtlinge und Pilger viel mehr als die heimischen Armen Nutzen zogen. — Nicht minder müssen aber den Menschenfreund die Berichte über die vielen großartigen Anstalten, Einrichtungen und Spenden befriedigen, über welche diese Zeitung mit Recht fortwährend Berichte bringt, sowie sie sich auch bemüht, zur Begründung neuer und zur Erweiterung bereits bestehender Anstalten und Vereine den Impuls zu geben. Da haben wir denn auch Erscheinungen, welche dem älteren Judenthume bei aller Bedeutung und Verwirklichung, welche die Wohlthätigkeit bei ihm hatte, so gut wie unbekannt waren. Waisenhäuser, Krankenhäuser in großem Umfange und mit wahrhaft prächtiger Ausstattung, Alterversorgungsanstalten, Blinden- und Taubstummen-Jnstitute, Kinderasyle, Pensiousfonds, Stipendienfonds und Stipendienvereine, Lehrerunterstützungs-Vereine:c., Veranstaltungen, die zum Theile nicht auf den Ort, sondern auf ganze Länder berechnet sind: es sind dies Schöpfungen oer neueren Zeit, die unsre Alten, selbst an Plätzen, wo sie schon Jahrhunderte sicher wohnten, nicht kannten. Ich sage ausdrücklich „nicht kannten" — denn ich möchte wahrlich nicht behaupten, daß, wenn sie davon eine Vorstellung gehabt hätten, sie nicht derartige Werke auch ihrerseits gestiftet hätten. Ein Beweis hiefür geben die sog. Klausen, die freilich für unsre Zeit sich überlebt haben. Meine Erinnerungen führen mich dabei in meine Jugend und Kindheit zurück und bilden mir Bilder aus der früheren Praxis der Wohlthätigkeit, wie sie bei unsren Vätern üblich war, jetzt aber fast ganz verschwunden ist, wobei ich selbstverständlich den Osten ausnehme, der mir hierin unbekannt ist. Es leuchtet mir da schnell ein, daß ein nicht geringer Unterschied obwalte. Welcher aber? Ich habe darüber nachgedacht, und mich vor Allem vor Parteilichkeit zu schützen gesucht. Denn die Erfahrung hat mich gelehrt, daß jede menschliche Einrichtung, so viele Lichtseiten sie auch haben möge, nicht ohne Schattenseiten ist, und daß jeder Gewinn durch einen Fortschritt doch auch einen Verlust nach einer anderen Seite hin hat. Ich strebe daher danach, weder ein Lobpreiser des Alten, noch ein unbedingter Bewunderer des Neuen zu sein. Gestalten Sie mir daher. Einiges zur Beantwortung der obigen Frage an dieser Stelle vorzutragen, vielleicht daß daraus einige nicht zu übersehende Winke für die Zukunft hervorgehen. Um es kurz zu sagen: die frühere Praxis der Wohlthätigkeit scheint mir mehr eine persönliche, eine mehr von der Person geübte und die persönliche Thätigkeit in Anspruch nehmende gewesen zu sein, während gegenwärtig die Wohlthätigkeit mehr auf dem Wege und in der Weise der Allgemeinheit geübt wird. Ich will dies nur mit einigen Strichen zeichnen. Jedermann war verpflichtet. Kranke zu besuchen, den Leichenbegängnisien beizuwohnen, bei Sterbenden zu wachen. Leidtragende zu trösten und ihnen Speisen zu senden; den dürftigen der Gemeinde Almosen persönlich auszutheilen, und wandernden Bettlern an seinem Tische einen Platz zu geben; auch Lehrer und Talmudjünger (Bocherim) halten ihren Reihetisch in den Familien. Wenn ein Fest nähere wie Purim, Pessach, Rosch-Haschana, so machte der Reiche oder auch Wohlhabende Päckchen mit kleinen Geldsummen je nach den Bedürftigen der Gemeinde, besonders für verschämte Armen, und ein Glied der Familie — kein Bediensteter — trug sie umher, so daß jede bedürftige Familie ein verhältnißmäßig erkleckliches Sümmchen zusammenbekam. Ebenso vertheilten die Begüterten Feuerungs-Materialien, Fleischquantitäten zu den Festen, Mehl zu Ostern. Die Gabbaim, d. h. Vorsteher einer Kasse führten deren Verwaltung ganz persönlich; es waren Vertrauensposten ohne irgend welche Controle; sie nahmen ein und gaben aus ohne Rechnungsablegung. In jeder Gemeinde — so große wie jetzt Berlin, Wien, Pest, Paris, London :c. aufzuweisen haben, gab es damals außer in Polen und im Oriente noch nicht — in jeder Gemeinde gab es eine und die andere Persönlichkeit, männliche und weibliche, welche die Wohlthätigkeit gewisiermaßen zu ihrem Lebensberufe gemacht, nicht immer Leute, welche in ihrem Hause die Sorgenlosigkeit herbergten. Sie widmeten sich besonders der freiwilligen Krankenpflege, die sie Tags unv Nachts, ohne Unterschied bei Reich und Arm, ohne daß sie auch nur die geringste Erfrischung annahmen, und wobei sie jede Vergeltung, jedes Geschenk abwiesen, in unermüdlicher Weise übernahmen, die Nächte durchwachten und am Tage Almosen sammelten, um sie den Familien der Kranken zu bringen, oder anderen Hülfsbedürftigen aufzuhelfen. Dabei waren sie anspruchslos, heiter, hatten ein tröstendes oder gar ein munteres Wörtchen auf der Lippe. Sie besaßen durch ihre Hingebung und Erfahrung ein solches Vertrauen, daß selbst der Schwerkranke bei ihrem Eintritt sich erleichtert und geholfen glaubte. Ich male hier aus der Wirklichkeit. Ich habe solche Personen noch genau gekannt. In meiner Vaterstadt kannte ich eine recht wohlhabende Frau, ohne welche nicht blos in den jüdischen, sondern auch in manchen christlichen Familien keine Geburt vorsichging und welche während der ersten Tage und Nächte die Pflege in den Wochenstuben übernahm. Als ich einmal nach einer größeren Stadt zum Besuche