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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-12-25 · Heft 52 (25.12.1877) · p. Seite 822

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 52 (25.12.1877)
Date
1877-12-25
Page
Seite 822 (sequence 2)
Language
German
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822 Kabbala entartet, jeder poetische Gjeist entflohen und nun war auch die Satzung aus der Discussion herausgezogen und versteinert — ja, je getreuer und ängstlicher die gesammte jüdische Masse an der Ausübung dieser zweifellos festgestellten Satzungen hing, desto schwächer floß unter dieser dicken Eisrinde der Strom des religiösen Lebens. Fiel doch die Behandlung der Glaubens- und Sittenlehre aus den Händen der eigentlichen Rabbiner, die sie als selbstverständliche Dinge mißachteten, unter die alleinige Pflege der geschwätzigen, geschmacklosen, fabulirenden Maggidim. Was aus solchen Zuständen hervorgehen mußte, als die göttliche Borsehung endlich die Sonne der Cultur, der socialen und wissenschaftlichen Aufklärung auf dieses Eisgewölbe fallen ließ, ist heute nicht unsre Aufgabe darzustellen. Caro verstand es, eine bessere Systematik, eine strengere und übersichtlichere Ordnung in die ganze Maffc des Gesetzes zu bringen, als es seinen Vorgängern gelungen war. Aber was ist unter seiner Feder aus der Religion geworden? Nichts als ein riesenhaftes Fachwerk von juristischer Consequenzmacherei für unendliche Praktiken, nichts als Casuistik für alle möglichen und unmöglichen Fälle, aufrechterhalten durch die knechtische Furcht vor der Strafe Gottes, mit Ausschluß aller Gewiffensfreiheit, aller Selbständigkeit der religiösen Anschauung und Gesinnung. Dabei nimmt er aus dem Talmud wieder auf, was als abergläubisch Maimuni und Ascheri übergangen, huldigt jener ausschließenden Frömmelei, welche keine andere Regung des Menschenherzens neben sich duldet, und läßt dem Geiste des Fanatismus den offensten Eingang, indem er aus dem Talmud vereinzelte fanatische Uebertreibungen als rechtsgültig in seinen Codex aufnimmt. Beweisende Beispiele wollen wir hier nicht citiren; es sind dergleichen bereits von Vielen aufgeführt, z. B. auch von dem (reformfeindlichen) Grätz (B. IX, S. 430). Eine düstere Religionsanschauung beherrscht Caro, immer zwar auf frühere Autoren gestützt, aber doch von ihm mit voller Autorität vorgetragen. Man lese z. B. Jor. Deah -Lvr § 4, wie der ganzen Familie, in welcher ein Todesfall vorgekommen, das ganze Trauerjahr hindurch das Schwert des Todesengels auch ferner drohe, und die Angst vor einem solchen Geschick die Seelen der Trauernden erfüllen müsse, bis etwa ein Knabe in der Familie geboren worden. — Jede Gemüthsregung überhaupt wird nach Fuß und Zoll abzemeffen, sei es Freude, sei es Trauer, und wie ein Stück Thon in eine bestimmte Form gebracht. Die Anhäufung der Vorschriften ist so groß, daß wie man längst bemerkt hat, der Jude, der genau nach dem Schulchan Aruch leben wollte, keine Viertelstunde existiren könnte, da seinen Lebensbetürfniffen in jedem Augenblicke ein kaum zu überwältigendes Hinderniß entgegengestellt wird. Aber bas Volk rächte sich, indem es aus der Erfahrung das Sprüchwort bildete: „Jeder Jude hat seinen eigenen Schulchan-Aruch^, d. h. schafft sich aus dem Sch.-A. seine eigene Regel, indem er der einen Vorschrift seine Aufmerksamkeit zuwendet, die andere unbeachtet läßt. So schafft sich die individuelle Gewiffensfreiheit immer wieder Raum. Oesters fand dies allerdings da statt, wo es am füglichsten anders sein sollte. So begegneten wir unter den zahlreichen Orthodoxen, welche die Vorschriften des Sch.-A. als unfehlbar verehrten und als unantastbar befolgten, kaum Drei, welche § 1 Abschn. 240 von der Verwendung des Fünften und Zehnten zu wohlthätigen Wecken beobachteten! Hierzu kommt endlich, daß Caro eine Menge Gegenstände behandelt, und zwar mit derselben kasuistischen Ausführlichkeit, welche längst außer Gebrauch gekommen, und daß er, der Spanier, sich zumeist den spanischen Gebräuchen zuneigte und die der deutschen und polnischen Juden bei Seite liegen ließ, welche letztere denn doch vieles Herkömmliche beibehielten. War so der Sch.-A. auch in der Zeit seiner unbeschränkten Herrschaft immerhin ein durchlöcherter Boden, da es sich nach feiner ganzen Strenge gar nicht leben ließ, so wurde er dies mit der Zeit der Culturentwickelung unter den Juden immer mehr. Jetzt war es, wo die Thorath Moscheh auch wieder mitzureden hatte, jetzt wo die Propheten wieder zum Volke sprachen in einer von ihm verstandenen Sprache, und wo in ihrem Geiste zu ihm geredet ward, jetzt wo die Töne der h. Sänger in dem Herzen des Volkes wieder lautbar wurden, jetzt, wo der Geist der großen spanischen Ahnen, die von der Phantasterei der Kabbala und von der Juristerei der Codificatoren in die Höhle der Schatten gedrängt worden, wieder umzugehen begann im Lichte des neuen Tages. Freilich hatte Caro auch schon hierin vorgesehen. Wie einst die Vorfahren einen „Zaun" um das Gesetz gemacht, d. h. um die Verletzung eines Gesetzes zu verhüten, Vorschriften gegeben, deren Beobachtung die Uebertretung jener verhüteten — so hatte auch Caro einen Zaun um den Inhalt seines Codex gemacht, der jedoch in Strafen und Verketzerung bestand. Er vecretirt, um nur ein Beispiel anzuführen, noch eine gute Tracht Prügel für den, der zum Armenfond nicht beitragen will, wie denn überhaupt mit solchen nicht sparsam umgegangen wird — auch Etwas, was sich selbst der eifrigste Anhänger des Sch.-A. jetzt nicht gefallen ließe. Aber sein Fanatismus geht noch weiter. Im Jor. D. §251 wird vorgeschrieben, daß man den, der eines von den Geboren übertreten hat, ohne Buße gethan zu haben, verhungern laffen könne, ihm weder Etwas zu geben noch zu borgen schuldig sei. Mit diesem Paragraphen in der Hand kann man jeden fanatischen Terrorismus rechtfertigen, da er eben nur aus Mangel an Macht negativ ist, aber im Falle der Gewalt auch bald positiv Vorgehen würde. Es versteht sich von selbst, baß auch derartige Zwangsmittel und fanatische Vorschriften seit unvordenklichen Zeilen nicht in Praxis waren, auch nicht zur Zeit des Caro selbst, der sie jedoch durch seine Aufnahme in den Codex wieder ans Licht schaffte und ihre Anwendung erwirken wollte. Es gelang ihm dies nicht, es sei denn unter der Geißel einiger orientalischen Chacham-Baschi's. Was soll man nun dazu sagen, wenn gegenwärtig die Scparatistenführer in Mainz und anderswo, nachdem ihnen die

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